1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel
  4. Fuldatal

Bürgermeister Karsten Schreiber über Fuldatals finanzielle Lage

Erstellt:

Von: Sebastian Schaffner

Kommentare

Das Bild zeigt Fuldatals Bürgermeister Carsten Schreiber auf dem Lohberg mit Fernsicht. Im Hintergrund Ihringshausen und Rothwesten.
Lieblingsplatz Lohberg: Karsten Schreiber mag die Anhöhe, weil sie ihn daran erinnert, dass er dort Mitte der 90er-Jahre als Wehrführer maßgeblich daran mitgewirkt hat, das Fest „Am Lohberg brennt’s“ wieder aufleben zu lassen. Der Fernblick, hier in Richtung Ihringshausen und Rothwesten (hinten rechts), ist ein weiterer Grund für den Fuldataler Bürgermeister, immer wieder hierher zu kommen. © Sebastian Schaffner

„Können keine Geschenke verteilen“

Corona, Krieg, Inflation 2022 hat unser Leben kräftig durcheinandergewirbelt. Wie erleben die Kommunen diese Zeit? Was sind jetzt die Herausforderungen? Wir fragen bei den Bürgermeistern nach. Heute: Karsten Schreiber (CDU) aus Fuldatal.

Herr Schreiber, es soll ja Menschen geben, die mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gehen. Was nehmen Sie sich vor?

(überlegt lange) Angefangene Sachen zu Ende bringen.

An was denken Sie?

(überlegt kurz) An Hunderte von Vorgängen. Man sollte sich nicht immer neue Sachen vornehmen, sondern versuchen, möglichst viel fertig zu bekommen. Das nehme ich mir nun vor.

Was sind die größten Projekte, die 2023 in der Gemeinde anstehen?

Die größten Maßnahmen sind der Bau von fünf Radwegen und Lückenschlüssen nach Holzhausen, Vellmar und Kassel sowie die Beschaffung von drei Ersatzfahrzeugen für die Feuerwehr. Dazu kommt die Sanierung des Hochbehälters in Wilhelmshausen sowie neue Belüfter und PV-Anlagen auf den Kläranlagen. Weitergehen soll es auch mit der Sanierung der Sporthalle in Ihringshausen.

Die Krisen machen nicht nur privaten, sondern auch kommunalen Haushalten zu schaffen. In Ihrem Budgetentwurf steht ein Plus von 25 000 Euro. Wie realistisch ist das?

In den letzten Jahren war das Ergebnis immer besser als der Plan. Das gibt Hoffnung. Aktuell erleben wir eine Beruhigung bei den Strompreisen. Auch die Gaskrise scheint im Griff zu sein. Heizöl ist nach wie vor teuer, aber es geht in die richtige Richtung. Alles in allem erwarte ich – Stand heute –, dass am Ende sogar ein bisschen mehr Geld bei uns hängen bleiben könnte als geplant.

Was würde die Gemeinde damit machen?

Geschenke können wir jedenfalls nicht verteilen. Wenn mehr Geld übrig bleibt, bedeutet das lediglich, dass wir am Jahresende weniger Kredite aufnehmen müssen. Wir finanzieren uns nach wie vor über Kredite. Das ist so, als würde ich als Privatperson, für alles, was ich mache, bei der Bank einen Kredit beantragen. Es gibt Kommunen, die schaffen das ohne. Das könnten wir auch, wenn wir nicht diese ganzen Altschulden hätten.

Im Wahlkampf 2018 sind Sie unter anderem mit dem Ziel angetreten, die Schulden abzubauen. Wie steht die Gemeinde finanziell da?

Nach zwei Jahren mit späten oder gar keinen Haushaltsgenehmigungen wollen wir wieder handlungsfähiger werden. Die Gründe liegen vor allem in der schwierigen finanziellen Lage der Gemeinde und dem vollständigen Ablösen der hohen Schulden des Gewerbegebietes Ihringshausen-West. Zum allerersten Mal sind alle Schulden in den Bilanzen und werden über 20 Jahre bezahlt. Das belastet uns über viele weitere Jahre, aber wir haben jetzt endlich Planungssicherheit.

Über welche Summen reden wir?

Alles zusammen hat die Gemeinde über 40 Millionen Euro Schulden. Dem steht inzwischen aber auch Vermögen gegenüber. Das war nicht immer so. Als ich 2013 anfing, hatte die Gemeinde ihr Eigenkapital vernichtet. Wir hatten eine Eigenkapitalquote von null oder gar minus, also mehr Schulden als Vermögenswerte. In den letzten Jahren haben wir uns beim Eigenkapital langsam hochgearbeitet, liegen nun bei etwa 18 Prozent.

