Sie fangen wieder bei Null an

20 Geflüchtete nehmen an Modellprojekt für duale Ausbildung im Kreis Kassel teil

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Gehen gerne in die Schule und lernen Deutsch: Von links Zeki D. aus der Türkei, Naywa Meamar aus Syrien und Farahnaz Hashimi aus Afghanistan.

Um junge Geflüchtete zu fördern und zu begleiten, betreibt der Kreis Kassel seit Oktober 2018 das Modellprojekt „Duale Ausbildung für Geflüchtete fördern“ für junge Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. 

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. „Deutsch zu lernen ist genauso wichtig wie Brot und Wasser zum Überleben“, sagt Zeki D. Der 38-jährige Türke lebt seit zehn Monaten in Kassel. Da er vor dem repressiven Regime Erdogans geflüchtet ist, möchte er aus Sicherheitsgründen seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen.

Vier Mal die Woche, jeweils fünf Stunden lang, büffelt Zeki D. seit Oktober in der Außenstelle der Willy-Brandt-Schule im Ausbildungs- und Qualifizierungszentrum deutsche Vokabeln. Er weiß, dass er nur so eine Chance auf einen Arbeitsplatz in Deutschland hat. Er hat Englisch studiert und an einer türkischen Schule in der Mongolei die Englischabteilung geleitet. Jetzt ist er selbst wieder Schüler.

Er ist einer von 20 Geflüchteten, die seit Oktober an einem Modellprojekt des Landkreises Kassel für junge Menschen teilnehmen. Das Projekt möchte junge Geflüchtete wie Zeki D. fördern und auf ihrem Weg in die Arbeitswelt begleiten. „Ziel ist, den Spracherwerb zu fördern und eine Berufsorientierung zu geben“, sagt Projektkoordinatorin Selin Gündönüm.

Bisher lernen die 20 Kursteilnehmer hauptsächlich Deutsch sowie Grundlagen der Mathematik und Politik. In der Klasse sprechen die Schüler, die aus Afghanistan, der Türkei, Eritrea und Syrien kommen, nur Deutsch. In der kommenden Woche, ab 15. Februar, startet dann zusätzlich die Fachpraxis. An drei Tagen in der Woche werden sie jeweils drei Stunden lang Praxisunterricht in den Bereichen Pflege, Elektro und Metall bekommen. „Ich habe ihnen nahegelegt, in alle Bereiche reinzuschnuppern“, sagt Gündönüm. Die Module sind frei wählbar.

Es sei wichtig, offenzubleiben bei der Berufswahl, sagt Gündönüm. Denn oft hätten Geflüchtete keine Vorstellung davon, was ein Beruf hier in Deutschland überhaupt bedeute. Zudem hätten die Teilnehmer ganz unterschiedliche Hintergründe. Manche – so wie Zeki D. – hätten einen Uniabschluss und langjährige Berufserfahrung, müssten aber trotzdem bei Null anfangen, andere seien nur sechs Jahre zur Schule gegangen.

Naywa Meamar, eine von zwei Frauen im Kurs und die einzige Syrerin, hat zu Hause in Latakia die Realschule beendet, aber nie gearbeitet. Die dreifache Mutter möchte gerne eine Ausbildung in der Pflege machen. „Ich helfe gerne alten Menschen.“

Die Afghanin Farahnaz Hashimi hofft darauf, nach dem Kurs eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. „Ob das klappt, weiß ich natürlich nicht“, sagt die 28-Jährige, die in Herat zur Krankenschwester ausgebildet wurde. Ihre Ausbildung wird hier nicht anerkannt. Sie will deshalb beim Praxisunterricht neben der Pflege auch den Elektrobereich austesten.

Für den Erfolg des Kurses sei die Motivation der Teilnehmer ausschlaggebend, sagt Gündönüm, und die sei bei allen sehr hoch. Das Projekt läuft bis Ende Juli. Wer dann in eine Ausbildung gehen will, den unterstützt Gündönüm. Sie arbeitet dazu eng mit der IHK, der Handelskammer und den Integrationsmanagern des Landkreises zusammen.

„Das findet Hand in Hand mit den Geflüchteten statt“, erklärt die Projektkoordinatorin. Sie suchen zusammen einen Platz und schreiben auch Bewerbungen. Bis Ende des Jahres ist sie Ansprechpartnerin. „Dieses Programm ist sehr hilfreich“, sagt Zeki D. Er fühle sich wie ein Neugeborenes, das alles neu lernen müsse.

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