Bis zu fünf Tonnen im Jahr

Vom Brexit gefährdet: Gut Winterbüren in Fuldatal exportiert Holunder nach England

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Wachsen mit Blick auf den Häuschenberg in Rothwesten: Die Holunderbäume auf Gut Winterbüren. Dr. Friedrich von Waitz schaut, wie weit die Blüten bereits sind. Voraussichtlich Ende Mai kann geerntet werden. Dann werden die meisten Holunderblüten nach England verkauft. 

Fuldatal. Auf Gut Winterbüren in Fuldatal wird Holunder angebaut. Bis zu fünf Tonnen der empfindlichen Blüte werden jedes Jahr nach England exportiert. 

Fast 800 Kilometer liegen zwischen Gut Winterbüren in Fuldatal und London, der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs. Nichts scheint diese beiden Orte zu verbinden. Doch was die Mitglieder des Parlaments in Westminster bezüglich des Austritts aus der EU entscheiden, hat auch direkte Folgen für das idyllisch gelegene Gut am westlichen Ortsrand von Rothwesten.

340 Hektar Ackerflächen gehören zu Gut Winterbüren und Gut Waitzrod, die seit 1955 gemeinsam von der Familie von Waitz bewirtschaftet werden. Gerste, Weizen, Raps, Zuckerrüben und auch Weihnachtsbäume werden hier angebaut. Und auf 14 Hektar der Fläche wachsen Beerenpflanzen, auf zwölf Hektar Holunder, auf zwei Hektar Aronia.

„Holunderblüten“, sagt Gutsbesitzer Friedrich von Waitz, „sind was ganz Besonderes“ – und besonders beliebt in England. Dort sitzt, eine Stunde nördlich von London entfernt, der größte Abnehmer der Winterbürener Blüten. 80 Prozent der Ernte gehen auf die Insel. Nur 20 Prozent werden in Deutschland und nach Österreich verkauft. Der Brexit würde das Aus für die gewachsene Partnerschaft mit seinem englischen Kunden und Großabnehmer bedeuten. Denn lange Abfertigungen an einer Grenze würden die Blüten nicht überstehen.

Eine weitere Hürde: In England, erklärt der Unternehmer, gebe es keine lebensmittelrechtliche Zulassung für das Roh- und auch das Endprodukt. „Es gibt nur die EU-Norm, deshalb könnten die Engländer ihr eigenes Produkt im eigenen Land gar nicht mehr verkaufen.“

Dabei lieben die Engländer Holunder, in all seinen Variationen. Aus den Blüten wird eine Essenz hergestellt, die wiederum zu Limonade, Sirup, Gelee und sogar Wassereis verarbeitet wird. Auch in der Pharmaindustrie kommt Holunderessenz zum Einsatz.

Vor 25 Jahren fingen sie auf Winterbüren damit an, Holunder anzubauen. Eher durch einen Zufall, wie von Waitz erzählt. Jemand kam auf ihn zu, der Holunderbeeren für Lebensmittel und Textilfarben benötigte. Und da wilder Holunder zuhauf auf dem Gelände wuchs, war schnell klar, dass der Boden hier besonders gut geeignet ist für die kleinen Bäume mit ihren zarten Blüten und den schwarzen Beeren, die besonders reich an Vitamin-C- und Kalium sind.

Die vier Parzellen, auf denen in Winterbüren die Holundersträucher anwachsen, sind nach Südwesten ausgerichtet, „wie beim Wein“, wie von Waitz erklärt, der Boden ist nährstoffhaltig und hält sehr viel Wasser. Über den Hügeln am Horizont nach Calden besteht der Boden hauptsächlich aus Kalk. „Da wären die Pflanzen im vergangenen Sommer garantiert eingegangen“, sagt der Unternehmer. Zu viel Hitze, zu wenig Wasser im Boden.

Überhaupt: die Hitze. Wenn es zu warm ist, so wie im vergangenen Sommer, dann verschiebt sich die Ernte der Blüten schon mal ein paar Wochen nach vorn und dann ist es wichtig, erst gegen Abend zu pflücken. „Damit die Blüten abgepflückt nicht der Hitze ausgesetzt sind“, erklärt von Waitz. Die Holunderblüten verzeihen nichts. Die Blüten dürfen nicht braun oder verfärbt sein. „Die Ernte ist sehr selektiv und sehr aufwendig“, erklärt der Gutsbesitzer.

Für die Abnehmer seiner Blüten sei es wichtig, dass die Qualität der Blüten immer gleichmäßig hoch ist. Schon vor 20 Jahren wurde der Betrieb auf Bio-Anbau umgestellt. Alles, von der Pflege bis zur Ernte, wird per Hand erledigt. Die Blüten werden behutsam in vorbereitete Kisten gelegt und dann sofort per Kühlsattelschlepper zum Kunden transportiert. „Die Blüten müssen bei einer bestimmten Temperatur gehalten werden“, erklärt von Waitz. Bis zu fünf Tonnen Blüten ernten die maximal 25 Helfer, die aus den umliegenden Orten kommen, in einer Saison.

Sobald die Blüten verladen sind, geht es im Kühltransporter Richtung Westen, und wenn der Schlepper am nächsten Morgen gegen 6 Uhr in England angekommen ist, werden die Blüten sofort verarbeitet. „Da darf nichts dazwischenkommen“, sagt von Waitz. Deshalb hofft er ebenso wie sein Kunde, dass der Brexit am Ende doch nicht kommt. „Einen Plan B gibt es nicht.“

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