Glocke wohl gestohlen

Helsaer Geschichtsverein fördert neue Erkenntnisse zutage

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Stolz präsentiert Gerd Vogelsang die Glocke, die der Merten Jäger nach Helsa brachte. 70 enge, alte Stein- und Holzstufen muss man in Kauf nehmen, um an den höchsten Punkt des Glockenturmes zu gelangen. 

Helsa – Seit 1632 hängt die zwölf Zentner schwere Glocke, die bereits im Jahr 1400 gegossen wurde, friedlich im Glockenturm an der Nicolai Kirche in Helsa und läutet den Menschen die Zeit.

Bisher ging man davon aus, dass der Merten Jäger aus Helsa im Jahr 1641 von kroatischen Soldaten, die im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) durch den Ort zogen, die Glocke bekommen hat. Eine gefundene Urkunde klärt aber nicht auf, was unter dem Begriff „bekommen“ genau gemeint ist.

„Wir müssen die heimatlichen Geschichtsbücher wohl umschreiben“, sagt Gerd Vogelsang, Vorsitzender des Geschichtsverein Helsa, erstaunt über die neuen Erkenntnisse. „Die Glocke hat eine ganz andere Herkunft, als wir annahmen.“ Licht in das Dunkel brachte Agnes Huck (77) aus der Nachbargemeinde Hessisch Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis), die mit dem Geschichtsverein Helsa in Verbindung steht. Zum 30-jährigen Bestehen des „Merten-Jäger-Blasorchester“ im Sommer 2018 wurde sie gebeten, etwas über den im Umland bekannten Jäger in Erfahrung zu bringen.

Ihre Spurensuche führte sie bis in das Staatsarchiv des Landes Hessen in Marburg. „Dort stieß ich auf Unterlagen, die belegen, dass die Glocke aus Herstelle, einem heutigen Stadtteil von Beverungen (Kreis Höxter) stammt“, sagt sie, erfreut über den interessanten Fund.

Nach Herstelle gelangte der Merten Jäger im Zuge der Kriegswirren, denn auch Förster mussten mit einem kleinen Gefolge von Schützen in den Krieg ziehen.

Dort stellte er fest, dass der kleine Ort mit sechs Glocken gesegnet war. Verzweifelt erzählte der Jäger, dass es in Helsa keine Glocke mehr gebe. Sie sei gestohlen worden, eingeschmolzen und wurde zu Waffen verarbeitet, was in der damaligen Kriegszeit häufig vorkam. Unter welchen Umständen es ihm gelang, drei Glocken in seinen Besitz zu bekommen, ist nicht belegt. Die Hersteller klagten zwar später beim Landgraf von Hessen auf Herausgabe der Glocken, wurden aber abgewiesen.

Der Weg von Herstelle mit seinem zentnerschweren Gewicht, wahrscheinlich entlang der heutigen B 83 über Trendelburg, Hofgeismar und Kassel, war aufgrund der Verkehrswege sicherlich mühsam – heute sind es auf ausgebauten Straßen 64 Kilometer.

Aber der Streit um die Glocke war noch nicht zu Ende, denn auch die die Thüringer Gemeinde Kirchgandern stellte Ansprüche auf die Glocke.

Dieser Streit wurde nach der Wiedervereinigung 1989 im Jahr 1997 endgültig beigelegt. Bei einem Besuch des Bürgermeisters von Kirchgandern in Helsa und einer Besichtigung der Glocke, wurde schnell klar, dass die Ansprüche unberechtigt waren. Zum Zeichen der Verbundenheit wurde im Pfarrgarten eine Linde gepflanzt und die Helsaer spendeten der thüringischen Gemeinde eine Friedensglocke, die genau wie die Helsaer Glocke bis heute friedlich läutet.

Hintergrund

Er ist in Stein gehauen, in Holz geschnitzt, in Chroniken erwähnt und in historischen Aufsätzen zu finden: Der Merten Jäger von Helsa ist zu einem festen Bestandteil der Gemeinde geworden. An ihn erinnert heute ein Steinbrunnen mit seiner Statue, die 1928 entstand. Nach der Zerstörung 1945 wurde der Brunnen 1988 mithilfe von Fördergeldern und Spenden neu gestaltet und eingeweiht. Auch das „Merten-Jäger-Blasorchester“, das „Merten-Jäger-Haus“ und der historische Mühlstein, erinnern an den Jäger. Sein Geburtsdatum ist nicht bekannt, er taucht aber in einer Einwohnerliste aus dem Jahr 1637 auf. Mit seiner Frau Christine hatte er fünf Kinder. Sein Amt als „Herrschaftlicher Jäger“ trat er unter Landgraf Moritz an. Im Gegensatz zu vielen Bürgern von Helsa, schien er nicht unvermögend gewesen zu sein. Im Jahr 1619 erwarb er die Obermühle und auch an dem Bau einer Glashütte zeigte er sich interessiert. Sein Leben fand allerdings in Großalmerode ein jähes Ende. Nach einem längeren Wirtshausbesuch wurde er nach einer durchzechten Nacht morgens im Gelsterbach tot aufgefunden. Aus dem gefundenen Obduktionsbericht vom 28. September 1651 geht hervor, dass er erdrosselt wurde. In Helsa lebt er aber trotzdem in der Erinnerung weiter.

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