Am Donnerstag stehen noch Restarbeiten an

Wenn der Bagger zum Skalpell wird: Abriss des schiefen Hauses in Oberkaufungen

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Im Führerhaus: Baggerführer Florian Heß arbeitet sich Stück für Stück vor beim Haus Domberg 1 in Oberkaufungen.

Das einsturzgefährdete Haus in Oberkaufungen hatte am Wochenende Anwohner erschreckt - am Mittwoch dann wurde es abgerissen. Wir waren bei dem Einsatz dabei.

Update am 30.10.2019  - Florian Heß ist hoch konzentriert: Er muss Millimeterarbeit leisten und ein ruhiges Händchen haben. Eine falsche Bewegung des 37-Jährigen aus Gudensberg könnte schwere Folgen haben. Heß ist Baggerführer auf der Baustelle im alten Oberkaufunger Dorfkern. Mit Präzision und viel Geduld geht er ans Werk, als er das schiefe Fachwerkhaus am Domberg abreißt.

Am Samstagnachmittag hatte sich das unbewohnte Gebäude am Domberg plötzlich um rund 20 Zentimeter zur Seite bewegt. Es drohte, auf anliegende Häuser oder die Straße zu stürzen. Feuerwehr, THW und DRK waren über 24 Stunden im Einsatz, um den Wackelkandidaten schnellstmöglich übergangsweise zu stabilisieren. Nachdem sich die Anfahrt der Firma Schnittger mit dem Abrissbagger um einen Tag verzögert hatte, kommt jetzt Hilfe für das Haus. 

Bevor es losgehen kann, müssen erst einmal drei anliegende Gebäude evakuiert werden

Als Ordnungsamtsleiter Harald Stückrad und seine zwei Kollegen das Okay geben, die Menschen sind in Sicherheit, wird eine fünf mal zehn Meter große Matte aus Förderbandgummi zwischen das schiefe Haus und das angrenzende Gebäude gehängt, damit es nichts abbekommt.

Zum Schutz: die Matte aus Förderbandgummi.

Auch Baggerfahrer Jörg Hellgrewe geht mit einem Baufahrzeug in Stellung und hängt die Schaufel abwehrend in die Luft. „Damit wird das Trafo-Häuschen geschützt, das direkt unterhalb des Abrisshauses steht“, sagt er. Eine Vorsichtsmaßnahme, „denn das Fachwerkhaus ist statisch unberechenbar, weil Zwischenebenen fehlen“. Über Funk ist Hellgrewe mit seinem Kollegen Heß verbunden, kann ihm Tipps aus seiner Perspektive geben.

Baggerfahrer Florian Heß nimmt das Haus behutsam auseinander

Dann beginnt die Operation: Heß fährt den rund 28 Meter langen Arm mitsamt Schaufel seines Baggers aus und beginnt, das noch übrig gebliebene Dachgerippe von der Mitte aus auseinanderzunehmen. Manchmal greift er einzelne Holzlatten oder Balken, manchmal mehrere auf einmal. 

Im Vorgarten des Hauses legt er sie ab. Heß vermeidet abrupte Bewegungen mit der Schaufel und wildes Schwingen mit dem Arm. „Ich muss hier langsam und mit Köpfchen rangehen, genau überlegen, welche Teile ich als Nächstes weglege“, sagt er. Denn: „Ruckzuck hat man es sich verbaut.“

Bernd Kleibl, Bauaufsicht Landkreis Kassel.

Wie wichtig Sorgfalt hier ist, weiß auch Bernd Kleibl von der Bauaufsicht des Landkreises Kassel. „Ich war am Wochenende mit einem Statiker im Gebäude. Es sind kaum noch Decken drin und ist sehr instabil.“ Obendrein lehne es sich schon an das Backsteinhaus dahinter an – „wir müssen dafür sorgen, dass das Hinterhaus möglichst keinen Schaden nimmt.“ Damit das wirklich gelingt, bekommt Heß nun weitere Unterstützung. Einer seiner Kollegen stellt sich mit Funkgerät hinter das Abrisshaus und gibt Tipps.

