In Stadt und Landkreis Kassel

Schnellere Hilfe auch ohne Notarzt: Notfallsanitäter dürfen ab 2020 Schmerzmittel verabreichen

Notfallsanitäter absolvieren eine dreijährige Ausbildung, sind aber keine Mediziner. Das Symbolbild entstand bei einer Übung der DRK-Auszubildenden in Wolfhagen im Oktober.
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Notfallsanitäter absolvieren eine dreijährige Ausbildung, sind aber keine Mediziner. Das Symbolbild entstand bei einer Übung der DRK-Auszubildenden in Wolfhagen im Oktober.

Starke Schmerzen, der Rettungsdienst ist bereits vor Ort - doch für die Gabe des Schmerzmittels muss auf den Notarzt gewartet werden. Dieses Szenario hat bald ein Ende.

  • Patienten mit Schmerzen kann in Stadt und Landkreis künftig schneller geholfen werden.
  • Notfallsanitäter dürfen Schmerzmittel künftig selbst verabreichen und müssen nicht mehr auf den Notarzt warten.
  • Das dann eingesetzte Schmerzmittel fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.

Kreis Kassel - Wer sich das Bein gebrochen hat und ein Schmerzmittel braucht, muss in Stadt und Landkreis Kassel bislang auf das Eintreffen des Notarztes warten. Denn nur der Mediziner darf Opioide verabreichen. Dies ändert sich im kommenden Jahr.

Rettungseinsatz: Bisher mussten die Notfallsanitäter zur Gabe von Schmerzmitteln auf den Notarzt warten

Am frühen Morgen beim Hereinholen der Zeitung passiert es: In der Nacht war es kalt, die Füße rutschen einem auf der gefrorenen Außentreppe weg – die Schmerzen sind so stark, dass keine Bewegung mehr möglich ist, die Nummer 112 wird gewählt. Der Rettungsdienst ist nach wenigen Minuten vor Ort, doch der Notfallsanitäter darf keine Schmerzmittel verabreichen, sondern muss auf den Notarzt warten.

Schmerztherapie wird dann Bestandteil der Arbeit von Notfallsanitätern

Diese Situation wird es 2020 im Landkreis und in der Stadt Kassel wohl nicht mehr geben: Ein Schmerzmittel wird zur Anwendung kommen, das auch von Notfallsanitätern verabreicht werden darf. Das berichtet Stadtsprecher Claas Michaelis auf Anfrage – die Berufsfeuerwehr Kassel ist der Träger des Rettungsdienstes, weshalb ASB und DRK im Landkreis Kassel auf diesen verweisen.

„Zur Schmerztherapie kann ich Ihnen aber mitteilen, dass diese ab 2020 Bestandteil der Therapie durch Notfallsanitäter ist“, bestätigt Stephan Moritz, Leiter des DRK-Rettungsdienstes.

Schmerzmittel-Gabe ist stark reglementiert, deshalb bislang in der Region keine Freigabe

Bereits jetzt schon dürfen hiesige Notfallsanitäter Patienten Medikamente direkt verabreichen, berichtet Michaelis. Aufgrund der Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes sei die Therapie mit Betäubungsmitteln, wozu auch Schmerzmittel zählen, jedoch sehr stark reglementiert. Es sei derzeit strittig, ob eine Verabreichung von opioidhaltigen Medikamenten durch Notfallsanitäter bei einer Freigabe durch den Ärztlichen Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) zulässig ist. Deshalb wurde für den Rettungsdienstbereich Kassel laut Michaelis bisher keine Freigabe zur Verabreichung erteilt. 

Künftig wird ein Schmerzmittel eingesetzt, dass nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt

„In Kürze wird jedoch ein Schmerzmittel zur Anwendung kommen, welches auch durch Notfallsanitäter verabreicht werden darf, da dieses nicht unter die Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes fällt“, so der Stadtsprecher.

Sogenannte invasive Maßnahmen am Notfallpatienten seien nach der gültigen Gesetzeslage einem Arzt vorbehalten. Es bestehe jedoch die Möglichkeit, bestimmte invasive Maßnahmen als ärztliche „Vorabdelegation“ dem Notfallsanitäter bis zum Eintreffen des Notarztes zu erlauben. Von dieser Vorabdelegation werde im Rettungsdienstbereich Kassel Gebrauch gemacht.

Gabe von Schmerzmitteln durch Notfallsanitäter: Abwägen zwischen medizinischem Nutzen und Gefahr für den Patienten

Bei solchen Entscheidungen muss man laut Michaelis immer abwägen zwischen den medizinischen Nutzen und Gefahren für die Patienten auf der einen Seite und dem Kompetenzniveau des nichtärztlichen Mitarbeiters im Rettungsdienst auf der anderen Seite. Die Verabreichung von Notfallmedikamenten greife in Regulationsmechanismen des menschlichen Körpers ein – für diese Komplexität von Wirkung und Nebenwirkung und auch die Beherrschung von Komplikationen seien in der Regel immer ärztliches Fachwissen und Erfahrung dringend erforderlich. 

Deshalb ist laut Michaelis eine vollständige Übertragung dieser Aufgaben auf Notfallsanitäter vom Gesetzgeber nicht vorgesehen „und wäre aus unserer Sicht der Patientensicherheit auch nicht zuträglich“.

Notfallsanitäter geht viral: Sein Song wird auf Youtube gefeiert

Kürzlich ging ein Song des Notfallsanitäters Felix Peter Haehne aus Hann.Münden viral: Darin hatte er unter anderem angeprangert, dass es für die Notfallsanitäter vor Ort zu wenig Rechtssicherheit gibt und man dann immer auf den Notarzt warten müsse.

Video

Stiftung Warentest hatte im Oktober 2019 rezeptfreie Schmerzmittel aus der Apothecke unter die Lupe genommen und Paracetamol, Ibuprofen & Co. verglichen.

Verschiedene Berufe beim Rettungsdienst

Der Rettungssanitäter absolviert mit vier Wochen Grundkurs, vier Wochen Klinikeinsatz, vier Wochen Rettungsdiensteinsatz und abschließender Prüfung eine weitaus kürzere Ausbildung als der Notfallsanitäter, der drei Jahre in Ausbildung ist. Der Rettungssanitäter ist dem Notfallsanitäter unterstellt und steuert in vielen Fällen das Einsatzfahrzeug. 

Bis Ende 2013 hatte der Rettungsassistent die höchste nichtärztliche Qualifikation im Rettungsdienst, doch diese Berufsbezeichnung wird es ab 2021 nicht mehr geben – dann gibt es nur noch Notfall- und Rettungssanitäter. Der Notarzt ist das einzige ärztliche Rettungsdienstpersonal und wird nicht zu jedem Einsatz hinzugerufen.

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