Kläranlagen als Alarmsystem: Fragen und Antworten

Corona im Kreis Kassel: Im Abwasser lassen sich Viren früher nachweisen

Luftbild der Kläranlage in Kassel. Im Vordergrund sind sechs runde Klärbecken.
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Könnten beim Thema Coronatests eine Rolle spielen: Kläranlagen. Unser Archivbild zeigt die Kasseler Anlage.

Kläranlagen haben zuletzt in der Diskussion um Coronatests an Bedeutung gewonnen. Das Abwasser kann nämlich Indizien geben, wo unbemerkt Übertragungen stattfinden.

Das Virus lässt sich im Stuhl und somit im Abwasser nachweisen, ohne jeden Einzelnen testen zu müssen. Fragen und Antworten zum Thema.

Corona im Abwasser: Was kommt vom Coronavirus an der Kläranlage noch an?

„Wir gehen davon aus, dass die äußere Schutzhülle des Virus auf dem Weg zur Kläranlage verloren geht“, sagt Otto Wilhelm Vicum, der beim Regierungspräsidium Kassel das Dezernat mit dem Thema Abwasser leitet.

Nach derzeitigem Stand sind sie also nicht mehr infektiös. Man kann Erreger im Abwasser aber nachweisen und anhand des Erbguts sogar sagen, woher sie kommen.

Corona im Abwasser: Was passiert in der Kläranlage?

Vereinfacht gesagt wird es erst mechanisch, dann biologisch gereinigt. Zunächst wird grober Schmutz wie Laub, Steine und Hygieneartikel herausgefischt und Klärschlamm abgesetzt. Im biologischen Reinigungsprozess wird dem Abwasser Sauerstoff zugefügt.

Otto Wilhelm Vicum: Leiter des Dezernats Abwasser im Regierungspräsidium Kassel.

Dieser begünstigt das Wachstum der guten Bakterien, die das Wasser wie in der Natur von belastenden Nährstoffen reinigen. Zum Schluss wird das Wasser in nahestehende Fließgewässer geleitet – hier in die Fulda. Auch dort wirken natürliche Reinigungsprozesse – sogar noch stärker, als in der Kläranlage, erklärt Vicum.

Corona im Abwasser: Filtert die Anlage Viren?

„Kläranlagen machen keine Virenbehandlung“, stellt Vicum klar. Das Abwasser werde auch nie komplett keimfrei sein. Allerdings würden Viren mit der Zeit in den Reinigungsprozessen abgebaut.

Corona im Abwasser: Wie sauber ist das Wasser, das in die Fulda eingeleitet wird?

Steril ist es nicht, erklärt Vicum. Das sei zwar möglich, aber gemessen am Energie- und Chemikalienaufwand nicht verhältnismäßig, auch aus ökologischer Sicht nicht. Gesetzlich vorgegeben ist, dass die Grenzwerte von belastenden Nährstoffen, wie Phosphat und Stickstoff eingehalten werden. Es gelten die Kriterien des Gewässerschutzes.

Corona im Abwasser: Könnte man in der Fulda baden?

Die Sauberkeitskriterien für Fließ- und Badegewässer, meist stehende Seen, sind nicht dieselben. Schwimmen könne man in Flüssen nicht bedenkenlos, heißt es vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG). Denn sie werden nicht auf Keime geprüft, sondern auf Nährstoffe.

Badeseen dagegen prüft das Gesundheitsamt auf Fäkalkeime wie Enterokokken und E.-coli-Bakterien. „Es ist nicht auszuschließen, dass diese pathogenen Keime noch im Abwasser sind“, sagt Ann-Katrin Thomas vom HLNUG.

Corona im Abwasser: Müssen sich Mitarbeiter der Kläranlage schützen?

Ja, denn viel gefährlicher als das nicht mehr infektiöse Coronavirus im Abwasser seien multiresistente Keime, erklärt Dezernatsleiter Vicum. Deshalb gelten Schutzvorkehrungen.

Wenn Mitarbeiter den Rechen, der Dreck aus dem Abwasser fischt, sauber machen, kommen sie auch mit sogenannten Aerosolen in Kontakt, die Krankheitserreger verteilen könnten. Deshalb müssen Mitarbeiter je nach Tätigkeit FFP2- bis -3-Masken, Schutzhandschuhe und manchmal sogar ganze Schutzoveralls tragen.

Corona im Abwasser: Wie aufwendig und realistisch ist es, mit Proben die Corona-Situation zu bewerten?

Aufwendig sei das nicht, so Vicum. Dort, wo das Abwasser ankommt, könne man Durchschnittswerte beproben. Das sei einfacher als von 500 Leuten einen Abstrich zu machen. Es gebe allerdings noch viel Forschungsbedarf. Entscheidend sei bei dieser Methode der Zeitgewinn. Während Infizierte noch keine Symptome zeigen, könne das Virus aber schon im Abwasser nachgewiesen und entsprechend gehandelt werden.

„Ob das gelingt, wird sich zeigen. Ich bin ganz zuversichtlich“, sagt Vicum. Viele Länder forschten dazu. Auch die EU stelle Mittel zur Verfügung. Im Herbst sei mit einem Ergebnis zu rechnen.

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