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„Will keinen Gemischtwarenladen“: Katharina Engelhardt über Wert und Wandel des Buchhandels

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Von: Josefin Schröder

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Die Buchhändlerin Katharina Engelhardt aus Vellmar spricht im Interview über den Wandel im Buchhandel. Sie erklärt, warum Männer andere Bücher lesen als Frauen.

Vellmar – 5000 Buchhandlungen gibt es in ganz Deutschland, in Hessen sind es rund 400. Eine davon ist das Büchereck in Vellmar im Kreis Kassel. Seit 40 Jahren versorgt dort Katharina Engelhardt ihre Kunden mit dem neuesten Lesestoff.

Nach dem Umsatzhoch in der Pandemie sinken die Verkaufszahlen. Dass die Branche sich ändern muss, glaubt die Buchhändlerin trotzdem nicht und erzählt im Interview auch, warum.

Buchhändlerin Katharina Engelhardt aus Vellmar spricht im Interview über Entwicklungen im Buchhandel

Bücher sind ihre Welt: Buchhändlerin Katharina Engelhardt in ihrem Buchladen Büchereck. Manche Kunden kennt sie seit 40 Jahren.
Bücher sind ihre Welt: Buchhändlerin Katharina Engelhardt in ihrem Buchladen Büchereck. Manche Kunden kennt sie seit 40 Jahren. © josefin schröder

Erinnern Sie sich noch an den Start Ihrer Buchhandlung?

In Vellmar gab es damals keine Buchhandlung. Kasseler Buchhandlungen waren fast alle klein und eng. Buchhandlung hieß früher: Viele Regale und Bücher dicht an dicht. Der Laden hier erschien mir erst mal zu groß. Ich habe dann die Bücher en face gestellt, also auf Sicht, was früher noch ungewöhnlich war. Meine Kunden waren entzückt, dass sie die Bücher sehen konnten, die sie kauften. So hatten wir hier einen besonderen Auftritt. Wir begannen auch früh mit Autorenlesungen. Damit und auch mit dem Literaturverein, den wir gegründet haben, hat Vellmar eine literarische Bekanntheit erhalten.

Erst Corona, jetzt Inflation: Wie sieht die Situation im lokalen Buchhandel aus?

Die Pandemiejahre waren für uns geschäftlich zwei gute Jahre, wir haben uns wahnsinnig angestrengt und einen hervorragenden Umsatz gemacht. In dieser Zeit entdeckte man das Lesen wieder als eine Tätigkeit, die man nicht im großen Kreis, sondern allein machen kann. Das merkten auch Kinder und Jugendliche. Aber als die Maßnahmen für die anderen Läden wegfielen, als die Leute wieder verreisen und abends essen gehen konnten, waren sie nicht mehr so konzentriert auf das Lesen. Insofern ist es uns im letzten Jahr echt schwergefallen, weiterhin das Interesse dafür zu wecken. Sinkende Umsatzentwicklung und Verkaufszahlen, die runter gehen, belegt auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Denken Sie, der lokale Buchhandel braucht einen Image-Wandel?

Das fällt mir schwer zu beantworten. Seit meiner Ausbildung vor rund 50 Jahren hat sich unglaublich viel getan. Der Buchhandel ist kein kleiner, verpennter Laden mehr, wo eine andere Welt stattfindet. Der örtliche Buchhandel hat, so wie er jetzt aufgestellt ist, durchaus ein positives Bild bei der Bevölkerung. Buchhandel ist immer etwas Positives. Also Image-Veränderung? Nö, ich glaube nicht. Es hat sich ja unheimlich verändert.

Wie meinen Sie das, was genau hat sich denn verändert?

Sie sehen bei uns eine ganze Menge Non-Books (Anm. der Redaktion: Medien, die keine Bücher darstellen). Trotzdem versuchen wir hier dem Buch den wichtigsten Stellenwert zu geben. Bei Thalia sind zum Beispiel nur 50 Prozent des Angebots Bücher. Ich will keinen Gemischtwarenladen. Aber ein Buchladen ist immer auch etwas, wo man sich umschaut und auch mal was anderes mitnimmt.

Denken Sie, dass man heute als Buchhandlung Instagram braucht?

