1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel

Gärten als Chance für Insekten im Landkreis Kassel

Erstellt:

Von: Boris Naumann

Kommentare

Das Bild zeigt einen furchtbar bunten Schmetterling.
Einst ein häufiger Schmetterling: Heute sieht man einen Schwalbenschwanz nur selten. Die Raupen des Falters leben auf Möhre, Dill und Fenchel, und können in Gemüsegärten beobachtet werden. Die Falter bevorzugen magere Grünlandbestände und Trockenrasen – Lebensräume, die immer seltener werden. © Niko Mönkemeyer

2017 sorgte die sie sogenannte Krefelder Studie für Aufsehen:

Kreis Kassel - Innerhalb von nur 26 Jahren ist die Biomasse von Fluginsekten um 75 Prozent zurückgegangen. Das Wort Insektensterben machte die Runde. Ein Jahr später gab es eine Ausstellung im Kasseler Naturkundemuseum. „Ausgesummt – das Insektensterben und seine Folgen“, lautete der Titel. „Es ist höchste Zeit für einen grundlegenden Wandel“, sagte damals Museumsleiter und Insektenexperte Kai Füldner. Hat sich in den vier Jahren etwas verändert?

Herr Füldner, kleben wieder mehr Insekten an Ihrer Windschutzscheibe, wenn Sie eine längere Autofahrt absolviert haben?

Nein. Es sind nach wie vor zu wenige – deutlich weniger als noch vor 30 Jahren. Die Situation in Sachen Individuen- und Artenvielfalt bei Insekten hat sich seit der Krefelder Studie bis heute nicht wirklich geändert. Positiv ist aber, dass das Problem durchaus in den Köpfen der Menschen angekommen ist, und dass hier und da ein Bewusstseinswandel stattfindet.

Was hat sich geändert?

Es gibt immer mehr Menschen, die im Kleinen den Insekten auf die Sprünge helfen. Viele lassen in ihren Gärten eine wilde, grüne Ecke stehen oder mähen vielleicht nur noch einmal im Jahr. Die Gartenränder der Stadt könnten in Sachen Insektenvielfalt in Zukunft tatsächlich eine große Rolle spielen. Aber auch bei den Gartenämtern tut sich was. Es wird weniger gemäht und gepflegt. Und auch dafür steigt die Akzeptanz. Warum sollte zum Beispiel der hintere Teil des Friedrichsplatzes in Kassel nicht eine Wiese werden?

Hauptursache für das Insektensterben ist doch die Art der Landwirtschaft.

Das stimmt. Daran hat sich auch nichts geändert. Nach wie vor werden riesige Flächen mit Pflanzen- und Insektengiften bearbeitet. Das steigert zwar den Ertrag und senkt die Kosten. Den Peis dafür zahlt aber die Natur. Ein Maisfeld ist eine Wüste, da lebt sonst nichts mehr.

Was müsste sich tun?

Um das zu ändern, müsste politisch viel mehr passieren, vor auch allem auf EU-Ebene. Die EU produziert nach wie vor Rahmenvorgaben, die die konventionelle Landwirtschaft unterstützen und verstetigen. Dem können sich viele Landwirte ja auch kaum noch entziehen. Und nicht zuletzt sind es auch wir Konsumenten, die darüber entscheiden, welche landwirtschaftlichen Produkte wir kaufen – konventionell oder eben biologisch erzeugte Produkte. Vor allem sollten wir weniger Fleisch konsumieren. Denn ein Großteil konventionell erzeugter Feldfrüchte dient nach wie vor der Futtermittelherstellung für die Fleischproduktion.

Wäre die Landwirtschaft nicht der entscheidende Hebel für Veränderungen?

Im Prinzip ja. Aber vermutlich wird vieles vom Willen Einzelner abhängen. Landwirte können jedes Jahr neu entscheiden, wie sie was auf ihren Flächen bewirtschaften wollen. Es kann genausogut ein Bewusstsein dafür entstehen, einmal eine kleine Fläche brach liegen zu lassen, eine Hecke nicht aus dem Boden zu reißen, und vielleicht auch mal Wegränder nicht zu häufig zu mähen.

Es gibt jetzt einen Landschaftspflegeverband im Landkreis, der sich um solche Sache kümmern soll.

Ja. Und das ist auch gut so. Nur braucht solch ein Verband Schlagkraft. Er muss stark und präsent sein, er muss kontrollieren können, Landwirte und Kommunen müssen ihn als einen Akteur wahrnehmen, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Wenn Veränderung wirklich gewollt ist, muss die Politik solch einen Verband entschlossen unterstützen.

Gibt es Erhebungen darüber, wie sich der Insektenbestand in den letzten Jahren entwickelt hat?

Ja. So arbeitet das Kasseler Naturkundemuseum fortlaufend an einem Monitoring für Bienen- und Schmetterlingsarten. Darin sind viele Einzelpersonen eingebunden, die Daten sammeln und aufbereiten – übrigens auch mit Blick auf andere Tier- und Pflanzenarten. An dieser Stelle arbeiten wir auch eng mit der Oberen Naturschutzbehörde zusammen, an die wir unsere Daten und Beobachtungen weitergeben.

Sorgt der Klimawandel für mehr Insekten?

Tatsächlich sorgt der Klimawandel dafür, dass viele neue Tier- und Pflanzenarten zuwandern und bei uns heimisch werden. Aber er sorgt auch dafür, dass viele Arten, die es lieber kühler mögen, abwandern und verschwinden. Unter dem Strich bleibt ein Nullsummenspiel.

Werden Blühstreifen das Insektensterben aufhalten können?

Blühstreifen sind ein Beitrag, Insekten das Leben leichter zu machen. Sie dienen in erster Linie als Nektarquelle, also als Tankstelle. Damit ist aber noch nicht berücksichtigt, was Insekten für ihr Larvenstadium, also für ihre Entwicklung hin zum fertigen Fluginsekt brauchen. Da sind oft ganz andere Habitatansprüche gefragt.

Welche Chancen sehen Sie für die Insekten in den nächsten Jahren?

Es ist klar ein wachsendes Interesse in der Bevölkerung zu erkennen. Es gibt immer mehr Leute, die im Rahmen von Citizen-Science-Projekten selber Daten zur Bestandssituation zum Beispiel von Insekten sammeln. Observation.org ist solch eine Plattform. Auch interessieren sich immer mehr junge Leute für dieses Forschungsfeld, was sich auch an den Unis bemerkbar macht. Je mehr sich dafür interessieren, desto geringer die Gefahr, dass das Thema Insektensterben aus dem Blick gerät.

Von Boris Naumann

Auch interessant

Kommentare