Museum in Fuldatal startet Videoprojekt

1 Kilo Kassler für 12 D-Mark: Zeitzeugen erzählen von Währungsreform

Gerda Barttlingck wird von Filmemacher Ingo Rudloff interviewt.
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Sie kann sich noch ganz genau erinnern, was sie mit ihren 40 D-Mark gekauft hat: Zeitzeugin Gerda Barttlingck wird für die Neukonzipierung des Museums Währungsreform von Filmemacher Ingo Rudloff interviewt.

Das Museum Währungsreform in Fuldatal hat für ein Videoprojekt sechs Zeitzeugen über die Zeit vor, während und nach der Währungsreform 1948 befragt.

Fuldatal - Ingo Rudloff hat sich als Filmemacher seit vielen Jahren auf Zeitzeugen-Interviews spezialisiert, die europaweit in musealen Ausstellungen zu sehen sind. Er hat also schon viele ältere Menschen interviewt. Aber Gerda Barttlingck ist bei Weitem die älteste Person, die jemals vor seiner Kamera saß. Die fröhliche und rüstige Seniorin, die im Awo-Altenzentrum Fuldabrück lebt, wurde gestern 101 Jahre alt.

Sie ist eine von sechs Zeitzeugen, die für das Museum Währungsreform in Fuldatal in den vergangenen zwei Tagen interviewt wurden, um über die Zeit vor, während und nach der Währungsreform 1948 zu sprechen. Und obwohl das alles schon über 70 Jahre her ist, kann sich Barttlingck noch genau erinnern, was sie mit den 40 D-Mark gemacht hat, die damals von den Westalliierten ab dem 20. Juni 1948 an jeden Bürger ausgegeben wurden.

„Ich war damals in Hannover“, sagt die gebürtige Hannoveranerin, und sie habe mit den 40 D-Mark in der Hand gedacht: „Mensch, jetzt bist du reich.“ Überall gab es plötzlich Dinge, die es in all den Jahren des Krieges und der Hungerjahre danach nicht gegeben hatte: Apfelsinen, Weintrauben und Fleisch. „Das Geld war so schnell weg“, erinnert sich die Seniorin und lacht.

Aber ein wenig Geld habe sie noch übrig gehabt und davon Stoff für ein Kleid für ihre damals fünfjährige Tochter gekauft. „Die hat sich so gefreut.“ Doch beim ersten Spaziergang im neuen Kleid sei die Tochter auf einen Zaun gestiegen und hängen geblieben. „Das Kleid riss und war nicht mehr zu retten.“

Barttlingcks Erinnerungen und die der weiteren fünf Zeitzeugen sollen den Besuchern des Museums die Zeit um 1948 näher bringen und sind ein Baustein der Umgestaltung des Museums auf dem ehemaligen Fliegerhorst in Rothwesten. Die Zeitzeugen-Interviews sind Teil des neuen Raumkonzepts, das die Kunststudenten Paula Kehl und Philip Scholz von der Kunsthochschule Kassel für das Museum Währungsreform 1948 in Fuldatal-Rothwesten ausgearbeitet haben.

Erstellt werden die Videos von der Firma Beier+Wellach aus Berlin, die sich auf die Entwicklung und Gestaltung von Kultur-, Kunst- und Bildungsprojekten spezialisiert hat. Ab Ende des Jahres sollen die Filme dann im Museum zu sehen sein, sagt Dietmar Bittner, 2. Vorsitzende des Museumsvereins. Finanziert wird das Projekt von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Für Kameramann Rudloff sind die Interviews auch oft eine Herausforderung, weil Erinnerungen auch immer mit Emotionen zusammenhängen. „Normalerweise heulen die Leute bei mir“, sagt der Filmemacher. Doch an Tag eins der Aufnahmen im Fuldataler Rathaus bleiben die Augen der Zeitzeugen trocken. Sie verbinden alle vor allem Positives mit der Einführung der D-Mark.

So wie Barttlingck. Es sei zwar alles sehr teuer gewesen, und es habe auch weiterhin Lebensmittelkarten gegeben, aber an Weihnachten 1948, da erinnert sie sich noch ganz genau, ergatterte sie 1 Kilo Kassler für die Familie. Für 12 D-Mark. (Amira El Ahl)

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