Wenn die Rente nicht reicht

Immer mehr ältere Menschen im Landkreis Kassel brauchen Hilfe vom Sozialamt 

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Immer mehr ältere Menschen im Landkreis Kassel brauchen Hilfe vom Sozialamt 

In Stadt und Landkreis Kassel gibt es immer mehr Senioren, die auf Grundsicherung durch das Sozialamt angewiesen sind.

Der Geldbeutel ist leer, der Gürtel muss immer enger geschnallt werden: Viele Senioren kommen mit ihrer Rente nicht über die Runden. Laut Kreissprecher Harald Kühlborn haben im September diesen Jahres 1062 Menschen staatliche Unterstützung bezogen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es nur 836. Auch in der Stadt Kassel erhalten immer mehr Menschen Grundsicherung: Aktuell sind es 3292, wie Pressesprecherin Petra Bohnenkamp mitteilt. Zehn Jahre zuvor waren es dagegen 2022.

Frauen sind besonders häufig von Altersarmut betroffen – im vergangenen Jahr machten sie mehr als 60 Prozent der Bedürftigen aus. Grund ist nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) der Region Nord-Mittelhessen einerseits die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen. Andererseits zahlen manche Frauen aufgrund von Schwangerschaft, Kindeserziehung und Halbtagsjobs häufig weniger in die Rentenkasse ein, sagt NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann.

Altersarmut  könne auch Gerinverdienern drohen

Deutschland könne es sich als reiches Land allerdings nicht leisten, Menschen mit einer Grundsicherung „abzuspeisen“, findet Kreissprecher Kühlborn. Um Altersarmut entgegenzuwirken, sieht der Landkreis eine Grundrente als „Schritt in die richtige Richtung“. Altersarmut könne aber auch vielen Geringverdienern drohen – selbst in „normalen Berufen“ wie in der Pflege und der Logistik: Solange viele Arbeitnehmer mit geringen Löhnen leben müssen, meint Kühlborn, wird Altersarmut die Konsequenz sein.

Auch die Gewerkschaft NGG fordert die Grundrente. Die Entwicklung der vergangenen Jahre betrachtet die Gewerkschaft mit Sorge, berichtet Kampmann. Daher sollte die von der Bundesregierung angekündigte Grundrente „rasch“ umgesetzt werden – allerdings ohne Bedürftigkeitsprüfung. Diese treffe die Falschen. In den meisten Fällen handele es sich um Haushalte mit geringem Einkommen, so Kampmann. 

Hoher bürokratischer Aufwand

Ein Beispiel dafür sei eine alleinstehende Frau mit eignem Haus, die ihr Leben lang nur in Teilzeit gearbeitet hat. Sie erhält nur eine geringe Rente und müsste erst ihr Haus verkaufen, um als bedürftig zu gelten, erklärt Kampmann. Außerdem sei die Bedürftigkeitsprüfung eine Bürokratisierung und stehe zudem dem Rentenprinzip entgegen, nach dem Beitragszahler einen individuellen Leistungsanspruch erwerben.

Auch für die Grundsicherung im Landkreis wird die Bedürftigkeit geprüft – unter hohem bürokratischen Aufwand. Ansprüche auf Grundsicherung hat jeder, dessen Rente den Regelsatz, etwaige Mehrbedarfszuschläge und die Kosten für Unterkunft und Heizung nicht übersteigen. Für eine volljährige alleinstehende Person beträgt der Regelsatz derzeit 424 Euro. Ein Ein-Personen-Haushalt in Vellmar kommt so beispielsweise auf etwa 820 Euro. Ist die Rente nicht wesentlich höher, besteht ein Anspruch auf Grundsicherung, so Kreissprecher Kühlborn.

Allerdings würden nicht alle Menschen Grundsicherung beantragen, obwohl sie die Unterstützung benötigten. Oft sei Scham der Grund, aber auch die Grundeinstellung der Generation, sagt Kampmann. „Die Haltung „Ich bettel nicht beim Staat“ ist bei vielen Rentnern sehr groß.“

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