„Es wuchs schon Efeu in den Keller“

Marodes Fachwerkhaus in Kaufungen abgerissen – Schuldenberg bleibt stehen

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Vom Haus am Domberg 1 in Oberkaufungen ist nicht mehr viel übrig. Der Weg Domberg ist derzeit noch gesperrt.

Statiker Walter Liese staunte nicht schlecht, als er kurz vor dem Großeinsatz von Feuerwehr, THW und DRK vor zwei Wochen das schiefe Haus in Oberkaufungen betrat.

Kaum Wände im Innenraum, ein feinsäuberlicher Schutthaufen auf dem Boden, fehlende Deckenteile und verfaulte Balken. „Wir waren mit drei oder vier Mann da drin und haben beim Laufen Schwingungen erzeugt. Da ist mir schon mulmig geworden.“ Der Helsaer sollte beurteilen, ob das Haus, dass sich kurz zuvor um rund 20 Zentimeter zur Seite geneigt hatte, noch zu retten ist. Er entschied sich für den Abriss.

Zunächst wurde das Haus am Domberg 1 provisorisch befestigt, dann kamen Bagger und jetzt steht nur noch das Untergeschoss. „Es ist schade um das Haus, aber die Eigentümer sind den Umbau zu blauäugig angegangen“, sagt Liese. Zuletzt sei nichts mehr passiert. „Es wuchs schon Efeu in den Keller.“

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass das Gebäude quasi entkernt und plötzlich zur Gefahr für die Anlieger wurde? Zumal laut Feuerwehrsprecher Rudi Viehmann und Anwohner Georg Klein „alle“ davon gewusst hätten.

Haus stand unter Denkmalschutz

Laut Kreissprecher Harald Kühlborn stand das Haus unter Denkmalschutz. So wären bau- und denkmalrechtliche Genehmigungen notwendig gewesen, um am Gebäude etwas zu ändern. „Wenn man so ein Haus hat, bringt das gewisse Pflichten mit sich“, erklärt der Sprecher. Zum Beispiel müsse man sich bei der unteren Denkmalschutzbehörde melden und bauliche Vorhaben durchsprechen.

Ohne Zustimmung und Wissen der Behörde seien „wichtige tragenden Balken und Deckenbereiche entfernt“ worden. „Ausreichender baulicher Sachverstand war offensichtlich bei den privaten Helfern nicht vorhanden“, so der Kreissprecher weiter. Firmen seien nicht beteiligt gewesen.

Die Untere Bauaufsicht des Landkreises Kassel sei erst Jahre später über die Entkernungsarbeiten informiert worden. Sie ist zuständig für Gebäude, die die Öffentlichkeit gefährden. Nach einer Ortsbesichtigung im Jahr 2017 habe die Behörde umgehend ein Nutzungs- und Betretungsverbot erlassen und die Besitzer aufgefordert, einen Standsicherheitsnachweis für das Gebäude vorzulegen. 

„Da war das Gebäude nicht mehr bewohnt und hätte auch rein praktisch nicht bewohnt werden können“, so Kühlborn. Die Besitzer hätten sich zwar an das Betretungsverbot gehalten, aber nicht den Standsicherheitsnachweis erbracht. Seitdem habe die Bauaufsicht das Haus laufend im Visier gehabt, jedoch bei Kontrollen keine Veränderungen festgestellt.

Es bleibt ein Schuldenberg

Der Gemeinde sei indes bekannt gewesen, dass das Haus leer stand und die Bauaufsicht des Landkreises Kassel hier zuständig und tätig ist. Deswegen habe man in dieser Sache nichts unternommen: „Es bestanden keine Handlungsmöglichkeiten“, heißt es aus dem Kaufunger Rathaus.

Was nun bleibt, ist ein Schuldenberg. Laut Kühlborn steht allerdings noch nicht fest, wie hoch die Rechnungen für Abbruch, Entsorgung sowie den Statiker sind. „Wir als Landkreis zahlen das erst mal, versuchen es aber vom Besitzer zurückzuholen, zur Not über einen Grundbucheintrag.“ Ob damit die Gesamtsumme zusammenkommt, ist noch unklar.

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