1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel
  4. Fuldatal

Manche Arztpraxen bleiben am Mittwoch zu

Erstellt:

Von: Valerie Schaub

Kommentare

Auch die Praxis Lehmann in Fuldatal-Ihringshausen wird am Mittwoch geschlossen bleiben. Die Hausärztinnen Raphaela Lehmann (links) und Eva Oenning beteiligen sich an dem hessenweiten Protesttag.
Auch die Praxis Lehmann in Fuldatal-Ihringshausen wird am Mittwoch geschlossen bleiben. Die Hausärztinnen Raphaela Lehmann (links) und Eva Oenning beteiligen sich an dem hessenweiten Protesttag. © Valerie Schaub

Patienten im Landkreis könnten am Mittwoch vor verschlossenen Arztpraxen stehen. Damit protestieren niedergelassene Ärzte gegen die Gesundheitspolitik. Bereits im Oktober blieben Praxen aus Protest geschlossen. Zwei Fuldataler Hausärztinnen erklären ihren Protest.

Kreis Kassel – Für den zweiten Protesttag am Mittwoch, 30. November, erwartet der Hausärzteverband deutlich mehr Schließungen - auch im Landkreis Kassel. Wie viele, stehe noch nicht fest. Die Hausärztinnen Raphaela Lehmann und Eva Oenning aus Fuldatal-Ihringshausen erklären, warum auch sie ihre Praxis am Mittwoch schließen.

Wogegen richtet sich der Ärzteprotest?

Hauptsächlich geht es den Haus- und Fachärzten darum, dass sie keinen Inflationsausgleich bekommen, gleichzeitig aber die Kosten steigen, erklärt Eva Oenning. Die 41-Jährige ist Ärztin in der Fuldataler Praxis. Neben den Energiekosten sind seit der Tariferhöhung für Medizinische Fachangestellte auch die Personalkosten gestiegen, sagt ihre Kollegin, Hausärztin Raphaela Lehmann (40). „Alles wird teurer und das ist schon die zweite Nullrunde.“ Niedergelassene Ärzte sind bei den regelmäßig stattfindenden Honorarverhandlungen mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV) leer ausgegangen, ihre Vergütung soll für 2024 und 2025 nicht angepasst werden. Das kritisieren auch der Hausärzteverband und die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH). Sie spricht von einer feindlichen und respektlosen Politik der Bundesregierung und des GKV-Spitzenverbands.

Inwiefern steigen die Anforderungen an Hausärzte?

Weil immer mehr Arztpraxen schließen und der Nachwuchs fehlt, nimmt auch die Fuldataler Praxis laufend neue Patienten auf. Vier in der Woche sind es laut Raphaela Lehmann. Bis sie sich einen Überblick über Medikamente, Vorgeschichte und Krankheitsbild verschafft haben, vergehe im Schnitt doppelt so viel Zeit. Bisher sei das über die Neupatientenregelung mit mehr Geld ausgeglichen worden. Die soll nun wegfallen.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Mehrbelastung?

Das sei zwar nicht Hauptthema des Protests, aber auch die Pandemie habe zu einer Mehrbelastung geführt – sowohl zeitlich als auch finanziell. Allein die Terminorganisation zu Beginn sei eine enorme Herausforderung gewesen. Arbeit am Abend und am Wochenende empfindet Raphaela Lehmann als Selbstständige zwar als normal. Aber das gelte nicht fürs Personal. Beim praxisinternen Impftag sei eine Fachkraft allein mit der Dokumentation beschäftigt. Eine weitere mit dem Impfen, ein Arzt mit der Aufklärung.

Patienten hätten zudem einen höheren Beratungsbedarf, und auch die psychische Belastung und Post-Covid-Fälle machten sich jetzt in den Praxen bemerkbar. Die Mehrkosten für Hygienestandards würden nicht abgedeckt.

Welche Gefahr sehen niedergelassene Ärzte?

„Wenn es finanziell nicht attraktiver wird, sich als Arzt niederzulassen, macht das keiner mehr“, sagt Raphaela Lehmann. Das wollten jetzt schon nur 60 Prozent aller Nachwuchsärzte. Auch die Bürokratie und Verwaltung nehme immer mehr zu, das schrecke viele ab. Zudem gebe es keine betriebswirtschaftliche Vorbereitung im Medizinstudium auf eine Selbstständigkeit.

Wie sieht der Protest aus?

Mit geschlossenen Praxen wollen Ärzte zeigen, wie es sein könnte, wenn weitere Praxen aufgrund der Gesundheitspolitik schließen. Für Notfälle haben sich die Praxen abgesprochen. „Wir haben ja einen Versorgungsauftrag.“ In Fuldatal bleibt dafür die Praxis von Habtom Haile in der Veckerhagener Straße 57 geöffnet.

Was fordern Ärzte noch?

Oenning und Lehmann fordern neben dem Inflationsausgleich auch mehr Zeit für Gespräche, weniger Apparatemedizin. „Ein Rezept ist schneller ausgestellt als ein Gespräch geführt.“ Dabei sei das Gespräch vor allem in der Hausmedizin mindestens genausowichtig. „Viele Patienten sagen, ich bin so schnell wieder beim Arzt draußen und habe meine Fragen nicht gestellt“, berichtet Lehmann. Aber Hausärzten werde es schwer gemacht, Zeit für diese Gespräche zu haben.

Wie ist die Resonanz?

In vielen Praxen können Patienten die Forderungen mit ihrer Unterschrift unterstützen. In Fuldatal haben schon 250 Patienten unterschrieben. Die Listen will der Hausarztverband an den Bundestag schicken.

Auch interessant

Kommentare