Gemeinde mähe zu oft

„Hier blüht nichts mehr“: Nabu kritisiert Kaufungens Grünflächenpolitik

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Kürzlich legten sie hier eine Blühwiese an, davon ist jetzt nicht mehr viel zu sehen: Reiner Böth (links), Manfred Henkel und Peter Vesely vom Nabu Kaufungen-Lohfelden kreiden der Gemeinde Kaufungen an, dass sie sich falsch um Grünflächen kümmere. Unser Bild der drei Nabu-Vertreter entstand während der Bauarbeiten am Edeka-Parkplatz am Stechkopf in Kaufungen.

Kaufungen. Mitglieder des Nabu Kaufungen-Lohfelden verstehen die Welt nicht mehr: Kürzlich haben sie eine Blühwiese am Edeka-Parkplatz angelegt. Die Wiese ist passé. Schuld sei die Gemeinde Kaufungen. 

Am Pfingstsamstag in diesem Jahr haben Peter Vesely und Manfred Böth nach eigenen Angaben noch gemeinsam mit Helfern Samen auf einer Wiese am Kaufunger Edeka-Markt Stechkopf ausgesät – Bürgermeister Arnim Roß (SPD) kam zu Besuch. Von Wildblumen wie Mariendistel, Schafgarbe und Wegwarte ist hier rund zwei Monate später aber keine Spur mehr.

Stattdessen dominieren Steine das Bild: „Jetzt blüht hier nichts mehr und der Edeka-Parkplatz wird erweitert“, moniert Böth. „Dadurch geht ein circa drei mal 15 Meter großes Stück Blühwiese verloren, die auch als Ausgleich für die Parkfläche gelten sollte“, sagt der Kaufunger und deutet auf den versiegelten Platz direkt nebenan, auf dem kein Baum steht und nichts mehr grünt. „Auf dem ehemaligen Wiesenstück standen mehrere Bäume, aber nur einer davon wurde umgepflanzt. Die anderen wurden abgeholzt“, sagt Vesely. „Das kann doch nicht sein“, sind sich die drei einig.

Kritik üben die drei Naturschützer an der Kaufunger Verwaltung: Die Gemeinde könne seit Jahren mehr Lebensraum für Insekten und Co. schaffen, nämlich durch mehr Grünflächen, die zu Blühflächen werden könnten. „Doch die werden – trotz Absprachen mit dem Rathaus – in regelmäßigen Abständen komplett abgemäht“, sagt Böth. Das mache Lebensräume kaputt.

„Absprachen nicht beachtet“

So auch neben der Kita Kunterbunt an der Leipziger Straße. Hier steht ein Stück Blühwiese, drumherum ist das Gras wenige Zentimeter kurz gemäht. Laut Böth war mit Bürgermeister Roß abgesprochen, dass der Grünflächenteil um die Blühwiese herum, im Dreieck Kita, Tram-Schienen und Gehweg, sich selbst überlassen werde. „Wir haben aber erlebt, dass Gemeindemitarbeiter die Fläche gemäht haben, auch nachdem ich mich bei Bürgermeister Roß darüber beschwert habe und er mir eigentlich zugesichert hatte, dass die Pflanzen auf der Fläche erst einmal wachsen könnten. Da fehlt eine klare Linie bei der Gemeinde.“ Vesely fügt hinzu: „Es wird so viel über das Insektensterben gesprochen, aber es fehlt an Bereitschaft, dagegen vorzugehen.“

Ginge es nach den Nabu-Mitgliedern, könnte es vielerorts in Kaufungen so aussehen: die Blühwiese am Kaufunger Kindergarten Kunterbunt.

Die Naturschützer wünschen sich, dass weniger Flächen ständig unters Rasenmäher-Messer kommen: „Seit vier Jahren fordern wir einen Mähplan von der Gemeinde, an dessen Planung wir uns auch beteiligen könnten“, so Vesely. Doch seitdem sei nichts passiert. „Wenn wir Vorschläge machen, wird immer nach den Kosten gefragt.“ Aber eigentlich koste es weniger Geld und Arbeitszeit, wenn man Grünflächen seltener mäht. „Einmal im Jahr eine Wiesenhälfte zu mähen, reicht aus“, sagt Böth.

