Umzug von Gemeinschaftsunterkunft

Odyssee endete in Kaufungen: Bekommt syrische Familie nun eine Wohnung?

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Haben sich in Kaufungen und der Region eingelebt: (v.l.) Mohamad Karman, Rossel Karman, Hassan Karman, Mutter Jihan Shirawi und Vater Ghikho Karman in der Gemeinschaftsunterkunft Kaufungen.

Familie Karman-Shirawi hat eine turbulente und ungewisse Zeit hinter sich. Flucht aus ihrer syrischen Heimat Aleppo in Richtung Afrin, dann in die Türkei, von dort nach Griechenland über Frankfurt und Gießen nach Kaufungen. Jetzt hat sie endlich eine eigene Wohnung in Aussicht.

„Meine Familie und ich wussten nie, wie lange wir an einem Ort bleiben und auch wie lange wir getrennt sind“, erzählt der 14-jährige Hassan, der älteste Sohn der Familie. Das sagt er so, weil er bereits 2015 mit seinem Onkel flüchtete und anderthalb Jahre vor seiner Familie in Kaufungen ankam. Aus ein paar Tagen, die es anfänglich dauern sollte, bis sie nachkommen, wurden Wochen, Monate und schließlich anderthalb Jahre. „Das fiel uns sehr schwer“, sind sich die fünf einig.

Seit etwa anderthalb Jahren hat ihre Odyssee ein Ende – und die Familie lebt in der Gemeinschaftsunterkunft Sophie-Henschel-Weg 14 und hat sich in Kaufungen und der Region eingelebt. Vor allem die Kinder: „Wir gehen alle auf die IGS“, sagt die 15 Jahre alte Rossel. Dort steht sie mit ihren Brüdern Mohamad und Hassan bei der Theater AG auf der Bühne. Sie singt im Chor, Hassan kickt für die TSG Sandershausen in Niestetal und Mohamad, mit 13 Jahren der Jüngste, lernt im Schul-Sanitätsdienst über Erste Hilfe.

Mutter Jihan Shirawi (40) und Vater Ghikho Karman (50) sind sich einig: „Wir sind hier glücklich.“ Endlich gemeinsam an einem Ort, endlich kehrt Ruhe ein. Und die fünfköpfige Familie freut sich umso mehr, dass sie seit Kurzem eine Wohnung in Kaufungen in Aussicht hat – mit Unterstützung durch die Nachbarschaftshilfe, die Gemeinde und den Landkreis. Ein kleiner Neuanfang, ohne den Wohnort zu wechseln. Das kommt ihnen sehr gelegen.

Denn der Landkreis Kassel schließt die Unterkunft zum 31. Dezember 2018 (wir berichteten). Erfahren haben das die Flüchtlinge Anfang November.

Doch nicht alle Flüchtlinge treffen es so gut, wie Familie Karman-Shirawi: Andere werden den Wohnort wechseln müssen. „Während eine dreiköpfige Familie hier wahrscheinlich eine Wohnung bekommt, muss eine vierköpfige Familie in eine andere Unterkunft im Landkreis umziehen“, sagt Hausleiter Joachim Drewes. Auch die Alleinreisenden müssten sich auf einen neuen Wohnort einstellen.

„Wir wissen natürlich, dass es nicht optimal ist, wenn die Flüchtlinge kurzfristig umziehen müssen, weil wir die Unterkunft schließen. Zumal einige von ihnen schlimme Fluchterfahrungen gemacht haben“, sagt Jörg Roßberg, Leiter des Sozialamts des Landkreises Kassel. Man sollte aber nicht vergessen, dass Flüchtlinge nicht auf der Straße landeten. Gleichzeitig müssten auch deutsche Staatsbürger für einen Job teils schnell umziehen oder sogar bis zu 200 Kilometer fahren. „Das mutet der Gesetzgeber den Arbeitnehmern zu“, so Roßberg. Da dürfe man die Perspektive für das große Ganze nicht verlieren. 

Wann Flüchtlinge umziehen müssen

Es gibt zwei Gründe dafür, dass Flüchtlinge nach der Schließung von Gemeinschaftsunterkünften ihren Wohnort wechseln und möglicherweise in andere Unterkünfte umziehen müssen, teilt der Landkreis Kassel mit. Zum einen hänge es damit zusammen, wer sie betreut, beziehungsweise wer für sie zuständig ist. 

Ist es der Landkreis Kassel, seien sie nach dem Landesaufnahmegesetz auch in einer Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises unterzubringen. Sind sie aber an das Jobcenter überstellt, dürften sie auch eigene Wohnungen beziehen. 

Laut Landkreissprecher Harald Kühlborn sei der Wohnungsmarkt zum anderen häufig so gestaltet, „dass es keinen oder zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dass die Flüchtlinge mit vielen anderen Interessengruppen (zum Beispiel Studenten, Alleinerziehende) um dieses rare Gut konkurrieren. Deshalb müssten Flüchtlinge trotz längerer Aufenthaltsdauer in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, obwohl sie schon längst in Wohnungen wohnen könnten.

Gebäude soll renoviert und vermietet werden

Was wird nun aus dem Gebäude Sophie-Henschel-Weg 14, wenn die Unterkunft dort zum Jahresende geschlossen wird? Nach mehreren Erwägungen habe man sich entschieden, das Gebäude zu renovieren, drei bis vier Wohnungen dort einzurichten und schließlich zu vermieten, sagt Edgar Paul, Vorsitzender des DRK-Trägervereins. 

So könne der Träger gemeinsam mit der Gemeinde Kaufungen eine Mietbindung für die Wohnungen festlegen, sodass die Mietpreise unter dem für Kaufungen üblichen Mietpreis liegen. Das bestätigte auch Gemeindesprecherin Julia Gerhold. Angedacht sei, die Belegungsrechte für die Wohnungen anzukaufen. 

So ließe sich für eine dreiköpfige Familie in der Unterkunft hier möglicherweise eine Wohnung finden.

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