Wie durch ein Wunder überlebten alle das Unwetter

So wütete vor 25 Jahren das Jahrhundert-Unwetter in Fuldatal

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Schlammwüste: Straßen in Fuldatal verwandelten sich in Flüsse, Häuser standen bis ins erste Stockwerk unter Wasser.

Schlamm im Wohnzimmer und Schäden in Millionenhöhe: Am 25. April 1994 zerstörte ein Jahrhundert-Unwetter große Teile Fuldatals. Trotzdem sprechen manche heute vom Wunder von Fuldatal.

Was sich vor diesem Tag wohl niemand in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können, wurde am 25. April 1994 Wirklichkeit. Ein Jahrhundert-Unwetter brach an diesem Montagabend über Fuldatal herein. Bis heute empfindet Hans-Hermann Trost es als ein kleines Wunder, dass bei dem Unwetter niemand verletzt wurde. „Da hatte der liebe Gott seine Schippe dazwischen“, sagt der damalige Fuldataler Gemeindebrandinspektor.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Trost an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feierte. Zumindest vermutet das seine Frau Maritta. 200 Gäste waren in die Feuerwache gekommen und der damalige Fuldataler Bürgermeister Rudolf Stoepel hatte gerade seine Rede begonnen, als der erste Regen einsetzte.

Der Himmel sei schon nachmittags nachtschwarz gewesen, erinnert sich Trost, und über Hessisch Lichtenau und Lohfelden habe es auch schon geregnet, aber dass sich das Unwetter gerade über Fuldatal völlig entladen würde, damit hatte keiner gerechnet. Während in der Feuerwache der offizielle Teil des Geburtstages seinen Gang ging, fingen reihum bei den Freiwilligen die Meldegeräte an zu piepen. „Innerhalb einer Stunde waren die Felder überschwemmt und die Straßen auch“, sagt Trost. Und die Geburtstagsgesellschaft war dramatisch geschrumpft.

Aufräumarbeiten: Tage lang war Danuta Wagner in der Herderstraße in Ihringshausen damit beschäftigt, Ordnung zu schaffen.

450 Feuerwehrleute im Einsatz

Auch das Geburtstagskind verließ um kurz vor 18 Uhr die Feier und „danach hat mich die Geburtstagsgesellschaft auch nicht mehr gesehen“, erzählt Trost. Denn in der Einsatzzentrale lief eine Einsatzmeldung nach der anderen ein. Insgesamt 1500 waren es, von denen die Freiwillige Feuerwehr 500 in den nächsten drei Tagen abarbeitete. „Wir konnten nicht auf Anhieb allen gleichzeitig helfen“, sagt Trost. Ab 20 Uhr holte er weitere Wehren aus anderen Gemeinden dazu. Trotzdem mussten sich viele Menschen selber helfen, vollgelaufene Keller auspumpen, retten, was zu retten war. „Man muss Prioritäten setzen“, sagt Trost. Zum Beispiel eine Trafostation der EAM retten. Das Unwetter richtete in der Gemeinde Millionenschäden an.

„Wir hatten in Fuldatal 23 Einsatzwagen und etwa 150 Leute in den Wehren der Ortsteile“, erinnert sich Hans-Hermann Trost, der mit Gründung der Gemeinde 1970 bis 2002 ganze 32 Jahre lang Gemeindebrandinspektor in Fuldatal war. Insgesamt waren 450 Feuerwehrleute aus allen umliegenden Gemeinden drei Tage lang im Einsatz. Trotzdem kamen die Kameraden nicht hinterher.

Straßen hatten sich in kürzester Zeit in Flüsse verwandelt, Häuser standen bis ins erste Obergeschoss unter Wasser. „Wenn das Wasser kommt, dann kann man nur hilflos zuschauen“, erinnert sich Maritta Trost. „Es steigt unaufhörlich.“

Schäden in Millionenhöhe: Die Kläranlage in Simmershausen wurde unter Geröllmassen verschüttet.

Kläranlage war verschüttet

Irgendwann kam die Meldung, dass die Kläranlage in Simmershausen unter Wasser stand. „Das THW aus Kassel hatte gerade angerufen und gefragt, wo sie helfen könnten“, erinnert sich Trost. „Gas, Wasser, Scheiße – das können die, also habe ich sie nach Simmerhausen geschickt.“ 20 Minuten später ein Funkspruch der Kollegen aus Kassel: Die Kläranlage sei nicht aufzufinden. „Da haben sich in der Einsatzzentrale erst mal alle totgelacht“, erzählt Trost. Doch das Lachen verging ihm schnell. Die Kläranlage – anderthalb Geschosse hoch – war weg. Begraben unter Geröll. Niemand hatte gewusst, dass sich hinter der Kläranlage ein alter Steinbruch befand. Durch das Unwetter hatte sich das Geröll gelöst und die Kläranlage verschüttet. Es dauerte zwei Jahre, die Anlage wieder aufzubauen.

Dass niemand verletzt wurde, erscheint vor allem auch dann als Wunder, wenn Hans-Hermann Trost von der Familie erzählt, die an diesem Tag über einen Feldweg fuhr, weil die Straßen unter Wasser standen. Plötzlich versank das Auto in einer Bodenwelle, die durch das viele Wasser nicht zu sehen gewesen war. Nur durch Zufall kam in diesem Moment ein Feuerwehrfahrzeug vorbei. Das Auto lief bereits voll, aber auf dem Rücksitz saßen noch zwei kleine Kinder. Die Feuerwehrmänner konnten sie nur noch über das Schiebedach retten. „Das war das Dramatischste, was an diesem Tag passiert ist.“ Bis heute bekommt Trost Gänsehaut, wenn er davon erzählt. Er mag sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Kameraden nicht vorbeigekommen wären.

Auch die Feuerwehr selber traf es. „Die Funkanlage in der Zentrale ging nicht mehr“, erzählt Trost. Dank der Kameraden aus Baunatal konnte der Feuerwehr-Keller schließlich ausgepumpt werden. Es dauerte Monate, bis wieder alle Keller in Fuldatal trocken waren. Schäden gab es in allen Ortsteilen. Das Wetteramt erklärte später, dass in zwei Stunden 60 Liter Wasser pro Quadratmeter gefallen waren.

Schlammchaos in Fuldatal: In diesem Haus der Familie Zinke in Ihringshausen stand das Wasser bis ins Wohnzimmer. Die Aufräumarbeiten in der Gemeinde dauerten Monate.

Gegen vier Uhr in der Früh entließ Hans-Hermann Trost die meisten auswärtigen Feuerwehr-Kameraden. Er sei ungemein stolz gewesen auf die Kameraden, die drei Tage durchgearbeitet hatten. „Da wird man auch innerlich aufgebaut, dafür machst du den Feuerwehrdienst.“ Vergessen hat diesen Tag niemand, der ihn miterlebt hat. Und dank des reichhaltigen Geburtstags-Buffets, das Maritta Trost vorbereitet hatte, waren die Feuerwehrmänner auch so gut versorgt wie selten bei einem Einsatz.

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