2018 stand das Wasser höher, am Dienstag war es länger da.

Aufräumen nach dem Unwetter: Schon wieder hat es Kaufungen getroffen

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Am Tag danach: Dreckige Stiefel, matschige Hütten und viel Arbeit in Lohfelden und ein überfluteter Tennisplatz in Kaufungen.

Das Unwetter hat die Menschen in Lohfelden und Kaufungen hart getroffen - einige sogar zum zweiten Mal innerhalb von eineinhalb Jahren. Trotzdem lassen sie sich nicht unterkriegen.

Lohfelden

Drei Arbeiter machen Frühstückspause auf dem geschotterten Weg neben dem Netto-Markt an der Kasseler Straße in Lohfelden. Tags zuvor stand hier, wo die Baufirma ihr Material für die gerade abgeschlossenen Straßenarbeiten in Vollmarshausen lagert, noch alles unter Wasser. Der Wahlebach war durch den Starkregen bis weit über die Ufer getreten und hatte die nahegelegene Wiese, den geschotterten Weg und sogar den Parkplatz des Supermarkts überschwemmt.

Im Netto sieht es am Tag danach beinahe aus wie immer – alles ist hell erleuchtet, die Böden sind sauber und die Regale gefüllt. Doch auch vor den Räumen des Marktes hat das Wasser nicht halt gemacht. Der Eingangsbereich sei bereits um halb sechs mit Wasser vollgelaufen gewesen, sagt die stellvertretende Filialleiterin Jacqueline Freudenstein. „Zehn Minuten später stand die braune Brühe schon bei den Kassen.“ Ab da ging es rasend schnell. Binnen 60 Minuten hatte sich das Wasser seinen Weg an den Chips und Getränken vorbei bis zum hintersten Regal mit den Fleischwaren gebahnt.

Auf der Wiese hinterm Netto in Lohfelden stehen noch Sandsäcke vom Vortag. Am Tag zuvor stand hier alles unter Wasser.

Trotzdem kamen über den ganzen Morgen verteilt immer wieder Kunden über den überschwemmten Parkplatz. „Das Dorf säuft ab, aber die Leute wollen Brötchen kaufen“, sagt Freudenstein. Brötchen gab es allerdings keine. Und auch sonst wurde im Netto am Dienstag nichts verkauft. Der Markt musste den kompletten Tag schließen. Mit Wasserschiebern und Pumpen beförderte die Baunataler Feuerwehr das stellenweise knöchelhohe Wasser des Wahlebachs aus dem Markt, als das Schlimmste überstanden war. Bis in den Abend hinein trocknete eine Kasseler Reinigungsfirma mit Gebläsen das Interieur und saugte den Schlamm aus den unteren Regalen ab.

Abgesehen von ein paar Zucker- und Mehlpackungen, die auf Holzpaletten gelagert waren und Feuchtigkeit gezogen haben, gab es nach ersten Erkenntnissen keinen größeren Materialschaden. Aber: „Uns ist ein kompletter Tagesumsatz verloren gegangen“, sagt Freudenstein.

Mehr Schaden hat das Wasser in unmittelbarer Nachbarschaft zum Netto angerichtet. In einem Hof mit mehreren Häusern an der Kasseler Straße sind die Gärten, Hütten, teilweise auch die Wohnzimmer der Anwohner vollgelaufen. Uwe Stegmann steht mit nassen Socken in Sandalen hinter seinem Haus und betrachtet den Rasen, der nur noch ein schlammiger Acker ist. Der Boden der kürzlich von ihm gebauten Hütte ist mit Schlamm bedeckt. Hier sollte am Sonntag eigentlich die Konfirmation seines Enkels gefeiert werden. „Das kann ich jetzt alles wegwerfen.“ Auch im Haus selbst stand das Wasser. Möbel, Wände, der Laminatboden – Stegmann schätzt den Schaden auf über 10 000 Euro.

Auch Stegmanns Nachbar Wilfried Kanngiesser hat alle Hände voll zu tun. Mit einem Gartenschlauch spritzt er den Schlamm von seinen Gartengeräten, die er in einem Verschlag neben dem Carport gelagert hat. Sein Haus, obwohl es am nächsten zum Wahlebach steht, blieb verschont. Kanngiesser hat es etwas erhöht gebaut. „Vor 40 Jahren gab es hier schon mal so eine Scheiße, da wollte ich beim Hausbau vorsorgen.“

Kaufungen

Keine anderthalb Jahre ist es her, da stand nach einer Flutwelle das Wasser im Haus der Familie Knöfel fast zwei Meter hoch in den Kellerräumen. Der Schaden damals: etwa 100.000 Euro. Jetzt hat es die Familie und ihre Nachbarn in der Dautenbachstraße in Oberkaufungen wieder erwischt. „Aber letztes Jahr war es für uns schlimmer“, bilanziert Harald Knöfel. Der Unterschied zu den schweren Überschwemmungen Anfang 2018: „Damals stand das Wasser höher, am Dienstag war es länger da.“

So hoch stand das Wasser: Harald Knöfel begutachtet die Schäden an seinem Haus in der Datenbachstraße.

Er und seine Nachbarn begutachten am Tag eins nach den Wassermassen den Schaden an ihren Häusern und in der Straße. Von einer Baustelle, die sich etwa hundert Meter oberhalb seines Hauses befindet, wurde Schotter und Schlamm die Straße runtergespült, die jetzt von einem Bagger entfernt werden.

Morgens um vier Uhr weckte ihn am Dienstagmorgen seine Frau, da lief das Wasser schon die Straße hinunter. 22 Stunden war Knöfel auf den Beinen, versuchte sein Grundstück mit Bodenplanken und Steinen gegen die Wassermassen abzusichern. Sandsäcke gab es zu dieser Zeit noch keine, „die Feuerwehr war ja überall im Einsatz“. Im 300 Jahre alten Gewölbekeller des Hauses stand das Wasser etwa 40 Zentimeter hoch. Die Terrasse vor seinem Haus ist verschlammt, die Dielen hat Knöfel eigenhändig verlegt. Nun wird er sie wieder entfernen und von der acht Zentimeter dicken Schlammschicht darunter befreien müssen. Trotz allem halte sich der Schaden dieses Mal in Grenzen, sagt Knöfel. „Die Menschen in Niederkaufungen hat es schlimmer getroffen.“

Dort trat das Wasser im Steinweg über die Ufer und stand fast einen halben Meter hoch auf den Grundstücken, die dort die Losse säumen. Brücken standen fast komplett unter Wasser und ganze Bäume wurden die Losse runtergetrieben. „Das war ein Krimi“, sagt ein Anwohner, der am Tag danach mit den Aufräumarbeiten auf seinem Hof beschäftigt ist.

Auch den Tennisclub Kaufungen hat es hart getroffen. Deren fünf Außenplätze am Rohrweg wurden komplett „ober- und unterspült“, wie Jugendwart Stefan Meyer es ausdrückt. „Das bedeutet den Totalschaden für den Platz.“ Dreck, Schlamm und Steine hätten die Schichten des Kunstrasenplatzes angehoben, sodass der Platz ausgehöhlt worden sei. „Das Wasser stand 1,50 Meter hoch.“

Am Tag danach wölbt sich der Rasen wellenförmig über die Plätze. Die Tennissaison hat gerade begonnen, aber an Spielbetrieb ist nicht zu denken. Meyer rechnet mit einem Schaden von etwa 150.000 Euro. „Die Plätze müssen komplett neu aufgebaut werden.“ Für den Verein sei das eine Katastrophe und „auf jeden Fall existenziell“.

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