Eine Tradition stirbt aus

Hausschlachtungen: Nur 330 Schweine wurden 2019 im Landkreis Kassel verarbeitet

Metzger Andy Büttner im Jahr 2011 bei einer traditionellen Hausschlachtung in Breuna.
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Metzger Andy Büttner im Jahr 2011 bei einer traditionellen Hausschlachtung in Breuna.

Hausschlachtungen in Verbindung mit Schlachtefesten waren lange ein winterlicher Höhepunkt in vielen Dörfern. Inzwischen sind diese Traditionen im Landkreis Kassel selten geworden.

Kreis Kassel – Es gibt immer weniger Hausschlachtungen im Landkreis Kassel. Das zeigen Zahlen des Fachbereichs Veterinärwesen und Verbraucherschutz deutlich. „2019 hatten wir 330 Hausschlachtungen von Schweinen, zehn Jahre zuvor waren es noch 2500“, sagt Leiterin Dr. Sabine Kneißl. Vor 20 Jahren seien es sogar noch etwa 7000 Hausschlachtungen gewesen. Schweine werden noch am häufigsten auf diese Weise geschlachtet, sagt Kneißl. 2019 gab es lediglich 24 Rinder, 22 Schafe und neun Ziegen, die so zu Wurst und Braten wurden.

Diese Zahlen liegen vor, da es auch bei der Hausschlachtung Regeln gibt, erklärt Kneißl. Es muss eine amtliche Fleisch- und – je nach Tierart – Trichinenuntersuchung stattfinden. Außerdem müsse der Schlachter notwendige Kenntnisse nachweisen. Im Vergleich zur gewerblichen Schlachtung gebe es aber deutlich weniger Auflagen. „So ist zum Beispiel keine Lebenbeschau im Vorfeld notwendig, solange das Tier gesund erscheint.“ Auch die Hygiene werde nicht geprüft.

Weitere Unterschiede: Der Eigentümer des Tieres muss die Schlachtung durchführen oder beauftragen, erklärt Kneißl. Das Tier kann auf dem eigenen Hof oder in einer anderen nicht-gewerblichen Schlachtstätte geschlachtet werden. Ganz wichtig sei: „Das Fleisch darf nur für den eigenen Bedarf im eigenen Haushalt verwendet werden.“

Hausschlachter Hermann Klinge, Lehrling Karl Gerling und Heinrich Ackerhans. Das Foto entstand in den 1950er-Jahren.

Das könnte auch einer der Gründe für die Abnahme sein. Es gebe immer weniger große Familien, die zum Eigenbedarf Hausschlachtung nutzten, sagt der Metzger Dirk Nutschan. „Die Familien sind kleiner geworden“, so der Obermeister der Fleischer-Innung Kassel Stadt und Land. Viele hätten nicht die Möglichkeiten zur fachgerechten Lagerung. Ein weiterer Grund: „Es gibt schlicht weniger Schweine haltende Betriebe“, sagt Kneißl.

Gerhard Werner vom Geschichtskreis Söhrewald hat zum Thema viel recherchiert. Schon in den 1970ern seien die Hausschlachtungen vielerorts zurückgegangen. „Man wollte die viele Arbeit, den Schmutz und den Gestank, die mit Fütterung und Schlachtung eines Schweines im Haus verbunden waren, nicht mehr.“ Den Menschen sei es wirtschaftlich besser gegangen und man konnte Wurst oder Fleisch bequem beim Metzger kaufen. „Dazu kam, dass aus heutiger Sicht Hausschlachtungen doch recht unhygienisch waren.“ Die Reste seien dann oft einfach mit Wasser vom Hof in Richtung Straße gespült worden.

Metzger, die wie damals mit Werkzeug zum Schlachten auf die Höfe fahren, seien ihm im Landkreis Kassel keine bekannt, sagt Obermeister Nutschan. Aber dafür durchaus noch einige Betriebe, die die Tiere in eigenen Räumen für Privatleute zum Eigenbedarf schlachten.

Das heißt aber nicht unbedingt, dass im Landkreis gehaltene Schweine vor ihrem Tod lange Wege zu einem gewerblichen Schlachter zurücklegen. Große Schlachthöfe, wie man sie zum Beispiel aus dem Fernsehen von Tönnies kennt, gibt es im Landkreis nicht. Dafür aber viele kleine, erklärt Kneißl. „35 selbstschlachtende Betriebe gibt es bei uns noch. Das ist im Vergleich zu anderen Regionen sogar recht viel,“ sagt Kneißl. Und diese hätten gut zu tun, die Nachfrage sei hoch. „Vielleicht ist das ein Zeichen, dass es eine höhere Nachfrage nach regionalen Produkten gibt.“ (Michaela Pflug)

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