Rund eine halbe Million Euro lässt sich die Gemeinde pro Jahr das Waldschwimmbad kosten. Am 18. Januar will sich ein Förderverein gründen. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Wie immer entscheidet das Parlament über den Haushalt. Und das hat signalisiert, dass es keine Steuererhöhungen will. Ich bin deshalb sehr auf die kreativen Vorschläge aus der Gemeindevertretung gespannt. Zum Bad selbst gibt es positive Entwicklungen. Im Dezember haben wir eine neue Gebührensatzung beschlossen, die Mehreinnahmen vorsieht. Wenn der Sommer wieder so gut wird wie dieses Jahr, hilft das, die Kosten ein wenig aufzufangen. Und der Förderverein kann möglicherweise auch seinen Beitrag leisten. Ich bin also vorsichtig optimistisch.

Eine Möglichkeit, als Gemeinde Geld einzunehmen, ist die Gewerbesteuer. Wie entwickelt sich das Fuldataler Gewerbe?

Sehr erfreulich. Die Fuldataler Gewerbetreibenden sind sehr fleißig und gut durch die bisherigen Krisen gekommen und investieren weiter. Mehr als 30 Neubauten sind in den letzten zehn Jahren entstanden, das Gewerbesteueraufkommen hat sich seitdem fast verdreifacht, liegt jetzt bei fünf Millionen Euro. Mehrere Hundert zusätzliche Arbeitsplätze sind entstanden. Wir verhandeln seit längerer Zeit über eine Weiterentwicklung im Gewerbegebiet Ihringshausen-West. Recht weit sind die Verhandlungen über die Ansiedlung einer großen Seniorenpflegeeinrichtung mit betreutem Wohnen, hier sollte es in diesem Jahr zu Entscheidungen kommen. Ebenfalls schon lange in der Planung ist der Ersatzneubau eines Rewe-Marktes an der Stadtgrenze nach Kassel mit Ansiedlung einer Drogerie.

Mehr Einwohner bedeuten ebenfalls mehr Einnahmen. Planen Sie neue Baugebiete?

Nein. Die Gemeinde hat so gut wie keine eigenen Flächen mehr. Wir müssten also welche kaufen. Die Preise für Grundstücke sind derzeit exorbitant hoch. Das gilt auch für die Erschließungskosten. Es gibt ein kleineres Baugebiet in Ihringshausen von einem privaten Investor. Auch in Wahnhausen gibt es jetzt für eine kleine Fläche Baumöglichkeiten und Rothwesten hat ebenfalls noch ein Neubaugebiet. Ausgeprägt ist bei uns derzeit das Verdichten im Bestand auf großen Grundstücken und der Aufkauf von Bestandsgebäuden mit Abriss und Neubau.

Wenn Sie auf 2022 zurückblicken: Was bleibt hängen?

Am erfreulichsten war das wachsende bürgerschaftliche Engagement. Die Menschen haben verstanden, dass vieles nur erhalten werden kann, wenn man anpackt und mitmacht. Dafür gab es zahlreiche Beispiele wie die großen Feste „Am Lohberg brennt´s“, das „Bergfest“, die „Fulle in Flammen“ und die Weihnachtsmärkte. Beispielhaft sind auch die Eigenleistungen bei der Instandsetzung von kommunalen Immobilien, das Engagement von Fördervereinen in Kitas und Schulen sowie die Wiederbelebung der Dorfgemeinschaft in Knickhagen.

Was bleibt Ihnen negativ in Erinnerung?

Wir müssen leider feststellen, dass der Umgang mit öffentlichem Eigentum drastisch schlechter geworden ist. Vandalismus, Vermüllung unserer Landschaft, das Nichtpflegen eigener Grundstücke und Rücksichtslosigkeit hat ein Ausmaß angenommen, das erschreckend ist. Wir sind da als Gemeinde auch ein bisschen ohnmächtig und könnten nur mit massiven Ordnungsmaßnahmen dagegen arbeiten. Aber dann wären wir nicht mehr der fürsorgende Partner des Bürgers, sondern der Oberlehrer, der straft. Das möchte ich nicht. Aber möglicherweise wird das in Teilbereichen nicht mehr anders gehen. Darüber müssen wir in diesem Jahr ernsthaft diskutieren.

Wie ist die Situation in der Erstaufnahme?

Überschaubar und beherrschbar. Wir haben in der Erstaufnahme derzeit rund 300 Menschen. Das Land weist dem Standort im Moment Familien mit Kindern zu. Kinder wirken in solchen Einrichtungen stabilisierend. Hinzu kommt, dass wir da oben eine gute Betreuung und engagierte Leute haben. Von daher ist es dort derzeit relativ ruhig – zumal sie allerdings auch nicht so voll ist wie an anderen Standorten. Das kann sich aber im Laufe des Jahres schnell ändern.

Auch interessant

Kommentare