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„Das Fest schlägt vielen aufs Gemüt“: So erleben Insassinnen Weihnachten im Frauengefängnis in Kaufungen

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Von: Valerie Schaub

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Heiligabend hinter Gitterstäben: Mit Seelsorgerin Sarah Benkner (rechts) können Gefangene über Belastendes sprechen. Den Besuchsraum haben sie zusammen geschmückt. Die Gottesdienste darin sind beliebt.
Heiligabend hinter Gitterstäben: Mit Seelsorgerin Sarah Benkner (rechts) können Gefangene über Belastendes sprechen. Den Besuchsraum haben sie zusammen geschmückt. Die Gottesdienste darin sind beliebt. © Valerie Schaub

Heiligabend hinter Gitterstäben: Im Gefängnis in Kaufungen sitzen zehn Frauen ihre Haft ab. Wie sie Weihnachten erleben und warum der Glaube in der Haft wichtig ist, erzählen eine Seelsorgerin und eine Insassin.

Kaufungen – Dass das Gebäude in der Leipziger Straße 419 ein Gefängnis ist, fällt nicht sofort auf. Die dicken Gitterstäbe an den Fenstern passen irgendwie zum über 100 Jahre alten, ehemaligen Gerichtsgebäude in Kaufungen. Spätestens bei der Einlasskontrolle ist klar: Hier kommt keiner so schnell rein oder raus. Perso zeigen, Tasche einschließen, sich einschleusen lassen in den Mikrokosmos Vollzugsanstalt.

In den Zellen sitzen Frauen aus Nord- und Osthessen ihre Haft ab. Sie büßen für Diebstähle, Drogenbesitz und Internetbetrug, erklärt Bereichsleiter Matthias Schmelzer. Derzeit sind es zehn. Ihre Strafzeiten reichen in der Regel nicht über zwölf Monate hinaus. Wer hier in Untersuchungshaft sitzt, kann aber auch für Mord angeklagt sein, erklärt Gerhard Vogl, der die Zweigstelle leitet. Auch die falsche Ärztin aus Fritzlar war bis zu ihrem Urteil – lebenslange Haft – in Kaufungen.

Im großen Besuchsraum mit Ornamenten an der Decke ist ein Weihnachtsbaum zwischen die Bücherregale und Spielekommode eingezogen. Auf der langen Glastafel glitzern Girlanden und Christbaumkugeln. Geschmückt haben die Bediensteten mit den Insassinnen.

Trotzdem: „Weihnachten ist für viele Gefangene schwierig“, sagt Sarah Benkner. Die 32-Jährige ist katholische Seelsorgerin. Jeden Donnerstag spricht sie mit Gefangenen, hält Gottesdienste und hat für Weihnachten Tüten mit Tabak und Kaffee gepackt. Beides sei für Insassinnen wichtig.

„Viele werden emotional. Ich spüre das, wenn wir Adventslieder singen“, sagt die zierliche Frau mit Brille. Auch Gefängnisleiter Vogl weiß aus 37 Jahren Erfahrung: „Weihnachten schlägt bei Gefangenen aufs Gemüt.“ Manche haben zu Hause kleine Kinder. In Kaufungen dürfen Insassinnen bis zu vier Stunden Besuch im Monat empfangen.

Bereichsleiter Matthias Schmelzer gewährt einen Blick in die Zelle. Auf etwas mehr als neun Quadratmetern stehen Bett, Schrank, Toilette und Waschbecken.
Bereichsleiter Matthias Schmelzer gewährt einen Blick in die Zelle. Auf etwas mehr als neun Quadratmetern stehen Bett, Schrank, Toilette und Waschbecken. © Schaub, Valerie

Dass sie auch im Gefängnis den Baum schmücken kann, bedeutet für Sabrina Fischer ein Stück Heimat, sagt sie. Ihr Name ist zu ihrem Schutz geändert. Sie trägt hellgrauen Pulli, graue Hose, spricht ruhig und freundlich. Am Dienstag war Besuch für sie da – der letzte vor Weihnachten. „Freundschaften gibt es hier nicht.“ Trotzdem fühlt sie sich nicht einsam. Das Gefühl kenne sie eher aus ihrem Leben vor der Haft.

Etwas Geborgenheit und innere Ruhe geben ihr die Gespräche mit der Seelsorgerin. „Frau Benkner ist für uns da“, sagt sie. Alles, was sie ihr erzählt, fällt unter die Schweigepflicht. Im Büro in einer alten Zelle gibt Benkner vielen Insassinnen Kraft, sich mit der Haftstrafe auseinanderzusetzen. Den Job hat sie sich selbst ausgesucht. Schon Jesus habe sich Gefangenen zugewandt. Auch in Wehlheiden spricht sie mit Insassen. Dass diese sich erst in der Haft dem Glauben zuwenden, sei nicht außergewöhnlich. Draußen würden diese christlichen Dinge oft belächelt, sagt Gefängnisleiter Vogl. Aber auch er sieht seinen Auftrag darin, Gefangenen die Chance zur Umkehr zu geben und ihre Würde zu wahren. „Gehen müssen sie den Weg aber allein.“

Sabrina Fischer wird nach dem Gottesdienst an Heiligabend zurück in ihre Zelle gehen. Sie will lieber allein sein, mit sich, den Erinnerungen und inneren Konflikten.

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