Wir haben es nicht. Unser Publikum ist zumeist nicht sehr onlineaffin, was natürlich am Alter liegt. Wir haben einen guten Onlineshop, der sehr gerne und viel genutzt wird. Wir haben uns auch bei Facebook angemeldet, aber ohne Begeisterung. Das funktioniert nicht. Ob der Buchhandel es braucht? Ich denke, das ist individuell. Die Buchhandlung am Bebelplatz, die ein junges Publikum hat wie junge Eltern und Studenten, werden darauf nicht verzichten können.

Würden Sie heute jungen Menschen empfehlen, Buchhändler zu werden?

Ja! Immer, auf alle Fälle. Ich habe früher immer zu den jungen Leuten gesagt, die sich bei mir beworben haben: Ich rate Ihnen immer ab, denn es ist schlecht bezahlt, man hat nicht die besten Arbeitszeiten, es gibt nichts, was ich da empfehlen kann. Außer: Es ist der schönste Beruf der Welt.

Was macht eine gute Buchhändlerin aus?

Logisch: Lesen. Buchhändler müssen lesen. Sie dürfen es nicht als Pflicht sehen, sondern als etwas, was das Leben bestimmt. Und was fast ebenso wichtig ist: Wir müssen sehr kommunikativ sein, zuhören können. Die Menschen kommen, um zu erzählen und sich etwas von uns erzählen zu lassen. Ich kann jedes Buch verkaufen, wenn ich eine gute Geschichte dazu habe. Das ist, was wir können müssen. Die Bereitschaft, sich den Menschen so zuzuwenden, dass sie sich gut aufgehoben fühlen.

Wie schafft man es, die Bücher so zu bestellen, dass die Vorlieben der Kunden getroffen werden? Ahnen Sie, welche Romane sich für jemanden eignen?

Das ist das Schwerste, was es gibt. Beim Bestellen tue ich mich immer schwer damit zu entscheiden, was ich wirklich brauche. Es gibt Bücher, da weiß ich, es werden alle meine Kunden gerne lesen, und ich weiß sofort, wem von meinen Kunden ich diesen Roman empfehlen werde. Ob ich das den Kunden an der Nase ansehe? Nein. Die meisten kommen und wollen etwas verschenken. Ich frage dann, in welche Richtung sie lesen. Ist das Buch für eine Dame, Herren, eher älter, lieber gute Unterhaltung oder anspruchsvolle Literatur?

Den Zugang zum Lesen findet nicht jeder...

Es gibt viele, die sich nicht so reinziehen lassen. Ich stelle fest, dass Männer belletristische Bücher oft nüchtern lesen. Wie sie Zeitung lesen, so lesen sie auch Romane. Mit den Protagonisten mitleiden und mitfreuen – das machen sie nicht. Natürlich gilt das nicht für alle Männer. Für Kinder ist es besonders wichtig, dass sie den Zugang finden. Das beginnt mit dem Vorlesen. Wenn Eltern das nicht tun, sind die Kinder ein bisschen verloren für die Bücherwelt. Die Schule kann das noch ändern. Aber Schule kann für Literatur auch Horror sein. Es kann sein, dass man dann nie wieder lesen will, wenn man ein bestimmtes Buch lesen musste.

Gibt es ein Buch, das Sie besonders häufig empfehlen?

Das wichtigste Buch für mich ist aktuell „Feldpost“ von Mechtild Borrmann. Es spielt in Kassel, obwohl es nicht von einer Kasselerin geschrieben ist. Es geht um die Geschichte einer homosexuellen Liebe im Dritten Reich. Die Autorin erzählt aus Tagebüchern und Briefen heraus. Das Ganze ist von heute aus erzählt. Toll!

Was wünschen Sie sich für den Buchhandel?

Natürlich wünsche ich uns, dass wir nach wie vor als ganz wichtigen Fundus betrachtet werden. Wo Menschen Beratung finden und wissen, dass sie geschätzt werden. Ich wünsche mir, dass Bücher eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen. Dass der Wert des Lesens und die Kostbarkeit eines Buches erhalten bleiben. Für den Buchhandel ist das die Voraussetzung. Und dass auch junge Menschen kommen, die den Buchhandel weiterführen. (jos)

Verwandtes Thema: Ende 2021 erschwerte die 2G-Regelung zahlreichen Geschäftsleuten im Kreis Kassel das Leben – als Buchhändlerin war Katharina Engelhardt davon ausgenommen.

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