Lage auf dem Fahrradmarkt bleibt angespannt

Händler klagen: 500 Tage Warten auf Ersatzteil

Schraubt an einem Damen-E-Bike: Zweiradmechaniker André Grünefeldt-Rus arbeitet beim Fahrradhändler „Pedalwerk“ in Baunatal. archiv
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Schraubt an einem Damen-E-Bike: Zweiradmechaniker André Grünefeldt-Rus arbeitet beim Fahrradhändler „Pedalwerk“ in Baunatal. archiv

Rad an Rad auf den Verkaufsflächen, gut gefüllte Ersatzteillager: Dieses Bild zeichnet die Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG) von ihren rund 1000 Mitgliedsgeschäften. Doch wie sieht es bei Radhändlern in der Region aus?

Kreis Kassel – In einer Pressemitteilung der Genossenschaft mit Hauptsitz in Köln ist die Rede davon, dass aus jedem Segment – ob mit oder ohne Motor, für Kinder oder Erwachsene – aktuelle Modelle zum Verkauf stehen. Auch Ersatzteile für Reparaturen seien vorhanden. Und das, nachdem Händler in der Region in den vergangenen Monaten von großen Lieferschwierigkeiten berichteten. Hat sich die Lage nun entspannt?

Nur bedingt, resümiert ein Mitarbeiter eines ZEG-Händlers: „Wir haben zwar Räder im Sortiment“, sagt Sebastian Jäger vom Kasseler Fahrradgeschäft „Neddermann“. Allerdings noch nicht alle Marken, Größen und Farben. Die Lage habe sich im Vergleich zu den Sommermonaten etwas gebessert, man habe einige ganz neue Modelle bestellen können.

Ersatzteilmarkt ist zum Teil abgegrast

Für das kommende Jahr sehe es allerdings nicht sonderlich rosig aus: „Die Räder sind bereits jetzt zu 95 Prozent vergriffen“, sagt Jäger. Auch der Ersatzteilmarkt ist nach diversen Lockdowns und Lieferengpässen noch nicht wieder auf Touren gekommen: „Bei manchen Shimano-Teilen für Bremsen und Antriebe haben wir 500 Werktage Wartezeit.“

Das spürt man aktuell auch bei „Pedalwerk“ in Baunatal, einem Geschäft, das nicht der ZEG angehört. „Gerade bei Ersatzteilen ist die Lage noch angespannt“, sagt Inhaber Andreas Appel. Auch er nennt Lieferengpässe beim Weltmarktführer Shimano als Problem – und die Tatsache, dass die Branche insgesamt nicht mit dem Fahrradboom der vergangenen Jahre habe mithalten können. „Im kommenden Jahr kann es sein, dass bei Rädern nicht jede Farb- und Ausstattungsnuance erhältlich ist.“

Trotzdem blickt Appel positiv in die Zukunft: Er habe sich zeitig um Räder und Teile gekümmert. Außerdem arbeiten die Händler in der Region aus seiner Sicht gut zusammen, helfen sich beispielsweise mit Bremsbelägen oder Radmänteln aus, wenn diese knapp werden.

Händler: Wer ein Rad ordert, muss eine andere Bestellung stornieren

Für Jürgen Hampe, Chef von „Der Bike-Profi“ in Niestetal-Heiligenrode, hat sich die Situation ebenfalls nur leicht verbessert: „Aber gut ist sie noch nicht.“ Im Lager habe er etwas mehr, als noch vor einigen Monaten – „und meine Kunden kann ich trotzdem gut bedienen“. Aus dem Vollen schöpfen könne er allerdings lange nicht. „Wenn ich ein Rad ordern möchte, das 2022 kommen soll, müsste ich bei manchen Händlern eine bestehende Bestellung stornieren“, sagt Hampe, der auch nicht der ZEG angehört.

Seine Prognose: Bis April hat er noch genügend Ware, danach könnte es eng werden. Er spielt auf die globalen Warenströme an: „Es hängt alles davon ab, ob die Container mit Radteilen gefüllt sind oder nicht und ob sie überhaupt am Zielort ankommen.“

Forderung: Mehr Nachhaltigkeit in der Branche

In diesem Zusammenhang verweist der Baunataler Radhändler Appel darauf, dass es unrund läuft in der Branche. Das habe Corona offenbart: „Erst gab es Überfluss, jetzt haben wir ein Ruckeln.“ Da müssten sich Händler und Verbraucher Gedanken machen: Wo wird was produziert und zu welchem Preis? Er plädiert dafür, wieder mehr vor Ort herzustellen. „Das wäre nachhaltiger, würde die Lieferketten verkürzen.“ Die Preise würden steigen, aber schlussendlich helfe es allen.

Von Moritz Gorny

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