Gut gemeint, aber schlecht gedacht

SPD fordert Landarztquote – Helsaer Hausarzt kritisiert Idee

Hausarzt Rolf Zitzmann vor seiner Praxis in Helsa-Eschenstruth
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Sieht die Idee einer Landarztquote kritisch: Rolf Zitzmann vor seiner Praxis in Helsa-Eschenstruth.

Die SPD im Hessischen Landtag versucht, mit einer Quote im Medizinstudium dem Landarztmangel entgegenzuwirken. Rolf Zitzmann, Arzt in Helsa, kritisiert diese Idee.

Zehn Prozent der hessischen Medizinstudienplätze sollen für Bewerber reserviert werden, die sich dazu verpflichten, später als Arzt im ländlichen Raum zu arbeiten – ansonsten droht eine Vertragsstrafe. So will es die SPD im Landtag.

Rolf Zitzmann, Allgemeinmediziner mit einer Praxis in Helsa-Eschenstruth, kritisiert diesen Vorstoß der SPD. Er bezeichnet es als „hilflose Aktion der Politik“, die an der Realität vorbeiführe. „Von 19- oder 20-Jährigen kann man nicht erwarten, dass sie sich zwangsverpflichten, das ist nicht sinnvoll“, findet der Mediziner. Junge Menschen benötigten die Möglichkeit, sich Optionen offenzuhalten – gerade in einem so vielfältigen Bereich wie der Medizin. Studenten seien beim Kampf gegen den Ärztemangel die falsche Zielgruppe, man sollte eher jungen Ärzten bei der Praxisübernahme helfen, so Zitzmann.

Er selbst habe 1977 mit dem Medizinstudium in Göttingen, seiner Heimatstadt, begonnen, war danach unter anderem vier Jahre an Kliniken in Höxter und Holzminden tätig. 1991 habe er die Praxis in Eschenstruth übernommen. Das sei ein Zufall gewesen – Zitzmann berichtet, dass damals ein Praxismangel herrschte und es zu viele Ärzte gab, die sich niederlassen wollten, also genau gegenteilig zur aktuellen Situation. Da sei die Praxis in Eschenstruth eine der wenigen Optionen gewesen – eine Entscheidung, die Zitzmann heute keinesfalls bereut, wie er sagt.

Den Vorstoß der Landes-SPD beschreibt er als gut gemeint, aber schlecht gemacht. Es sei vielmehr sinnvoll, die Landarztpraxen attraktiver zu machen, beispielsweise, indem auch attraktiver Wohnraum geschaffen wird. Eine Art Zwangsverpflichtung hält er für den falschen Weg – viele Mediziner absolvierten ihre Ausbildung in der Stadt und müssten dieselbe berufliche Freiheit genießen dürfen wie alle anderen. Die Landarztquoten-Idee erinnert Zitzmann an eine Zeit, als sich junge Menschen für zwölf Jahre bei der Bundeswehr als Stabsarzt verpflichteten und sich dann aus den Verträgen herausgeklagt haben. Er selbst wirbt für die Arbeit auf dem Land: Die Mieten für Praxis und Wohnungen seien günstiger, man habe viel weniger Nachtdienste als in einer Klinik und oftmals sehr dankbare Patienten. Trotzdem beobachtet Zitzmann den Trend in Richtung Städte und in Richtung Gemeinschaftspraxen – ob er seine Praxis in fünf bis sieben Jahren weitergeben kann, sei noch sehr ungewiss. Dass eine Landarztquote den Ärztemangel aber nachhaltig und dauerhaft bekämpft, hält Zitzmann für fragwürdig.

Hintergrund

Mit der Landarztquote will die SPD-Fraktion im Hessischen Landtag dem künftigen Mangel an Hausärzten begegnen. Die Forderung lautet: Zehn Prozent der hessischen Medizinstudienplätze sollen für Bewerber reserviert werden, die sich verpflichten, sich später in unterversorgten Gebieten als Allgemeinmediziner niederzulassen. Mindestens zehn Jahre müssen sie dieser Tätigkeit nach dem Studium nachkommen, sonst droht eine Vertragsstrafe bis zu 250 000 Euro. Anfang Juni hat der Sozial- und Integrationspolitische Ausschuss des Landtags den Gesetzesentwurf der SPD-Fraktion behandelt.

Es gebe hessenweit bereits jetzt rund 300 unbesetzte Arztsitze, und in den kommenden zehn Jahren gingen 60 Prozent der Hausärzte in den Ruhestand. Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland eine Landarztquote beschlossen, andere wollen nachziehen – etwa Sachsen-Anhalt ab dem Wintersemester 2020/2021.

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