Vor 75 Jahren

Bis zum Ende dröhnten die Kanonen - die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Ihringshausen

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Vor dem Fabrikgelände der zerstörten Färberei Altmann traf der Ihringshäuser Bürgermeister Johannes Bickel auf die herannahenden amerikanischen Truppen. Das Foto der Färberei entstand kurz nach der Bombardierung im Oktober 1943. Aufnahmen aus der Besatzungszeit sind selten, da die Besatzungstruppen Kameras beschlagnahmten.

Der Kanonendonner war für die Menschen in Ihringshausen Anfang April 1945 ein ständiger Begleiter. Der damalige Bürgermeister beschreibt die Situation in der Ortschronik.

„In der Nacht vom 3. zum 4. April lag Ihringshausen unter stetigem, fast pausenlosem Artilleriebeschuss“, schildert der damalige Bürgermeister Johannes Bickel in seiner Ortschronik die Situation in dem Kasseler Vorort. Bickel verbrachte diese Nacht zusammen mit seiner Familie in den Schutzräumen des Bürgermeisteramtes. Viele andere Ihringshäuser saßen ebenfalls in den Bunkern des Ortes.

In der im Jahr 1960 im Selbstverlag herausgegebenen Ortschronik beschreibt Bickel die Geschichte des Dorfes – und auch das, was an dem Tag passierte, als die amerikanischen Soldaten kamen. „Gegen 10 Uhr ging das Gerücht, die Amerikaner seien von Wolfsanger über die Hasenhecke im Anmarsch“, berichtet der Chronist weiter. Während viele Bürger die Schäden an ihren Häusern begutachteten, machte sich der Bürgermeister auf den Weg in Richtung der amerikanischen Truppen.

Der Ihringshäuser Bürgermeister Johannes Bickel

Der Ihringshäuser Hans-Hermann Trost hat sich mit Bickel und der Ihringshäuser Geschichte beschäftigt. „Nach übereinstimmenden Berichten machte sich Bickel mit einer weißen Fahne auf den Weg“, sagt Trost. Das war zu diesem Zeitpunkt nicht ungefährlich. Einige Tage zuvor, so Bickel in seiner Chronik, sei eine auf rotem Papier gedruckte öffentliche Bekanntmachung Heinrich Himmlers öffentlich im Dorf angebracht worden. Diese besagte, dass das Hissen weißer Fahnen bei Herannahen feindlicher Truppen unter Todesstrafe stand. Auch seien noch vereinzelte Trupps deutscher Soldaten in der Gegend unterwegs gewesen.

„Der Bürgermeister traf auf Höhe der Färberei Altmann auf die Amerikaner“, so Trost weiter. Einer der Offiziere bemerkte, dass er es mit dem Bürgermeister der Gemeinde zu tun hatte und ging mit Bickel zum Bürgermeisteramt. Hier verlangte er, dass ein Aushang angebracht wurde. Dieser beinhaltete, dass alle Bewohner als Zeichen ihrer Loyalität weiße Fahnen aus den Fenstern ihrer Häuser hängen sollten. Für den Bürgermeister war das eine „groteske“ Situation, heißt es in der Chronik. Die Bekanntmachung der Amerikaner hing nun direkt neben dem roten Zettel, der das Hissen der weißen Fahne unter Todesstrafe stellte.

Die weiße Flagge am eigenen Haus hängte Bickel übrigens nicht selbst auf – das übernahm der amerikanische Offizier, den Bickel zuvor getroffen hatte. Bickel beschreibt das in der Chronik als „ritterliche Geste“. Es hätte ihn beschämt, die Fahne selbst am Haus aufzuhängen.

Auch wenn, so Bickel in der Chronik, am 4. April keine Kampfhandlungen bemerkt wurden, seien an diesem Tag im Gemeindebezirk acht deutsche Soldaten gefallen. „Im Nachbarort Simmershausen gab es noch ein paar Fanatische, die gegen die Amerikaner kämpfen wollten“, ergänzt Trost.

Mit der Einnahme und Besetzung des Ortes beschlagnahmten die Truppen Ferngläser, Waffen und auch Kameras. „Das ist der Grund, warum kaum Fotos aus der Besatzungszeit existieren“, sagt Trost. Auch Bickel musste sein Fernglas direkt bei der ersten Begegnung an der Färberei übergeben.

Zur Person Johannes Bickel

Johannes Bickel, geboren am 19. April 1877, war von 1917 bis 1947 Bürgermeister der ehemals selbstständigen Gemeinde Ihringshausen. In der Weimarer Republik stand er der nationalliberalen Deutschen Volkspartei nahe, war jedoch kein Mitglied. Ihm wurde die Ehrenbürgerwürde durch einen Beschluss der Gemeindevertretung im Jahr 1952 verliehen. 

Damit sollte sein jahrzehntelanges Wirken zum Wohl des Ortes gewürdigt werden. Bickel starb am 17. April 1973, kurz vor seinem 93. Geburtstag. Sein im Jahr 2010 restauriertes Ehrengrab befindet sich auf dem Ihringshäuser Friedhof

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