Arbeitgeberverbände weisen Vorwürfe zurück

Arm sein im Alter: Gewerkschaft warnt vor Mini-Renten im Kreis Kassel 

Kreis Kassel. Dem Landkreis Kassel droht Altersarmut, befürchtet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Bereits jetzt habe rund jeder Vierte im Landkreis Kassel einen Rentenanspruch von weniger als 1000 Euro monatlich – nach 40 Arbeitsjahren in Vollzeit.

Laut der Rentenprognose der NGG müssen 28 000 Beschäftigte (32 Prozent der Arbeitnehmer) im Landkreis Kassel künftig mit Mini-Renten unterhalb der staatlichen Grundsicherung von 731 Euro im Monat auskommen. Nach 45 Beitragsjahren, branchenunabhängig.

„Mit starker Altersarmut ist nach dem Jahr 2025 zu rechnen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Das gilt bei dem derzeitigen – bis 2025 beschlossenen – Rentenniveau“, teilt NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann auf Anfrage mit. Das zeige eine Analyse des Pestel-Instituts in Hannover.

Das Rentenniveau liegt derzeit bei 48 Prozent des Nettogehalts vor Versteuerung. Falle es bis zum Jahr 2030 auf 43 Prozent, könnten laut NGG insgesamt sogar 40 000 Menschen im Landkreis von Altersarmut betroffen sein (rund 46 Prozent). Kampmann plädiert: „Die Große Koalition muss das Rentenniveau stabilisieren und möglichst anheben.“ Nicht nur die Regierung, sondern auch die Arbeitgeber stünden in der Pflicht, etwas zu ändern: „Klar ist, dass aus Mini-Löhnen keine Spitzen-Renten werden“, sagt NGG-Geschäftsführer Kampmann. Zum Beispiel in Branchen wie dem Gastgewerbe müssten im Kreis Kassel viele Beschäftigte im Alter aufstocken. Dabei hätten die Arbeitgeber bei der Bezahlung Spielraum. „Anstatt auf Aushilfen mit wenigen Wochenstunden zu setzen, sollten sie reguläre Vollzeitstellen schaffen – und zwar bezahlt nach Tarif“, fordert der Gewerkschafter. Die Arbeitgeberverbände Nordhessen hingegen sehen die Arbeitnehmer in der Pflicht: „Wer in seinem Arbeitsleben überwiegend in Vollzeit tätig ist, landet nicht in der staatlichen Grundsicherung“, sagt Jürgen Kümpel, Geschäftsführer Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände in Nordhessen. Aktuell seien lediglich drei Prozent der über 65-Jährigen auf die staatliche Grundsicherung angewiesen.

In den nächsten Jahren sei nur ein moderater Anstieg zu erwarten. Fast zwei Drittel der Alters-Grundsicherungsempfänger hätten so geringe Rentenansprüche, weil sie in ihrem Leben nicht durchgehend oder nur in Teilzeit erwerbstätig waren. Kümpel betont: „Das beste Mittel gegen Altersarmut ist ein langes und durchgehendes Erwerbsleben in Vollzeitarbeit.“

Julius Wagner, Geschäftsführer des Hotel- und Gastronomieverbands (Dehoga) Hessen, geht auf die Anschuldigung der NGG ein, dass im Gastro- und Hotellerie-Gewerbe zu wenig gezahlt werde und das ein Auslöser für Altersarmut sei. „Das können wir nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Einige Betriebe in der Branche zahlen sogar über dem Tarif.“ Der Grund: „Die Betriebe suchen händeringend Leute, weil der Arbeitsmarkt leergefegt ist.“ Deswegen versuchten sie, über höhere Gehälter und Attraktivität des Arbeitsplatzes neue Mitarbeiter anzuwerben. „Dass viele Betriebe aus der Tarifbindung aussteigen liegt daran, dass es ihnen mehr Flexibilität ermöglicht“, betont Wagner. Das sei auch für die Arbeitnehmer gut: „Das gibt ihnen mehr Spielraum beim Urlaub und den Arbeitszeiten.“

Rubriklistenbild: © Foto: NGG/nh

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