Witwenrente und Pension reichen nicht aus

Rentnerin aus Kaufungen kann Pflegeheim kaum bezahlen

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An einem ihrer liebsten Plätze: Waltraut Sachse (88) genießt den Blick aus ihrem Zimmer im DRK-Altenpflegeheim Kaufungen. 

Kaufungen. Pudelwohl fühlt sich die 88-jährige Waltraut Sachse im DRK-Altenpflegeheim in Kaufungen. Vor allem der Ausblick ins Grüne und das Freizeitangebot machen ihr große Freude. Doch dieser Luxus hat seinen Preis. 

Und der ist jetzt gestiegen. Durch eine Erhöhung Anfang des Jahres und eine, die kürzlich durch höhere Personalkosten gekommen ist, kostet ihr Platz im Pflegegrad zwei nach eigenen Angaben statt rund 2700 jetzt rund 3050 Euro.

Beate Werner

Doch die Witwenrente und die eigene Pension der dreifachen Mutter von zusammen 1500 Euro reichen beileibe nicht aus, um diese Summe zu decken – zu lange ist sie Hausfrau gewesen. Und der Beitrag der Pflegekasse von rund 1000 Euro soll trotz der Verteuerung nicht angehoben werden. Da klafft eine Lücke, die ihre Tochter Beate Werner (61) übernehmen muss: „Das sind statt 250 Euro jetzt 609 Euro“, beziffert die Frau aus Grebenstein den Eigenanteil, den sie tragen muss, weil ihre Geschwister es nicht können. „Wer soll das zahlen?“, fragt sie.

Dem Altenpflegeheim machen Werner und ihre Mutter dafür keine Vorwürfe: „Hier wird nach Tarif bezahlt. Steigen die Tarife, steigen auch die Personalkosten, das ist doch klar“, sagt Werner. „Und die Pflegekräfte leisten hier wirklich gute Arbeit. Ich kann es mir nicht besser vorstellen“, ergänzt ihre Mutter, während sie in ihr geräumiges, helles Zimmer schaut. Auch die Betriebskosten blieben natürlich nicht gleich. „Weil die Pflegekassen aber nicht bereit sind, mehr zu zahlen, werden die Angehörigen stärker zur Kasse gebeten“, sagt Werner. 

Dass die Preise für ihre Pflege in die Höhe gehen, stört Waltraut Sachse an sich nicht. „Nichts ist umsonst. Aber dass meine Tochter jetzt mehr zahlen muss, macht mich traurig“, sagt die 88-Jährige, mit Tränen in den Augen. Klar, Werner ist Ingenieurin, ihr Mann arbeitet als Lehrer: „Wir haben ein überdurchschnittlich hohes Einkommen“, räumt Werner ein. Aber dadurch sei ihr Eigenanteil zu den Pflegekosten für ihre Mutter auch höher.

Werner wünscht sich, dass die Pflegekassen Angehörige von zu pflegenden Menschen finanziell stärker unterstützen. Die Entscheidungsträger in der Politik bringen das Thema zwar regelmäßig mit großem Tamtam auf den Tisch, sprechen sich dafür aus, die Angehörigen zu entlasten – „doch es passiert nichts. Es bleibt bei Lippenbekenntnissen“, sagt Werner. Sie hofft jetzt auf Hilfe vom Sozialamt. „Sonst muss ich meine eigene Altersvorsorge angehen und dann müssen meine Kinder für mich zahlen“, fürchtet die zweifache Mutter. 

Das sagt der Pflegeverein 

„Die Pflegeeinrichtungen stehen gerade unter großem Druck“, sagt Peter Grunwald. Er ist Geschäftsführer des Seniorenzentrums Wolfhagen und Vorsitzender des Vereins „Starke Vielfalt“ mit Sitz Kassel, dem 16 Altenpflegeeinrichtungen überwiegend aus dem Landkreis Kassel angehören. 

Der Druck entstehe durch die Überleitung von Pflegestufen zu Pflegegraden (seit Januar 2017): Diejenigen zu Pflegenden, die bereits in den Einrichtungen untergebracht waren, wurden oft in höhere Pflegegrade eingestuft, sodass die Einrichtungen auch höhere Einnahmen hatten. „Das war erst einmal eine gute Entwicklung“, so Grunwald. 

Wie es allerdings leider in Pflegeeinrichtungen so sei, könnten schlagartig Menschen versterben und diejenigen, die nachkommen, würden in nicht so hohe Pflegegrade eingeteilt. „Dadurch haben die Einrichtungen plötzlich deutlich weniger Einnahmen und das führt zu finanziellen Problemen“, sagt Grunwald. Denn bis die frisch eingezogenen Menschen in höhere Pflegestufen kämen, vergehe viel Zeit. 

Um dies zu kompensieren und auch den höheren Personalkosten entgegenzusteuern, erhöhten etwa ein Drittel der Einrichtungen ihre Pflegesätze um zwei bis fünf Prozent, ein weiteres Drittel sogar um zehn Prozent und mehr. Das letzte Drittel ändere nichts an den Pflegesätzen. 

Das sagt der Heimleiter

Stephan Kratzenberg, Leiter des DRK-Altenpflegezentrums, weiß: „Den Eigenanteil für die Angehörigen unserer zu pflegenden Menschen mussten wir ab Mai erhöhen.“ Die Kosten mussten aufgrund höherer Betriebskosten angehoben werden – in Absprache mit den Pflegekassen, der Sozialversicherung und dem DRK-Landesträger. 

Weitere Mehrkosten kommen laut Kratzenberg dadurch zustande, dass die Gewerkschaft Verdi aktuell in Tarifverhandlungen steckt. Sie fordert 7,5 Prozent Lohnerhöhung. Da die Verhandlungen aber noch nicht abgeschlossen sind, habe das DRK-Altenpflegezentrum mit einer Erhöhung von 3,5 Prozent kalkuliert. 

„Das ist unternehmerisches Risiko: Bekommen sie doch vier Prozent mehr Lohn, müssen wir die Differenz selbst ausgleichen.“ Insgesamt gelte trotz der höheren Kosten für das Personal und den laufenden Betrieb: „Für uns zahlen Politik und Pflegekassen nicht mehr, sodass wir die höheren Summen an die Angehörigen weitergeben müssen“, sagt der Heimleiter.

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