Erhitzte Gemüter

Planung und Bau der A44: Erhitzte Gemüter bei Info-Veranstaltung von Hessen Mobil

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Hier wird bereits an der A 44 gebaut, anders als zwischen Kassel und Helsa-Ost: an der Trasse zwischen dem Tunnel Hirschhagen in Richtung Helsa.

Knallende Türen, Zwischenrufe, Gemurmel: Es ging nicht nur gesittet zu bei der Informationsveranstaltung von Hessen Mobil zur Autobahn 44.

Rund 100 Besucher wollten sich am Montagabend im Kaufunger Bürgerhaus über den Planungsstand der A 44-Trasse zwischen Kassel-Ost und Helsa-Ost auf den neuesten Stand bringen lassen. Die Stimmung war angespannt bei den Themen Bundesstraße 7, Lärm- und Naturschutz und Fahrbahnentwässerung. Menschen verließen sichtlich genervt den Raum, andere machten ihrem Frust durch Zwischenrufe Luft. Frust über ein komplexes Thema, über Redebeiträge, aber auch über die Planungsbehörde Hessen Mobil.

Bundesstraße 7

Die Fakten: Die Bundesstraße 7 wird zur Bedarfsumleitungsstrecke mit zwei Spuren statt drei zurückgebaut. Zweispurig soll sie für den Bau der A 44 werden, weil der Böschung der neuen Autobahntrasse genügend Platz eingeräumt werden soll, erläuterte Ralf Struif, einer der Planer bei Hessen Mobil. Unter Raunen im Raum machte Struif auch deutlich, dass „immenser Verkehr auf der B 7 herrschen wird“, sobald die anderen Bauabschnitte östlich der A 44 fertig sind. „Das wird bis 2025 oder 2026 sein.“ Immer wieder wurde Struif darauf hingewiesen, lauter zu sprechen.

Lärmschutz

„Wir haben den Lärmschutz so dimensioniert, dass er mindestens den Vorgaben entspricht“, sagte Struif. Dazu zähle, dass der Lärm für Anwohner nachts nicht über 49 Dezibel liegen darf. Wände, Wälle und entsprechender Asphalt würden verbaut. Gerade bei den Wällen gehe man – mit Zustimmung des Bundes als Geldgeber und Aufsichtsbehörde – über die Standardhöhe hinaus, was für besseren Lärmschutz sorge. Unterm Strich hieß es von dem Planer: „Es wird nahezu überall leiser, nur an der Hundepension zwischen Kaufungen und Helsa nicht.“ Eine 500 Meter lange Lärmschutzwand für ein Gebäude sei nicht verhältnismäßig.

Der Planer wurde wieder darauf hingewiesen, bitte lauter zu sprechen.

Entwässerung

Die Entwässerung der Straße war der zentrale Grund für die einjährige Verzögerung des Planfeststellungsverfahrens und damit des gesamten Baus. Wie berichtet hatte der Bund hier Nacharbeit von der Behörde gefordert. „Es scheint, als wären wir auf die Nase gefallen“, sagte Struif. Grund dafür, dass Hessen Mobil nacharbeiten müsse, seien aber auch neue Richtlinien. Hessen Mobil müsse nun Filteranlagen in die Regenrückhaltebecken einplanen, um von den Straßen kommende, belastete Gewässer besser zu filtern. „Wenn das eingearbeitet ist, können wir hoffentlich im zweiten Quartal 2020 ins Planfeststellungsverfahren gehen“, so Struif. Als er das Pult verließ, rief ein Zuhörer im Bezug auf die Lautstärke: „Es ist fast eine Zumutung, Ihnen zuzuhören.“

Naturschutz

Als Sabine Campsheide von der Landespflege Hessen Mobil ans Pult trat, um über Naturschutz zu sprechen, hatten die Besucher bereits eine Stunde lang Ausführungen zugehört. Die Aufmerksamkeit sank, das Gemurmel wurde lauter. Campsheide erläuterte unter anderem, dass der Flächenbedarf für die A 44 weniger den Stiftswald sondern mehr den Staatsforst betreffe. Sie erklärte auch, dass artenschutzrechtliche Bedenken für die A 44 größtenteils ausgeräumt seien.

Campsheide sprach von CEF-Maßnahmen, FFH-Gebieten und Natura 2000 und setzte viel Fachwissen voraus. „Sie wissen, was wir verstanden haben, bei Ihrem Vortrag?“, fragte ein Besucher.

