„Plötzlich verlieren sie ihr Deutsch“

Migranten stellen Pflegeeinrichtungen vor besondere Herausforderungen 

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Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, bevorzugen es meist, dass die Angehörigen zu Hause gepflegt werden.

Menschen mit Migrationshintergrund erfordern oft einen besonders kultursensiblen Umgang. So gehen Pflege-Einrichtungen im Landkreis Kassel damit um. 

Wenn die Generation der Gastarbeiter aus Italien und der Türkei pflegebedürftig wird, braucht es dann eine spezielle Betreuung? Wie reagiert Pflegepersonal auf kulturelle und religiöse Besonderheiten von Menschen mit Migrationshintergrund?

Um die Situation in Hessen zu untersuchen, hat Turgut Yüksel (SPD), Mitglied des Hessischen Landtags, eine Anfrage an die Landesregierung gestellt. Eines der Ergebnisse: Ältere Menschen mit Migrationshintergrund nehmen Pflegeangebote, ob ambulant oder stationär, weniger in Anspruch. Das geschehe auch aufgrund des Mangels an Informationen über Hilfsangebote und wegen sprachlicher sowie kultureller Barrieren.

In der Beratungsstelle des Pflegestützpunktes im Landkreis Kassel spielt das Thema kaum eine Rolle. „Wir gehen davon aus, dass diese Menschen Pflege hauptsächlich familiär regeln“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. Angehörige würden sich eher an ambulante Pflegedienste wenden.

„Es ist ganz selten, dass beispielsweise türkischstämmige Menschen in die Beratung kommen“, sagt Herta Dippl-Ziegler. Sie arbeitet in der Beratungsstelle für Ältere im Osten des Landkreises. Wenn sie Menschen mit Migrationshintergrund berate, seien das eher Angehörige aus Polen oder Italien. Wenn Pflege in der Familie geregelt wird, sei es für Angehörige und für Betroffene oft schwierig, eine Entlastung von außen anzunehmen, unabhängig von Religion oder Herkunft.

Es gibt aber auch Pflegedienste, die ihr Angebot explizit auf andere Kulturkreise und Sprachen zurechtgeschnitten haben. So der Pflegedienst PSH mit Sitz in Kassel. Hier sprechen viele Mitarbeiter nicht nur Russisch, sie sind auch ausgebildet für kultursensible Pflege.

Über 70 Prozent der Patienten sind aus der ehemaligen Sowjetunion, sagt Alexander Katz, Assistent der Geschäftsführung. Und viele sähen Pflegeheime als letzte Möglichkeit. Das habe auch damit zu tun, dass Heime in der Ex-Sowjetunion einen schlechten Stellenwert hatten. „Kein gutes Kind hat damals seine Eltern in ein Heim gegeben.“

Kulturelle Besonderheiten gebe es zum Beispiel beim Kochen und in der Sprache. Einige Russlanddeutsche aus Sibirien reden Plattdeutsch. Aber auch Jiddisch sei bei manchen Patienten gefragt. Die Mitarbeiter beschäftigten sich zuerst mit der Biografie des Patienten, um in der Pflege vieles so zu machen, wie es die Hilfebedürftigen kennen. Dazu gehöre auch, Hausmannskost aus Sibirien zu kochen. Da Religion in der Ex-Sowjetunion untersagt war, spiele das Thema eher weniger eine Rolle. Allerdings sei Angst vor Antisemitismus ein Thema bei Holocaust-Überlebenden. Angst, hier nicht willkommen zu sein, haben laut Katz manche Russlanddeutsche, die in der Ex-Sowjetunion ihre Art der deutschen Kultur gepflegt haben, die sich von der aktuellen unterscheidet.

Im Pflegeheim der Awo in Baunatal spielt vor allem Sprache eine Rolle, erklärt Heimleiter Stephan Eigenbrodt. Wenn Bewohner, die in Osteuropa oder der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen sind, dement werden, „verlieren sie manchmal ihr Deutsch“, sagt er. Sie vergessen ihre zweite, gelernte Sprache und kehren zurück in die Sprache ihrer Kindheit: Russisch, Ukrainisch, Polnisch.

Das sind auch die Muttersprachen von einigen Mitarbeitern des Heims. Zwei von ihnen sprechen sogar Türkisch, es gibt einen syrischen Auszubildenden. Nur könnten diese Mitarbeiter natürlich nicht alle Schichten abdecken, erklärt Eigenbrodt.

Türkische Bewohner hatte er in 22 Jahren allerdings nur eine Handvoll. Thema war da beispielsweise die Ernährung. Auf kulturelle oder religiöse Eigenheiten könne man sich nur einzeln und im Gespräch vorbereiten, sagt Eigenbrodt. Und:„Das haben wir bisher immer hinbekommen.“

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