Immer wieder kommen auch Schaulustige ans Absperrband

Einer von ihnen ist Bernd Petzschke aus Nieste. Er habe über die HNA vom Abriss erfahren und sich das Spektakel ansehen wollen. „Hier ist ja immer was los: Dautenbachflut, der Lkw, der den Hang runterrollte und jetzt das Haus“, sagt der 64-Jährige. Schade sei es um das schöne Fachwerkgebäude. Heß nimmt es Stück für Stück auseinander. Am Abend will er mit dem Bagger fertig sein. Restarbeiten soll am Donnerstag gemacht werden.

Bagger bewegen sich im Schneckentempo: Abrisskommando für schiefes Haus in Oberkaufungen unterwegs

Meldung vom 29.10.2019 - Eigentlich sollte das einsturzgefährdete Haus in Kaufungen am Dienstag abgerissen werden - aber der Bagger kam nicht so einfach zum Einsatzort. Baggerfahrer brauchen Geduld, zumindest die von der Firma Schnittger aus Baunatal beim Einsatz in Oberkaufungen. Eigentlich wollten sie am Dienstag früh anfangen, das alte unbewohnte Fachwerkhaus, Domberg 1, abzureißen.

Er legt die Bohlen an die richtige Stelle: Jörg Hellgrewe, Baggerfahrer bei der Firma Schnittger aus Baunatal, ist in der Dorfstraße in Oberkaufungen unterwegs.

Das Gebäude hatte sich am Wochenende um rund 20 Zentimeter zur Seite geneigt, was für einen Großeinsatz von Feuerwehren, THW und DRK sorgte. „Doch die Kontergewichte für den Abrissbagger wurden nicht pünktlich geliefert“, erklärt Arne Lengemann technischer Bauleiter.

So konnten die Abrissspezialisten erst einen Tag später mit der beschwerlichen Anfahrt beginnen: die Gewichte anbringen – und sich schließlich mit dem rund 66 Tonnen schweren Bagger und zwei kleineren Baggern von der Kreuzung Am Mühlenplatz/Leipziger Straße zum Haus Am Domberg bewegen. „Weil der große Bagger so schwer ist, legen wir Holzbohlen unter die Ketten, damit das Gewicht gleichmäßig auf der Straße verteilt wird“, erklärt Jörg Hellgrewe. 

Baggerfahrer bahnen sich behutsam einen Weg durch die engen Straßen

Fährt einen 66 Tonnen schweren Bagger: Florian Heß aus Gudensberg.

So beschädige man weder das Kopfsteinpflaster, noch die Rohre, die unterhalb der Straße verlaufen. Hellgrewe, 51, aus Felsberg, sitzt im Führerhaus einer der drei Baumaschinen und legt mit einem Greifarm die Bohlen zentimetergenau vor das gelbe Ungetüm. Dabei muss er darauf achten, dass er mit Greifer und Arm weder parkende Autos oder Zäune, noch Hauswände streift. Und so dauert es eben. Ein Kollege von Hellgrewe schiebt die Bohlen unter dem großen Bagger durch und der 51-Jährige zieht sie vor und platziert sie richtig.

Dann kommt Florian Heß zum Einsatz und bewegt das 66-Tonnen-Fahrzeug ein paar Meter nach vorn über den Holzsteg. In der Dorfstraße hat er nach links und rechts etwa einen Meter Platz. „Das ist reichlich“, findet der 37-Jährige aus Gudensberg, der Bagger fährt, seit er denken kann. „Das ging auf dem Schoß meines Vaters los“, sagt er lachend. Für die engen Gassen hat er das Fahrwerk des Abrissfahrzeugs eingefahren, „eigentlich ist das einen Meter breiter“.

Abrissarbeiten sollen jetzt am Mittwochmorgen starten

Stück für Stück arbeiten sich Hellgrewe, Heß und ihre Kollegen voran. „Natürlich wären wir gern schon am Haus gewesen, aber wir sind geduldig“, sagt Bauleiter Lengemann. Während die Bohlen zurechtgelegt werden, zeigt sich auch Heß entspannt: „Hier darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn ich da bin, bin ich da“, sagt er und steigt gleich in das Fahrzeug, ohne das nichts geht beim Abriss. Der soll am Mittwoch ab 8 Uhr stattfinden.

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