15 Prozent betroffen

"Diese Kinder brauchen eine andere Behandlung": Ahnataler Ärztin klärt über Hochsensibilität auf

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Bietet Beratung an: Kinderärztin Dr. Laure Oschmann will das Thema Hochsensibilität bei Kindern und Erwachsenen bekannter machen.

"Ich habe in meiner Praxis schon viele Steine von Herzen fallen hören", sagt Dr. Laure Oschmann. Seit Jahren widmet sich die Kinderärztin einem besonderen Thema: der Hochsensibilität.

Dabei beobachtet sie immer wieder, wie erleichtert hochsensible Menschen sind, wenn man ihnen erklärt, was mit ihnen los ist. „Sie wissen dann, dass sie richtig sind, so wie sie sind“, sagt Oschmann.

Es ist ihr ein wichtiges Anliegen, Hochsensibilität in der Öffentlichkeit bekannter zu machen - gerade bei Menschen, die Kinder begleiten, seien es Eltern, Erzieher, Lehrer oder Ärzte. „Denn hochsensible Kinder brauchen eine andere Behandlung.“

Doch was ist Hochsensibilität überhaupt? „Wichtig ist, dass das keine Krankheit und auch keine psychische Störung ist“, betont die Ärztin. „Es ist eine neurophysiologische Veranlagung. Bei Hochsensiblen nehmen die Sinnesorgane viel mehr Reize auf als bei anderen Menschen. Das gilt auch für das innere Erleben und die Gedanken.“ Weil hochsensible Menschen stärker auf innere und äußere Reize reagieren, muss das Gehirn ständig eine deutlich größere Flut an Informationen verarbeiten.

Hochsensibilität betrifft nach Untersuchungen etwa 15 Prozent der Menschen, in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Menschen zeichnet laut Oschmann eine erhöhte Intuition aus. Sie sind empathisch, verfügen über ein reiches Gefühlsleben, sind gewissenhaft und haben einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sie machen sich viele Gedanken, beobachten genau und bekommen viel mit. Sie sind häufig eher schüchtern, können aber auch extrovertiert sein. „Früher waren sie zum Beispiel oft Berater und Heiler“.

In der Schule führt die Veranlagung allerdings häufig zu Problemen. „Hochsensible Kinder können zum Beispiel im Unterricht auf Fragen oft nicht antworten, weil die Flut an Informationen nicht in einen einfachen Satz zu packen ist“, erklärt die 70-Jährige. Das gilt auch, wenn sie zum Beispiel erklären sollen, warum sie traurig sind. Oft würden sie uninteressiert wirken. „Dann haben sie abgeschaltet, weil zu viele Informationen auf sie einstürmen.“

Auch Zeitdruck, Lärm und Unruhe setzen sie unter Stress. Negative Bemerkungen können lange nachhallen. „Das Kind denkt dann immer wieder darüber nach und quält sich.“ Das gilt auch für belastende Themen wie etwa Massentierhaltung. „Sehen sie einen Film darüber, dann fühlen sie extrem mit und können das kaum ertragen“. Es sei darum wichtig, den Stress zu reduzieren und das Selbstwertgefühl zu stärken. Hochsensible Menschen brauchen genügend Rückzugsmöglichkeit und viel Zeit für sich, um die Flut an Reizen zu verarbeiten.

Oschmann plädiert für mehr Toleranz und Aufmerksamkeit gegenüber Hochsensiblen. „Die Gesellschaft braucht diese Kinder. Sie bringen oft fortschrittliche Ideen in die Welt, engagieren sich und sind beliebte Gesprächspartner, die gut zuhören.“

Ein Kontakt zu Laure Oschmann ist per E-Mail an laure.oschmann@web.de möglich. Informationen und Hilfe zum Thema Hochsensibilität gibt es außerdem auf der Plattform Zart besaitet.

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