Sie wollen bleiben

Iranischer Familie aus Bad Karlshafen droht die Abschiebung - Sohn hatte schon Ausbildung begonnen

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Hoffen auf einen positiven Ausgang: Pastor Frank Fornacon (von links), Masoud B., Younes B., Yasamin B. Akram Y.

Sie ist quälend. Vor allem nachts. Die Angst abgeschoben zu werden. Jederzeit, ohne Vorankündigung kann die Polizei vor der Tür der iranischen Familie B. stehen, die derzeit in Bad Karlshafen wohnt.

Die vier Personen leben in einer ehemaligen Jugendherberge, die nun als Flüchtlingsheim dient. Schon einmal wurden die Iraner nachts von der Polizei abgeholt. Ohne Ankündigung standen acht Beamte vor ihnen und brachten sie nach Forbach in Baden-Württemberg, von wo aus sie mit dem Zug nach Frankreich fuhren.

Laut Ausländerbehörde seien sie dort als Flüchtlinge erstmals registriert worden, weshalb das Asylverfahren dort läuft. Dieses fällt unter das Dublin-Abkommen (Hintergrund). Da man sich in Frankreich nicht kümmerte, kamen sie zurück. Das war im Januar dieses Jahres.

Sohn musste seine Ausbildung abbrechen

Im vergangenen Jahr flüchteten die Familie aufgrund politischer Probleme aus ihrer Heimat. In Deutschland wollten sie ein neues Zuhause finden. „Sie haben sich sofort integriert“, sagt Frank Fornacon, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kassel. Vor allem der 19-jährige Younes sei vorbildlich. „Neben Deutschkursen hat er bei der Arbeitsförderungsgesellschaft Agil an einem Projekt teilgenommen, das hilft, junge Menschen in die Erwerbstätigkeit zu bringen“, so Fornacon.

In kurzer Zeit hat es Younes geschafft, dieses Projekt erfolgreich im Bereich Hauswirtschaft abzuschließen. Er bewarb sich auf einen Ausbildungsplatz als Koch in der Bad Karlshafener Therme und bekam ihn. „Ich habe mich darüber sehr gefreut und es hat mir Spaß gemacht“, sagt Younes, der die Ausbildung als eine gute Basis für seine berufliche Zukunft sieht. Auf seinem Duldungsbescheid war eingetragen, dass diese Beschäftigung von der Ausländerbehörde bis zum 30. September 2022 gestattet ist. „Die Duldung wurde wegen einer Regeländerung gestrichen. Deshalb kann er seine Ausbildung nicht fortsetzen“, beschreibt Fornacon die Lage. Auch Masoud B. könnte arbeiten, wenn er dürfte. „Ihm wurde eine Stelle als Kfz-Mechaniker angeboten“, erzählt Younes.

Eine Zukunft in Deutschland

Für die Familie ist die momentane Situation sehr belastend. Masoud B. musste schon einmal in stationäre Behandlung, seine Frau hyperventilierte am vergangenen Sonntag am Rande eines Gottesdiensts in Kassel. „Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als hier in Deutschland zu bleiben“, sagt Fornacon. Er hofft darauf, dass das Bundesamt für Migration in Nürnberg eine Einzelfall-Regelung findet, und das Asylverfahren aus Frankreich übernimmt.

Younes fühlt sich hier sehr wohl, spielt in seiner Freizeit bei der TSG Hofgeismar Fußball. „Ich würde mich auch gerne in einem Fitnessstudio anmelden. Doch weil ich keinen gültigen Pass habe, bekomme ich keine Mitgliedschaft“, sagt er. Doch das sei für ihn das geringste Problem: „Ich möchte mit meiner Familie hier eine Zukunft haben. Nur das zählt.“ Ob er sich Hoffnungen machen darf, ist jedoch unklar. Das Regierungspräsidium Kassel hatte bis Redaktionsschluss Fragen zum Verfahren nicht beantwortet.

Das Dublin-Abkommmen

Welches EU-Land für ankommende Flüchtlinge zuständig ist, regelt das Dublin-Abkommen. Es dient dazu, dass Flüchtlinge nicht in mehreren Staaten gleichzeitig Asyl beantragen können. Außerdem soll verhindert werden, dass Flüchtlinge zwischen Staaten hin- und hergeschoben werden, weil sich keiner für sie zuständig fühlt. Der federführende Staat ist also der, in dem ein Flüchtling erstmals registriert wurde. Extra dafür wurde die internationale Fingerabdruck-Datei Eurodac eingerichtet.

Von Nela Müller

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