Vollkommen überfordert

Weil er Auslieferung nicht schaffte: Bote verschenkt Pakete an seine Nachbarn

Kassel: Hermes Paketbote soll Lieferungen zustellen - sie kommen nicht an
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Der Hermes Paketbote lieferte 60 Bestellungen nicht aus (Symbolbild)

Im Kreis Kassel nimmt ein Bote 60 Pakete mit nach Hause, anstatt sie zuzustellen. Nun er eine hohe Rechnung zu begleichen.

  • Ein Paketbote aus dem Kreis Kassel hat rund 60 Pakete nicht zugestellt
  • Nun musste sich der Zusteller vor Gericht in Kassel verantworten
  • Was er mit den Paketen gemacht, hat verwundert

Kassel - Anfang August haben rund 60 Online-Besteller im nördlichen Altkreis Kassel vergeblich auf ihre Einkäufe gewartet: Statt die Pakete zuzustellen, wurden sie vom damals knapp 21-jährigen Boten daheim geöffnet. 

Kassel: Paketbote behält Lieferungen

Der Inhalt – meist Kleidung, mit der der Paketbote nichts anfangen konnte – wurde an Bedürftige in der Nachbarschaft verschenkt.

Am Mittwoch (29.01.2020) verurteilten Amtsrichter Pree und seine Schöffen den geständigen jungen Mann in Kassel wegen veruntreuender Unterschlagung und Verletzung des Postgeheimnisses zu einer Haftstrafe von sechs Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. 

Kassel: Paketbote entsorgt 60 Pakete

Etwa 60 Pakete hatte der Paketbote nach eigenen Angaben im Wald bei Espenau im Landkreis Kassel entsorgt, weil er die Zustellung einfach nicht mehr geschafft habe. 

Das Verfahren in diesem Fall war allerdings eingestellt worden, weil es nicht Gegenstand der Anklage war.

Der angeklagte Paketbote war nach eigenen Angaben seit März 2018 schwarz bei einem Subunternehmen angestellt, das im Auftrag von Hermes Pakete aus Internet-Bestellungen im Altkreis Kassel auslieferte. „Am Anfang waren es 70 bis 80 Pakete, das habe ich geschafft”, schilderte der Angeklagte seine Probleme. 

Später hätte er bis zu 200 Pakete zustellen sollen, meist aber nur 120 geschafft, obwohl er bis 22 Uhr gearbeitet habe.

Kassel: Paketbote war überfordert

„Man schafft das einfach nicht”, sagte der Paketbote vor Richter Pree. Da habe er sich keinen anderen Ausweg gewusst, als die Pakete mit nach Hause zu nehmen und zu öffnen. Eine Kaffeemaschine behielt er für sich, die anderen Sachen habe er verschenkt. 

4000 Euro musste der Arbeitgeber an Hermes zahlen, um den Wert der im Altkreis Kassel nicht zugestellten Ware auszugleichen. Er selbst habe nicht einmal seinen Lohn erhalten, geschweige denn einen Arbeitsvertrag gehabt, sagte der Angeklagte.

Kassel: Paketbote erschien nicht zu eigener Gerichtsverhandlung

Eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe beschrieb den jungen Mann als jemanden, der Schwierigkeiten mit dem Einhalten von Terminen und dem Befolgen von Weisungen habe. Auch zu seiner eigenen Gerichtsverhandlung war er nicht erschienen und musste von Richter Pree per Telefon herbeizitiert werden.

Der Richter in Kassel zeigte durchaus Verständnis für die ständig überforderten Paketboten, die ihr Pensum einfach nicht schaffen könnten. 

Trotzdem sei es keine gute Lösung, die Pakete wegzuwerfen oder einfach selbst zu öffnen, das dürfe nicht wieder vorkommen.

Das werde es auch nicht, versprach der 22-Jährige: „Heute liefere ich Waschmaschinen aus. Die kann man nicht einfach wegwerfen.”

Als Altkreis Kassel wird der Kreis Kassel vor der Gebietsreform bezeichnet. Er war kleiner als der jetzige Landkreis Kassel. 

Gestohlene Pakete kein Einzelfall

Bei einem 47-jährigen Paketzusteller hat die Polizei im vergangenen Oktober 120 Pakete im Wert von 100.000 Euro gefunden. Er stand unter Verdacht die Pakete gestohlen zu haben. 

Ein weiterer Paketbote soll Pakete im Wert von 12.000 Euro in Kassel gestohlen haben. Er hat die Diebstähle gestanden. In den gestohlenen Paketen sollen sich überwiegend Elektronikartikel wie etwa Smartphones befunden haben. 

Verschwundene Briefe oder beschädigte Pakete sind ärgerlich. In diesem Fall stellt sich immer die Frage: Wer muss wann für einen Schaden aufkommen? Klar ist: Nicht immer haftet der Zusteller.

Von Thomas Stier

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