Doch bei den Themen Mähen stoßen die Nabu-Mitglieder bei der Gemeinde immer häufiger auf taube Ohren.

„Viele Ansichten zum Ortsbild“: Gemeinde zu Vorwürfen des Nabus

Die Gemeinde Kaufungen verweist auf HNA-Anfrage zum Thema Blühflächen auf ihr Projekt „Blühendes Kaufungen“. Seit 2012/2013 treffe sich ein- bis zweimal jährlich ein Arbeitskreis, dem unter anderem der Bürgermeister, der Leiter des Bauhofs, aber auch Vertreter des Nabu sowie Imker angehörten. 

Seitdem habe man gemeinsam daran gearbeitet, Blühflächen anzulegen und zu erweitern. Aktuell gebe es 2000 Quadratmeter Blühflächen in der Gemeinde, so Gemeindesprecherin Iris Sager. „Der Vorwurf, dass das Projekt ,Blühendes Kaufungen‘ nicht ausreichend gefördert wurde, ist völlig falsch und unberechtigt.“ Berücksichtigt werden müsse, dass das Projekt in all den Jahren mit knappsten Finanzmitteln durchgeführt werden musste. Das habe manches erschwert. Trotzdem sei aufgrund der Bedeutung des Projektes stets daran gearbeitet worden. Das Vorgehen der Beschwerdeführer bezeichnet die Gemeinde als „destruktiv“. 

In Sachen Blühwiesen würde im Arbeitskreis für jede Blühfläche entschieden, wie sie gepflegt werde. Zu den Vorwürfen, dass bereits mehrfach entgegen der Absprachen mit Roß auf bestimmten Flächen gemäht wurde, heißt es aus dem Rathaus: „Es gibt auch Blühwiesen, um die herum der Rasen gemäht wird. Das liegt daran, dass nicht die gesamte Rasenfläche als Blühwiesenfläche eingesät wurde und damit auch nicht Teil der Blühwiese ist. Die Blühwiese selbst wird nicht gemäht.“ 

Das sei stets im Arbeitskreis besprochen worden. Ob es mit Bürgermeister Roß Absprachen gab, dazu wurden keine Angaben gemacht. Die Gemeinde habe in der Planung der Grünpflegemaßnahmen zu berücksichtigen, dass es unterschiedliche Ansichten über ein gepflegtes Ortsbild gibt. Sager verweist auf die größte innerörtliche Blühwiese am Stechkopf, die rund 800 Quadratmeter groß sei, seit fünf Jahren bestehe und teils auf Gemeindegrund und teils auf dem Grundstück der Firma Edeka liege. Der neuerliche Parkplatz liege auf der Fläche von Edeka, für den die Firma eine Baugenehmigung vom Landkreis Kassel habe. Durch den neuen Parkplatz gingen nur rund zehn Quadratmeter Blühfläche verloren.

Das sagt Edeka: „Brauchen mehr Fläche für Kunden“

Auf die Frage hin, warum der Parkplatz des Edeka-Marktes erweitert wurde, verwies Thomas Smit, Geschäftsführer des Edeka-Markts Volker-Smit in Kaufungen, an die Zentrale in Melsungen. „Wir wollen einfach genügend Parkplätze haben, um während Großveranstaltungen, die auf dem neuen Festplatz stattfinden, noch genügend Parkflächen für die eigenen Kunden zu haben.“ 

Dass dabei eine Blühwiese zugebaut wird, begründete der Sprecher damit, dass dafür eine Genehmigung durch die Gemeinde gegeben wurde. Ob auf der Parkfläche weitere Bäume geplant sind, dazu konnte der Sprecher keine Auskunft geben. Nur so viel: „Wir haben die Außenanlagen gemäß der Baugenehmigung hergerichtet.“

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