Schon wenig Fleisch erhöht Krebsrisiko erheblich

Wieso wir mit jedem Stück Fleisch uns und dem Klima massiv schaden

Bratwurst? Lecker, aber ungesund. Und die Fleischproduktion schadet massiv dem Klima. 

Wer viel Fleisch isst, schadet nicht nur seiner Gesundheit, er trägt auch zum Klimawandel bei. Und zwar erheblich.

Das sagt der Umweltexperte Prof. Dr. Andreas Ernst. Wir haben mit dem Geschäftsführenden Direktor am Center for Environmental Systems Research der Uni Kassel gesprochen. Wie erbittert auch in Kassel über das Thema Fleischkonsum diskutiert wird, zeigte sich nicht zuletzt am sogenannten Bratwurststreit beim Tag der Erde 2017.

Ein Drittel des Klimagasausstoßes durch Ernährung 

Findet der Klimawandel auf unserem Teller statt?

Zu einem nicht unerheblichen Teil, ja. Ein Drittel des gesamten Klimagasausstoßes resultiert aus der Ernährung. Nahrungsmittel enthalten in verschiedener Form Energie. Die Energie, die investiert wurde, um ein Lebensmittel zu erzeugen, und die Energie, die der Körper beim Verzehr aufnimmt. Bei einer Kartoffel etwa nimmt der Körper mehr Energie auf, als für den gesamten Ackerbauprozess nötig ist. Bei Fleisch ist es das krasse Gegenteil. Da kann man bis zu 60 Mal mehr Energie hineinstecken, um eine Einheit Energie für den Körper zu gewinnen.

Können Sie das genauer beschreiben?

Um eine Ackerfrucht anzubauen, braucht man ein Stück Land, Wasser, Dünger sowie Maschinen, um den Acker zu bearbeiten und das fertige Erzeugnis zu transportieren. Tiere aber müssen fressen. Um Futtermittel für Tiere anzubauen, braucht man nicht nur eine große Fläche Land, sondern auch eine enorme Menge Wasser für dessen Bewirtschaftung. Pro Kilo Rindfleisch sind das 15.000 Liter. Zum Vergleich: Für ein Kilo Tomaten braucht man 180 Liter Wasser.

Wie ist das Verhältnis zwischen für Tierfutter und für Menschennahrung genutzter Ackerfläche?

Von rund 60 Prozent des weltweiten Ackerbaus werden Tiere am Leben gehalten. Auf nur 20 Prozent werden laut Umweltbundesamt Lebensmittel für Menschen produziert. In der Theorie könnten wir von Ackerfrüchten leben. Würden wir die Ackerfläche ausschließlich zur Ernährung von Menschen nutzen, gäbe es wohl kein Ernährungsproblem.

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Langzeitfolgen der Fleischproduktion für die Natur

Welche Langzeitfolgen hat die Fleischproduktion für die Natur?

Neben dem Flächenverbrauch – also der Rodung von Wäldern für den Ackerbau für Viehfutter – spielt die Verarbeitung von Tierprodukten eine Rolle. Beim Transport und der Herstellung von Futtermitteln wird CO2 ausgestoßen. Düngemittel belasten das Grundwasser – auch in Deutschland. Nitrat lässt eine Pflanze zwar schneller wachsen, wandelt sich im Körper aber zu krebserregenden Stoffen um. Besonders umweltbelastend sind zudem Stoffe, die Tiere ausstoßen, wie Lachgas und Methan. Bei Wiederkäuern wird Methan über den Darm ausgestoßen. Methan ist als Klimagas 25 Mal aggressiver als CO2. Und Lachgas mehrere hundert Mal.

Wie viel Fleisch essen die Deutschen?

Wie viel Fleisch essen die Deutschen?

Pro Kopf durchschnittlich 60 Kilo im Jahr. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt als Richtwert, der nicht überschritten werden sollte, 30 Kilo an. Fleisch ist gesund, wenn es in angemessener Menge verzehrt wird, aber wir brauchen es nicht für unsere Ernährung.

Welche gesundheitlichen Folgen kann hoher Fleischkonsum haben?

Da müssen wir in weißes Fleisch – also Fisch und Geflügel – und rotes Fleisch – Rind, Schwein, Lamm – unterscheiden. Abgesehen von Hormonbelastung bei Massengeflügelhaltung gibt es keine Erkenntnisse, dass weißes Fleisch der Gesundheit schadet. Wohl aber bei rotem Fleisch, das mit der Entstehung von Magen- und Darmkrebs direkt in Verbindung gebracht werden kann. Dasselbe gilt übrigens für Wurst. Wer täglich 100 Gramm rotes Fleisch isst, erhöht damit das Risiko an Krebs zu erkranken um 50 Prozent, bei Wurst sogar um 70 Prozent.

Ist Bio-Fleisch gesünder?

Durch artgerechte Haltung und schonende Schlachtung erhält Bio-Fleisch zum Beispiel mehr Omega-3-Fettsäuren. Es werden keine Antibiotika und keine Gentechnik eingesetzt. Bio kauft man aber auch aus Gründen des Tierwohls.

Für die Produktion von einem Kilo Fleisch wird bis zu 60 mal mehr Energie aufgewendet als der Körper durch den Verzehr gewinnt. Fast die Hälfte der Feinstaubbelastung in Deutschland wird durch Landwirtschaft verursacht, wovon ein Großteil zum Anbau von Tierfutter genutzt wird. 

Aus ethischen Gründen.

Wenn man Tieren – und das muss man aus wissenschaftlicher Sicht – ein Empfinden, Emotionen wie Ihnen und mir zuspricht, dann ist Massentierhaltung ein Unding. Wer da Mitleid empfindet und trotzdem Fleisch essen will, der landet beim Bio-Metzger, weil diese Tiere ein Mindeststandard an Würde haben. Der Schritt vom unbedachten zum reflektierten Fleischkonsumenten ist ein wichtiger.

