Nach über hundert Jahren ist Schluss

Harald Bloos hat das "Gasthaus zum Reinhardswald" in vierter Generation geführt

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Die Zeit ist reif für Veränderung, sagt Harald Bloos, der sein 2150 Quadratmeter großes Grundstück in Wilhelmshausen verkaufen möchte. 

Nach vier Generationen ist Schluss: Harald Bloos will das Gasthaus, das sein Urgroßvater um 1900 in Wilhelmshausen an der Fulda gebaut hat, verkaufen. Sogar Kaiser Wilhelm war hier zu Gast. 

Es kann gut sein, dass irgendwo auf Schloss Marienburg bei Hannover ein Ölgemälde hängt, auf dem das „Wertshuß Schoppe un sinn Werts-Gaarten mit der ahlen Linde in Willemshusen“ zu sehen sind, wie es der Mundartdichter Gustav Wentzell in seinem „Weser-Lied“ schreibt.

Denn schon der Deutsche Kaiser und seine Tochter Viktoria Luise verbrachten mit Vorliebe sonnige Nachmittage im „Gasthaus zum Reinhardswald“ mit Blick auf die Fulda. Aus diesem Grund wünschte sich Prinzessin Viktoria auch zu ihrer Hochzeit mit dem Kronprinzen von Hannover und Herzogs von Cumberland Ernst August ein Ölgemälde mit vergoldetem Rahmen, das genau diese Szenerie zeigte. So zumindest steht es im Weser-Lied.

Das „Gasthaus zum Reinhardswald“ ist ein Haus mit Geschichte, das Harald Bloos bereits in vierter Generation führt und jetzt verkaufen möchte. Schon um 1900 baute sein Urgroßvater Albert Schoppe das Haus am Ufer der Fulda in Wilhelmshausen und betrieb hier eine Gaststätte. Später übernahm sein Sohn Willi das Gasthaus, der es 1965 an seinen Enkel Harald Bloos übergab. Auf Postkarten, die sein Urgroßvater vor dem Ersten Weltkrieg an einen Neffen versandte, sind der Biergarten mit der alten Linde und die Terrasse vor dem Wirtshaus gut zu erkennen. Mit den Jahren wurde einiges um- und angebaut, so wie der große Saal für Veranstaltungen, und der Biergarten und die Linde verschwanden.

So sah das Haus 1900 aus: Das „Gasthaus zum Reinhardswald“ auf einer historischen Aufnahme.

„Schon vor 100 Jahren war hier richtig was los“, sagt Harald Bloos. Wanderer, Ausflugsgruppen, Vereine und Familien kamen, um gut zu essen, zu trinken, Feste zu feiern und den Blick auf die Fulda zu genießen. Und eben auch der Kaiser mit Anhang. Das Geschäft brummte.

Bloos stand – außer mittwochs – immer Punkt 10 Uhr hinter der Theke, 25 Jahre lang. „Egal wie lang es am Abend vorher im Saal gegangen war.“ Seine Frau Karin und er servierten den Gästen Mittagessen, Kaffee und Kuchen sowie Abendbrot. Die Familie Bloos hätte theoretisch 300 Gästen gleichzeitig Platz bieten können – im großen und im kleinen Saal, der Gaststätte, auf der Terrasse, im Biergarten und im kleinen Klubzimmer des Gasthauses. „Wenn man eine Gaststätte so betreibt, wie wir es gemacht haben, muss man richtig Gas geben“, sagt der 73-Jährige.

Doch irgendwann wollten sie das Tempo nicht mehr gehen und seine drei Töchter hatten sich beruflich anders orientiert. Deshalb verpachtete er die Gaststätte für viele Jahre. Erst vor sieben Jahren nahm Bloos das Ruder wieder selber in die Hand. Allerdings mit Einschränkungen. Die Gaststätte ist seither geschlossen, im ersten Stock des Hauses hat er acht Pensionszimmer ausgebaut, die er mit Frühstück vermietet.

Jetzt, mit 73 Jahren, will er endgültig einen Strich unter die Sache ziehen, wie er sagt. Deshalb möchte er das 2150 Quadratmeter große Grundstück mit 600 Quadratmetern Gewerbe- und 400 Quadratmetern Wohnfläche verkaufen. Auch aus seiner eigenen Wohnung wird er dann ausziehen. Er könne zwar noch nicht einschätzen, wie es sich anfühlen werde, das Haus zu verlassen, das sein Urgroßvater gebaut habe, räumt Bloos ein. Aber räumliche Distanz sei sicher von Vorteil, wenn ein neuer Besitzer eigene Ideen umsetzen werde.

Aber eines wünscht sich Bloos: Dass es wieder so wird wie früher, als das „Gasthaus zum Reinhardswald“ eine Anlaufstelle für Touristen und Einheimische gleichermaßen war, die das gute Essen und die familiäre Atmosphäre schätzten. „So sollte es wieder sein.“

Ob es ihm fehlen wird, kann er nicht sagen. „Aber die Zeit ist reif.“ Er hat auch schon eine Idee, wie er die Zeit als Rentner nutzen kann. „Ich müsste eigentlich mal recherchieren, wo das Ölgemälde jetzt ist.“ Bis nach Hannover ist es ja nicht weit.

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