Ampel soll erst 2022 gebaut werden 

Unterführung nicht barrierefrei: Rollstuhlfahrer aus Helsa muss über Bundesstraße fahren

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Kaum eine Chance: Christian Lehmann beim Überqueren der B7 bei Helsa Eschenstruth.

Wenn Rollstuhlfahrer in Helsa die Bundesstraße überqueren wollen, haben sie ein großes Problem. Es gibt weder eine Ampel noch eine barrierefreie Unterführung. 

Jedes Mal, wenn Christian Lehmann nach Kassel will, setzt er sein Leben aufs Spiel. Lehmann leidet an Parkinson, Narkolepsie und hat eine künstliche Hüfte. Ohne elektrischen Rollstuhl geht bei ihm nichts mehr.

Für eine Fahrt von Helsa-Eschenstruth nach Kassel bleibt für Lehmann nur die Straßenbahn. Fast täglich rollt der pensionierte Lehrer den Mühlenweg hinunter zur B7. Auf der anderen Seite ist die Tramhaltestelle der Linie 4 nach Kassel. Eine Unterführung mit Fahrrampe auf der Westseite der B7 und mit zwei Treppenaufgängen auf der Ostseite ist die einzige Möglichkeit, die B7 sicher zu überqueren.

Aber was ist mit Rollstuhlfahrern? Tatsächlich bleibt Lehmann nichts anderes übrig, als die stark befahrene Straße mit seinem E-Rollstuhl zu überqueren – ohne Fußgängerampel, ohne Zebrastreifen, ohne Mittelinsel.

Täglich fahren 14.600 Fahrzeuge auf der Strecke

Tatsächlich ist die B7 bei Eschenstruth stark befahren. Täglich nutzen 14.600 Fahrzeuge die Strecke. Egal ob Pkw oder Lkw, sie alle haben bei Eschenstruth ein ordentliches Tempo drauf. „Vor allem in den Morgenstunden fahren die Autos Kolonne. Da gibt es kaum eine Lücke, um über die B7 zu kommen“, sagt Lehmann.

Schon seit Jahren weist er auf diesen Mangel hin. Helsas Bürgermeister Tilo Küthe (SPD) ist ebenso frustriert. „Ich bin ganz bei Herrn Lehmann. Seit Freigabe der Tramstrecke 2006 behandeln wir das Thema“, sagt Küthe. Doch könne er nichts machen. „Nicht die Gemeinde, sondern Hessen Mobil sowie der Bund sind für die Situation vor Ort verantwortlich“, erklärt der Bürgermeister.

Grafik: Rollstuhlfahrer aus Helsa muss B7 überqueren

Schon längst gebe es Pläne, die beiden Treppenaufgänge auf der Ostseite der B7 durch eine Rampe zu ersetzen. „Doch scheint Hessen Mobil nur dann aktiv werden zu wollen, wenn wir als Gemeinde die Hälfte der Baukosten in Höhe von rund 200.000 Euro übernehmen“, sagt Küthe.

Das aber könne Helsa nicht leisten. „Wir haben nicht die Mittel, und außerdem will ich kein Geld für etwas ausgeben, was uns hinterher nicht mehr gehört“.

2018 letzte Vor-Ort-Begehung mit Hessen Mobil

Zuletzt habe es 2018 eine Vor-Ort-Begehung mit Hessen Mobil, dem Landkreis, dem VdK und der Polizei gegeben. Damals sei die Forderung nach einer barrierefreien Unterführung erneut formuliert worden. „Von Hessen Mobil haben wir seither nichts mehr gehört“.

Von einer Fußgängerampel als Alternative hält Küthe nichts. „Wir haben ja die Unterführung. Sie ist der sicherste Weg, um zur Tramstation zu kommen – auch für Eltern mit Kinderwagen, für Kinder, für alte Menschen und Menschen mit Behinderungen.“

So bleibt die Situation für Küthe haltlos. Lehmann ist inzwischen verzweifelt: „Dabei ist Barrierefreiheit mehrfach im Hessischen Behindertengeleichstellungsgesetz, dem Gesetz über den öffentlichen Personennahverkehr in Hessen und dem Hessischen Straßengesetz verankert“, sagt Lehmann. Für ihn ist es unfassbar, wie zuständige Behörden derartige gesetzliche Vorgaben über Jahre hartnäckig ignorieren können.

Hessen Mobil will Ampel - aber erst ab 2022

Obwohl Hessen Mobil seit 2006 um den Mangel einer fehlenden barrierefreien Querungsmöglichkeit an der B7 in Höhe der Tramhaltestelle Eschenstruth weiß, wurde und wird die Option einer Unterführung mit Rampen auf beiden Seiten offenbar nicht weiter verfolgt. Begründung: Die Unterführung entspreche dem Standard des Baujahres 1977. Wegen des relativ guten Zustands sei eine baldige Instandsetzung nicht erforderlich. 

Auch bestehe für derartige Bauwerke Bestandsschutz. Bei der Errichtung einer Rampe würde es sich demnach um eine freiwillige Maßnahme des Bundes handeln. „Tatsächlich hat Hessen Mobil seit 2006 einige Varianten untersucht“, sagt Hessen Mobil-Sprecher Marco Lingemann. Allein wegen der schwierigen Begebenheiten vor Ort sei es bislang nicht zur Umsetzung gekommen. 

Zudem würden Bauentwurf, Baurechtsschaffung und Bauausführung drei Jahre dauern. Selbst bei vordringlicher Planung und Bauausführung würde eine Rampe nicht vor dem Jahr 2022 fertiggestellt sein. Mit anderen Worten: Hessen Mobil ist das alles zu kompliziert und zu zeitaufwendig. Stattdessen favorisiert die Landesstraßenbaubehörde eine Fußgängerampel. Die soll aber erst dann kommen, wenn der noch im Bau befindliche A44-Abschnitt mit dem Hirschhagen-Tunnel für den Verkehr freigegeben ist. 

Das soll im Jahr 2022 sein. Dann nämlich wird der Verkehr auf der B7 deutlich abnehmen, sodass dann die Installation einer Fußgängerampel verkehrstechnisch vertretbar werde. 

Zum jetzigen Zeitpunkt würden, so Hessen Mobil, wegen der Breite der B7 bei einer Ampel lange Grünphasen für Fußgänger notwendig werden, „die wiederum zu größeren Aufstauungen auf der stark befahrenen B7 führen würden“.

Im Mai diesen Jahres wurde in Baunatal eine F ußgängerbrücke abgerissen und barrierefrei umgebaut.  

In Frankfurt kam es zu einem Unfall, weil ein Rollstuhlfahrer eine Landstraße rückwärts überqueren wollte.

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