Gegen das Vergessen

Jüdin sucht in Hoof nach Spuren ihrer Vorfahren

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Spurensuche: Am Grab ihrer Urgroßmutter Jettchen Heiser kamen für Estee Bligh (vorn im Bild rechts) und Tochter Merav viele Erinnerungen, Anita Abendroth (von links), Nele Abendroth, Christian Abendroth und Bodo Heinemann begleiteten die beiden. 

Estee Bligh aus Israel suchte in Schauenburg nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es dort mit 200 Juden die größte jüdische Gemeinde im Altkreis Kassel.

Der Schmerz sitzt tief, die Narben melden sich – immer wieder. Trotzdem hat sich Estee Bligh auf den Weg nach Deutschland gemacht, um ihre Vorfahren, ihre Familiengeschichte mit den vielen Verlusten, die sie so sehr beschäftigen, kennen zulernen. Das fällt der zierlichen blonden Frau, die in Israel geborenen wurde und der man kaum glauben mag, dass sie 80 Jahre alt ist, nicht leicht. 

Aber Estee Bligh, die nördlich von Tel Aviv in Even Yehuda lebt und christliche Reisegruppen durch ihr Land führt, wie sie sagt, will es wissen. Drei der vier Töchter, Merav, Karen und Orli, haben die Mutter auf ihrer Suche nach den Wurzeln, die in Kirchhain und Hoof liegen, wo sie schon einmal zu Gast war, begleitet.

Zusammen mit Christian Abendroth, der die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hoof und Breitenbach aufarbeitet, und Pfarrer Bodo Heinemann machten sich die Frauen auf den Weg. Wir hatten hier vor dem Zweiten Weltkrieg mit über 200 Juden die größte jüdische Gemeinde im Altkreis Kassel, berichtete Abendroth, die Synagoge in Hoof, der Judenfriedhof zwischen Hoof und Breitenbach. 

Blighs Familie stammt aus dieser Gemeinde, deren Mitglieder 1938 vertrieben wurden. Etwa die Hälfte von ihnen kam in den Konzentrationslagern und Ghettos ums Leben, so Abendroth. Der übrigens vor fünf Jahren über Facebook mit den Blighs in Kontakt kam.

Die Verbindung läuft über Blighs Großeltern, Wolfried Heiser. Er und seine Frau Emma, eine geborene Wertheim, sind Nachkommen einer in Hoof und Kirchhain angesiedelten jüdischen Familie. Der Vater stammt aus Kirchhain, die Mutter aus Hoof. Das Haus der Großeltern in Hoof gibt es nicht mehr, erfährt sie. Ihr Großvater mütterlicherseits sei im Ersten Weltkrieg gefallen. Vor einigen Jahren wurde in einem Keller eine Gedenktafel der jüdischen Gemeinde, auf der sein Tod vermerkt war, entdeckt. Der Anblick der Tafel ist bewegend. Ich kann hier nicht leben, sagt Estee Bligh leise.

Im Pfarrhaus gibt es, bevor es zum Grab der Urgroßmutter Jettchen Heiser auf dem jüdischen Friedhof geht, Hefezopf und Tee. „Wie lecker, wie bei uns zu Hause beim Sabbat“, freuen sich die Gäste. Vielleicht nicht zufällig spricht Bligh, die sehr gut Deutsch kann, lieber Englisch. Wenn sie von den Eltern, ihrer weit verzweigten Familie, dem Schicksal der Juden erzählt. „Kirchhain ist mir näher“, sagt sie auf die Frage nach einem „Verbundenheits- oder Zuhausesein-Gefühl“. In Kirchhain hat sie Stolpersteine verlegen lassen, was auch für Hoof geplant ist, wie Pfarrer Heinemann berichtet, und sie geht als „Zeitzeugin“ in Schulen. „Damit die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.“.

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