Interview mit Prälat Bernd Böttner

Martin Luther zum Reformationstag - „Dem Volk aufs Maul schauen“

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Illuminiert: Unser Bild zeigt die Stiftskirche nach der Sanierung im Sommer 2018 in der Dunkelheit während sie auf der Vorderseite mit Scheinwerfern angeleuchtet wird. 

Am 31. Oktober ist Reformationstag. Vor 501 Jahren schlug Martin Luther die 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg – das sollte die Kirchenwelt verändern.

Das feiern evangelische Christen auch hier im Kreis Kassel in einem Reformationsgottesdienst in der Kaufunger Stiftskirche. Prälat Bernd Böttner predigt. Wir haben mit ihm über die Stiftskirche, Martin Luther und Pfarrstellen gesprochen.

Dazu auch:

Reformationstag 2018 am 31. Oktober - wo ist der eigentlich ein Feiertag

Ihre drei Assoziationen mit der Kaufunger Stiftskirche...

Bernd Böttner:Ich habe dort die Ordination von einem Freund mitgefeiert. Zweitens: Carmen Jelinek und drittens das Engagement, das mit der Sanierung verbunden war.

Martin Luthers Botschaften

Das Thema Ihrer Predigt ist „Martin Luthers Botschaft(en) und ihre Bedeutung für heute“. Was lernen Sie von ihm?

Böttner: Die Predigt beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit Luther unter dem Titel „Vermeidet meine Fehler“. Dann kommen positive Dinge, die ich von ihm lerne. Zum Beispiel: ,Schaut dem Volk aufs Maul.‘ Da geht’s darum, in der Kirche, in der Predigt und darüber hinaus eine Sprache zu finden, die die Menschen verstehen. Außerdem: ,Habt Mut zur Veränderung‘ und ,nutzt die neuen Medien‘. Luther hat damals auch mit dem Buchdruck ein neues Medium genutzt, ohne den sich seine Gedanken nicht so verbreitet hätten.

Worum geht’s in dem kritischen Teil?

Böttner: Da geht’s um seinen Antisemitismus, den man nicht entschuldigen kann. Davon hat sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland 2015 ausdrücklich distanziert. Man muss das Ganze immer im Zeitkontext sehen. Im Grunde waren alle führenden Köpfe damals Antisemiten. Sicherlich hatte Luther große Hoffnungen, die jüdischen Gemeinden in seiner Bewegung mitzunehmen. Das hat sich nicht erfüllt, was aber keine Entschuldigung ist.

Die Kirche streicht Stellen, ist auf Sparkurs. Das Lutherjahr hat Millionenbeträge gekostet. Ein Widerspruch?

Böttner: Die Vokabeln ,streichen‘ und ,sparen‘ verwende ich nicht. Sie sind ein falscher Zugang zu dem, was wir machen müssen. 

Prälat Bernd Böttner

Die evangelische Kirche wird kleiner und sie hat weniger Geld zur Verfügung. Deswegen muss sie schauen, wie sie sich neu aufstellt. Das ist aber ohnehin notwendig: Wenn Kirche auf der Höhe der Zeit bleiben will, kann man nicht mit überkommenen Formaten und Strukturen arbeiten. Und: Die Wirksamkeit der evangelischen Kirche hängt nicht von der Anzahl der Pfarrstellen ab.

Wovon hängt sie denn ab?

Böttner: Sie muss glaubwürdig und überzeugend sein, zum Glauben einladen und zum Leben nach christlichen Grundsätzen motivieren.

"Lutherjahr hatte große Tragweite"

Das Lutherjahr war allgegenwärtig. Spürt man davon noch etwas?

Böttner: Das kommt drauf an, was man darunter versteht. Das Jubiläumsjahr der Reformation hatte eine große Tragweite. Zum Beispiel weil mehrere Bundesländer den Reformationstag zum Feiertag gemacht haben. Auch weil die evangelische und katholische Kirche in diesem Jahr in einer bis dato unbekannten Weise zusammengearbeitet haben und sich näher kamen. Außerdem wurde über Fragen des Glaubens und der Kirche öffentlich diskutiert.

Aber...?

Böttner: Es hat sich nicht so ausgewirkt, dass wir im vergangenen Jahr keine Kirchenaustritte gehabt hätten. Das wäre zu viel erwartet. Wir hätten es uns gewünscht, das ist aber nicht eingetreten. Ich muss ja den Einzelnen erreichen. Und das geht nicht nur durch mediale Präsenz.

Sondern wie?

Böttner: Durch persönliche Kontakte und Präsenz vor Ort.

Das geht ja nicht gerade damit einher, dass Pfarrstellen gekürzt werden.

Böttner: Doch, weil wir noch nicht analog zum Rückgang der Mitgliederzahlen Pfarrstellen abbauen. Wir haben heute, bezogen auf die Gemeindemitglieder, mehr Pfarrstellen als vor 20 Jahren. Wir dürfen nicht negative Klischees weiterführen, ohne dass sie mit der Realität übereinstimmen. Außerdem: Pfarrstellen sind nicht alles. Ein Ergebnis der Reformation ist, dass jeder einzelne Christenmensch berufen ist, den Glauben zu leben und ein Amt hat, was ihm von Gott verliehen ist. Das Pfarramt ist ein besonderes, denn das sind Menschen, die in Vollzeit Glauben leben. Aber wir wollen keine Pastorenkirche sein, sondern eine von mündigen Christen.

Reformationsgottesdienst

Der Ev. Kirchenkreis Kaufungen lädt Mittwoch, 31. Oktober, ab 19 Uhr zum Reformationsgottesdienst in die Stiftskirche ein. • Liturgie: Dekanin Carmen Jelinek und Team 

  • Predigt: Prälat Bernd Böttner „Martin Luthers Botschaft(en) und ihre Bedeutung für heute“ 
  • Musikalische Gestaltung: Vereinigte Chöre des Kirchenkreises Kaufungen, Leitung: Martin Baumann; Nikolai-Laudamus-Chor Helsa/Vollmarshausen, Leitung: Elke Phieler; Projektchor der Evangelischen Kirchengemeinde Hoof, Leitung: Monika Günther; Kaufunger Kantorei, Leitung: Martin Baumann; Frauenchor Notabene Obervellmar, Leitung: Michaela Krusche; Kantorei Vellmar/Ahnatal, Leitung: Dorothea Harris; Vereinigte Posaunenchöre des Kirchenkreises Kaufungen, Leitung: Carsten Noll; Posaunenchor Kirchbauna, Leitung: Achim Hartung; Posaunenchor Oberkaufungen, Leitung: Carsten Noll; Posaunenchor Niederkaufungen, Leitung: Tobias Geismann; Bezirkskantorin Dorothea Harris (Orgel); Bezirkskantor Martin Baumann (Gesamtleitung). 
  • Zum Schluss gibt es einen Empfang.

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