Welchen Ernährungstipp haben Sie für unsere Leser?

Der Fleischgenuss muss nicht von hundert auf null reduziert werden. Aber weniger wäre schon mal gut. Man kann etwa vegetarische Tage in der Woche einrichten. Es gibt genügend Ersatzprodukte wie Seitan oder Tofu.

Diese sind häufig verpönt.

Das ist ein Image-Problem. Wir haben in Experimenten herausgefunden, dass vegetarische oder vegane Gerichte seltener ausgewählt werden, wenn sie ein entsprechendes Label haben.

Viele lehnen aus Prinzip vegetarisches Essen ab

Warum?

Bewirbt man einen vegetarischen Auflauf nicht als solchen, sondern mit „Leckerer, überbackener Gemüseauflauf“ wird er genommen wie jeder andere auch. Es geht nicht darum, wie es wirklich schmeckt, wie es aussieht oder riecht, sondern dass viele aus Prinzip kein vegetarisches Essen wollen. Das entlarvt die unreflektierte und gewohnheitsgetriebene Haltung der Thematik gegenüber.

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Mangelt es an Bereitschaft oder an Wissen?

Für viele scheint Fleischkonsum eine Art Glaubensfrage zu sein. Da geht es nicht darum, ob man gesund, lecker und mit geringer Umweltwirkung essen kann.

Ein häufig genanntes Argument von Geringverdienern ist, dass konventionelles Fleisch günstiger ist als Gemüse.

Wir zahlen Fleisch nicht nur an der Supermarktkasse. In unseren Steuern sind unter anderem Agrarsubventionen enthalten – im Übrigen der größte Subventionstopf in der EU. Hinzu kommen versteckte Umweltkosten, etwa für die Trinkwasseraufbereitung. Das Nitrat aus Düngemitteln beispielsweise, dass nur aufgrund der Tierhaltung in solch großer Menge ins Grundwasser gelangt, muss gefiltert oder durch Beimischung unter den Grenzwert gebracht werden. Modellrechnungen zufolge könnte eine Familie, die pro Woche ein Kilo Fleisch auf den Tisch bringt, 500 Euro im Jahr sparen, wenn sie darauf verzichtet. Von den 700 Kilo CO2, die für die Herstellung ausgestoßen werden, ganz zu schweigen.

Aktuell wird in Verbindung mit dem Klimawandel vor allem über Feinstaubbelastung und Dieselverbote in deutschen Innenstädten gesprochen. Wie schwer wiegt demgegenüber die Umweltbelastung durch Fleischkonsum?

Die Landwirtschaft gilt mit als Hauptverursacher für die in Deutschland besonders hohe Feinstaubbelastung. Laut einer Analyse des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie werden bis zu 45 Prozent der Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft – vor allem durch die Massenhaltung von Schweinen – erzeugt. Ammoniak-Ausgasungen aus Gülle verbinden sich in der Atmosphäre mit anderen Gasen und werden so zu Feinstaub. Die Massentierhaltung führt also zu Ammoniak, Ammoniak führt zu Feinstaub und Feinstaub führt zu frühzeitigen Todesfällen. Das Max-Planck-Institut hat ebenfalls berechnet, wie viele vorzeitige Tode aus der Feinstaubbelastung durch Schweinemast in Deutschland resultieren. Das wurde von der Agrarlobby aber sofort als Spekulation abgetan.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass sich unser Konsumverhalten ändert?

Der Bürger zeigt auf die Politik und die Politik zeigt auf die Agrarleute. Aus Gründen der Krebsvorsorge könnte jeder den eigenen Fleischkonsum reduzieren, mehr pflanzliche Lebensmittel und vor allem regionale und saisonale Produkte zu sich nehmen. Im Winter gibt es manche Sachen einfach nicht, außer man lässt sie einfliegen und dann ist man mit dem ökologischen Fußabdruck schon wieder im roten Bereich. Wichtig ist, keine Lebensmittel zu verschwenden. Man sollte nicht unnötig viel kaufen, nur weil etwas im Sonderangebot ist.

Prof. Dr. Andreas Ernst: Geschäftsführender Direktor am Center for Environmental Systems Research der Universität Kassel

Zur Person: Prof. Dr. Andreas Ernst

Prof. Dr. Andreas Ernst (58) ist in Aachen geboren und aufgewachsen. Seit 2002 ist er Professor für Umweltsystemanalyse/Umweltpsychologie an der Universität Kassel und einer der Direktoren des Center for Environmental Systems Research (CESR) sowie Sprecher des Graduiertenzentrums für Umweltforschung und Lehre (gradZ). Die Arbeitsschwerpunkte innerhalb seiner Forschungsgruppe SESAM (Socio-environmental Systems Analysis and Modelling) sind Computermodellierung gesellschaftlichen Handelns und Lernens im Umgang mit Umwelt, Akzeptanzfragen, gesellschaftliche Innovationen, Schwerpunkte Wasser, Landnutzung, Energie. 

Ernst ist Mitglied des Projekts „Energiesysteme der Zukunft“ von acatec, der Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften sowie im Beirat der Zeitschrift „GAIA“. Er war von 2010 bis 2012 Präsident der European Social Simulation Association (ESSA) und Organisator und Vorsitzender der 3rd World Conference on Social Simulation 2010 in Kassel. 

Ernst machte eine kaufmännische Ausbildung und studierte Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er lebt in Kassel, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Freizeit verbringt Ernst mit Wandern, Segeln und Kultur.

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