Patienten müssen Geduld haben

Impfen sorgt für Überstunden - Hausarztpraxen im Landkreis Kassel sind ausgelastet

Kurzer Pikser: Mario (Mitte) und Frau Roswitha Ghidelli (rechts) werden von Elena Wegener in einer Hausarztpraxis in Fuldatal-Ihringshausen geimpft.
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Kurzer Pikser: Mario (Mitte) und Frau Roswitha Ghidelli (rechts) werden von Elena Wegener in einer Hausarztpraxis in Fuldatal-Ihringshausen geimpft.

Überstunden sind für viele Arztpraxen im Landkreis Kassel gerade absolut normal. Denn zu dem eigentlichen Tagesgeschäft kommt seit Kurzem auch das Impfen hinzu – eine Mammutaufgabe.

Kreis Kassel – So geht es auch dem Team der Gemeinschaftspraxis Lehmann in Fuldatal. Das Telefon habe zuletzt so viel geklingelt, dass die Mitarbeiter eine Bandansage eingerichtet haben. Darin wird darauf hingewiesen, „dass aufgrund der hohen Anfrage keine Impftermine vergeben werden“.

„Die Menschen haben viele Fragen, aber vor allem wollen sie wissen, wann sie geimpft werden“, sagt Dr. Gunter Lehmann, Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin. Dafür will er ab der kommenden Woche eine zusätzliche Hilfskraft einstellen. Denn der Impfprozess sei aufwendig. „Das Impfen selbst können wir fast im Vorbeigehen machen“, sagt Lehmann. Aber die Impfdosen vorzubereiten, erfordere viel Zeit – gerade bei Biontech. Das Vakzin müsse mit Kochsalzlösung vermengt werden. Schüttelt man dabei das Fläschen mit den sechs Impfdosen zu sehr, ist der Impfstoff unbrauchbar. Auch der Papierkram sei zeitintensiv.

Um den Druck herauszunehmen, appelliert Lehmann an die Geduld der Menschen. Jeder, der will, komme für den Pikser an die Reihe. Aber: „Mehr als impfen können wir nicht.“ Und manche Patienten müssten womöglich etwas länger auf einen Behandlungstermin warten. „Akute Beschwerden behandeln wir allerdings sofort“, betont Lehmann. Routineuntersuchungen könnten sich hingegen etwas verzögern.

Ähnlich sieht es in der Praxis Werner in Lohfelden aus: Das Team kümmert sich zusätzlich zu der hausärztlichen und internistischen Versorgung auch um das Impfen. „Wir machen das außerhalb der Sprechstunden – und tun es gern“, sagt Dr. Steffi Werner, die die Praxis mit ihrem Mann Dr. Ralf Werner führt.

Aber der Aufwand sei enorm: Zu jeder Impfung gehörten Formulare und Unterschriften. „Dazu kommen viele Telefonate über Sinn und Unsinn der Impfungen, Fragen und Terminabsprachen, weil die Koordinierung mit den Impfzentren fehlt“, sagt Steffi Werner. Das Telefon sei oft dauerhaft blockiert – mitunter zulasten der akuten Fälle: Eine Patientin mit Herzbeschwerden sei vor Kurzem erst nicht durchgekommen. „Es ist alles gut gegangen, aber es war knapp“, sagt Werner.

Die Allgemeinmedizinerin ist besorgt, weil sie weniger dringende Fälle womöglich nicht wie üblich versorgen kann – und das, obwohl das Team mehr arbeitet. „Vielleicht werden dadurch auch Krankheiten nicht rechtzeitig entdeckt“, sagt sie. Sie hofft, dass Betriebsärzte künftig ebenfalls impfen dürften. „Das würde die Lage entspannen.“

„Wir machen erheblich Überstunden“, berichtet Dr. Walter Lehmann, Arzt in Schauenburg-Hoof. Er arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau Dr. Tamara Lehmann und Dr. Annegret Gehrmann-Zajutro. Wöchentlich erhalte die Praxis bislang 144 Dosen, es sollen allerdings mehr werden, so Lehmann. „Die Arzthelferinnen organisieren das brillant“, lobt der Mediziner. Dennoch sei das Impfen arbeitsintensiv. Am Mittwoch beispielsweise sei den gesamten Tag über geimpft worden.

Die maximale Anzahl an Dosen, die die Praxis in Hoof erhalten kann, seien 238 Dosen. Dann muss laut Lehmann auch samstags gearbeitet werden. Die regulären Termine von Patienten, die nicht wegen des Impfens in die Praxis kommen, fänden weiterhin normal statt.

Hausbesuche zum Impfen habe Lehmann auch gemacht, allerdings nur sehr wenige – unter anderem, weil der Biontech-Impfstoff sehr empfindlich sei. Davon erhalte die Praxis bislang am meisten, bei Astrazeneca sei es immer wieder schwierig mit der Lieferung.

Die meisten Nebenwirkungen habe Lehmann bislang bei Biontech festgestellt, beispielsweise Entzündungen an den Gelenken. „Der Impfstoff ist immunologisch stark eingreifend“, erklärt er, und deshalb nicht so gut verträglich wie etwa eine Tetanus-Impfung. Nichtsdestotrotz rät der Mediziner jedem dazu, sich impfen zu lassen – „es gibt keinen anderen Weg“.

Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen: „Ärzte können uns aus der Pandemie impfen“

Rund 2000 niedergelassene Ärzte in Hessen impfen, berichtet Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Die KV habe die Rückmeldung erhalten, dass das Impfen eine „Riesen-Herausforderung“ sei. Roth bezeichnet den Prozess allerdings als alternativlos. „Um die Pandemie zu überwinden, müssen wir möglichst schnell bei möglichst vielen die Spritzen geben können.“

Betriebsärzte mit ins Boot zu holen, sei eine Möglichkeit, den Prozess zu beschleunigen. Das Problem liege vor allem dabei, an Impfstoff zu kommen. Roth verweist auf die Aussage von Jens Spahn, dass bald mehr Vakzin zur Verfügung stehe, so dass die Betriebsärzte mit eingebunden werden könnten – wahrscheinlich ab Juni.

Der KV-Sprecher bemängelt jedoch die Bürokratie, die um das Impfen aufgebaut wird. „Natürlich sind die Impfstoffe neu, man will sich absichern und auch wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen“, sagt Roth. Das sollte aber aus seiner Sicht keine Priorität haben.

Bei der KV wisse man um die Sorge, dass das Behandeln anderer Krankheiten wegen Corona in den Hintergrund rücken könnte. „Im vergangenen Jahr wurden deutlich weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle verzeichnet“, sagt Roth. Es habe sie nicht weniger gegeben, aber sie wurden wahrscheinlich nicht so oft behandelt. „Es wäre naiv zu glauben, dass sich die Impfanstrengungen jetzt nicht auch auf die ärztliche Versorgung auswirken“, sagt Roth. Wie genau, müsse sich noch zeigen. (Moritz Gorny Und Lara Thiele)

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