Bürgerinitiative

Dr. Wolfram Glaß, Vorsitzender der Bürgerinitiative Pro A 44 hatte eine Rede bei Hessen Mobil angemeldet und hielt sie auch – gegen Gemurmel sprach er an, von der H-Trasse, politischen Entscheidungen und der Lossetalfrischluftbahn. Er kritisierte die Politiker, die seit den 90ern das Projekt A 44 verantworten, ebenso wie Hessen Mobil. Menschen verließen den Raum mit knallenden Türen, holten sich Getränke, gingen heim. „Lassen Sie uns auf die Fragen der anderen Bürger eingehen“, bat Struif, gab sich aber geschlagen, als ein Teil der Zuhörer dem Vortrag von Dr. Glaß weiter folgen wollte, bevor es in die Fragerunde ging.

A44 Bürgerversammlung Kaufungen Bürgersaal

Das wollten die Anwohner von Hessen Mobil wissen

Der Klimaschutz ist aktuell eines der heiß diskutiertesten Themen in der Bundesrepublik. Auch Lothar Siebert brachte seine Bedenken über die ökologischen Auswirkungen des A-44-Ausbaus bei der Informationsveranstaltung von Hessen Mobil auf den Tisch. „Jeder zu viel gefahrene Kilometer ist Gift für die Umwelt“, sagte der Helsaer. Deswegen sollten die Planer die Strecke so kurz wie möglich halten. 

Auch Rudi Sauerbier machte sich für die Umwelt stark. „Für die neue Trasse müssen viele Hektar Wald gerodet werden. Wo werden die Flächen wieder aufgeforstet?“, fragte er. 

Ralf Struif, Planung Hessen Mobil

Rund 45 Hektar Wald müssen laut Hessen Mobil abgeholzt werden. Das hessische Forstgesetz schreibt vor, dass gerodete Flächen wieder nachgepflanzt werden müssen. „Rund 27 Hektar können nach den Bauarbeiten an gleicher Stelle wieder aufgeforstet werden, denn die Fläche wird nicht für die Trasse, sondern unter anderem als temporäre Freifläche für die Bauarbeiten genutzt“, sagte Sabine Campsheide von Hessen Mobil. 

Rund fünf Hektar sollen in der Nähe der neugeplanten Trasse entstehen. Die Landesbehörde könne rund 18 bestehende Hektar Wald am ehemaligen Standortübungsplatz Fritzlar und der Kasseler Warte in der Gesamtbilanz anrechnen. 

Neben dem Umweltschutz bereiteten den Anwohnern zu schnelle Autofahrer und Lärmschutz Bauchschmerzen. „Wer entscheidet denn, wo und wann, ob es Tempolimits gibt?“, fragte eine Kaufungerin. „Dafür ist die Verkehrsbehörde zuständig. Ich kann nur Empfehlungen geben, an die sich die Behörde nicht halten muss“, antwortete Ralf Struif von Hessen Mobil. Er sprach sich grundsätzlich für ein allgemeines Tempolimit aus. 

Hessen Mobil könne auch keinen Einfluss auf die Erstellung eines konkreten Bauzeitplans nehmen, sagte Struif. Die Kaufunger SPD-Fraktionsvorsitzende Angelika Großberndt hatte zuvor nach genaueren Zeiten für die Bauphasen gefragt. Zuerst müssen die Pläne laut Struif noch vom Bundesverkehrsministerium in Bonn geprüft werden. „Wir werden unsere Planungen wahrscheinlich im dritten Quartal 2019 abschließen. Dann gehen die Unterlagen nach Bonn“, sagte Struif. In den meisten Fällen dauere die Prüfzeit rund sechs Monate. „Wir hoffen aber, dass die Prüfung vor anderen Bauprojekten vorgezogen wird“, so der Planer. 

Sabine Campsheide,  Landespflege Hessen Mobil

Bürgermeister Arnim Roß (SPD) kritisierte, dass die Bürger über die Planungen lange nicht auf dem Laufenden gehalten worden. „Es gab eine Infoveranstaltung im Dezember 2017 und dann wurde die Kommunikation abgerissen“, sagte der Kaufunger Rathauschef. 

Anwohner Dirk Schmidt befürchtete durch die Bauarbeiten Schäden vor seiner Haustür am Mariengrund in Helsa. „Wie wäre es denn, wenn Sie einfach uns unser Grundstück für eine Million Euro abkaufen. Dann können Sie da machen, was Sie wollen“, so der Anwohner. Millionen spielen doch bei Milliarden-Projekten keine Rolle, sagte Schmidt wohl nicht ganz ernst gemeint. 

„Der Gutachter wird wohl einen geringeren Preis schätzen, mit dem Sie wahrscheinlich nicht zufrieden wären“, antwortete Struif. Er selbst dürfe ohnehin nicht über Geld sprechen. Doch vor den Bauarbeiten werde ein Gutachten erstellt. „Sollten Schäden an Ihrem Grundstück entstehen, haben Sie natürlich einen Anspruch auf Entschädigungen“, sagte der Planer.

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