Obstkunde aus Kaufungen: Die Birne - ein sensibles Früchtchen

Sie sind sensibel, lieben Wärme und im besten Fall sind sie süß. Die Rede ist von Birnen, die im Mund zerschmelzen, wenn man in sie hineinbeißt. Aber es gibt auch solche, die man sofort ausspucken möchte, so bitter und pelzig schmecken sie im Mund.

Dafür schmecken die dann umso besser als Schnaps, Wein oder Saft. Welche Birne wie schmeckt und wofür sie am besten geeignet ist, weiß niemand so gut wie Jan Bade.

Er ist einer von drei hauptberuflichen Pomologen in Deutschland. In Kaufungen bewirtschaftet er 700 Obstbäume auf fünf Hektar Streuobstwiesen, davon sind 300 Apfel- und 300 Birnbäume. Insgesamt hat er auf den Flächen über 1200 Obstsorten. Die „Obstmanufaktur“, wie sich sein vierköpfiges Kollektiv nennt, ist Teil der Kommune Niederkaufungen. Sein Ziel: Der Erhalt und die Pflege historischer und bewährter Obstsorten. Seine Arbeit besteht aus der Sortenbestimmung, dem Obstbaumschnitt und aus Seminaren, in denen er sein Wissen weitergibt.

Weiß alles über Birnen: Jan Bade ist einer von drei hauptberuflichen Pomologen in Deutschland. Gemeinsam mit drei Mitstreitern betreibt er die Obstmanufaktur in Kaufungen, eines von zwölf Kollektiven der Kommune Niederkaufungen. Hier steht er auf einer seiner Streuobstwiesen auf der Steinkopfbause in Kaufungen.

Ein bisschen ähnelt es einem Krimi, wenn Jan Bade auf Spurensuche geht. Am Anfang hat er nur Indizien, Eigenschaften und ein Bauchgefühl. Dann beginnt die Suche, um das Rätsel zu lösen. Wie heißt diese Birnensorte, ist sie bekannt oder eine bekannte Unbekannte? So nennt man Sorten, die immer wieder auftauchen und auch von Baumschulen verkauft werden, von denen man aber nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wie sie heißen.

Wer zehn Kerne säht, bekommt zehn neue Sorten. Es ist wie ein Kreuzungsprodukt aus Vater und Mutter, erklärt Bade. Jedes Kind stammt aus dem gleichen Genpool, ist aber einzigartig. „So sind unendlich viele Sorten möglich.“

Alles katalogisiert: Niemand sonst hat so viel Wissen über Birnen wie Jan Bade. In einem großen Aktenordner katalogisiert er die Kerne der Sorten. In den Sortenbeschreibungen, die er erstellt hat, sind etwa 400 Birnensorten beschrieben.

Seit 20 Jahren versucht Bade nun schon, dem Rätsel der Birnen auf die Spur zu kommen. „Und ich habe immer noch das Gefühl, ich habe gar keine Ahnung.“ Dabei ist er eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Niemand kennt sich mit Birnen so gut aus wie der 51-Jährige. Ein Beispiel: die Martinsbirne und der Trockene Martin. „Eigentlich haben alle behauptet, es sei die gleiche Birne.“ Außer Bade. Irgendwas sagte ihm, dass das nicht stimmen konnte. Um sicher zu gehen, hat er einige Zweige vom Baum der sogenannten Trockenen Martin (traditionell eine Dörrbirne) mit der Martinsbirne veredelt. Als sie das erste Mal blühten, war klar: Das sind zwei unterschiedliche Birnen. Wieder ein Rätsel gelöst. „Ich bekomme nicht so viele Rätsel gelöst wie neue dazu kommen“, sagt der Pomologe. Aber jedes Jahr schließe sich ein Kreis.

Historisch sind mehr Birnensorten beschrieben worden als Apfelsorten. Aber sie sind Sensibelchen, und so fielen sie dem industriellen Obstanbau zum Opfer, denn sie überstehen den Transport schlechter. Über 1000 Sorten gab es einmal, von denen sich heute noch 250 bestimmen lassen. Bade kennt sie alle.

Zu seinen Seminaren kommen Menschen aus ganz Europa. Da vermittelt er sein Wissen, gibt es weiter. Wie bestimmt man eine Sorte? Geschmack ist nur ein Kriterium. Pomologen schauen sich Triebe, Blattform, Rinde, Blüte und den Blütezeitpunkt an. „Man bekommt Anerkennung. Das beflügelt mich“, sagt Bade. Denn sein Ziel sei, die Vielfalt zu erhalten. Eine Lieblingsbirne hat er übrigens nicht. „Für mich ist es Luxus, dass ich mich durch die vielen Aromavarianten durchfuttern kann.“

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