Oster-Interview mit Dekanin Carmen Jelinek

"Aufbruch ergibt immer Sinn": Oster-Interview mit Dekanin Carmen Jelinek

+
Dekanin Carmen Jelinek

Ostereier suchen, Schokoladenhasen essen, einen Tag vor dem Fernseher verbringen. So wird in vielen Haushalten Ostern „gefeiert“.

Dabei geht es um die höchste christliche Festlichkeit im Jahr, bei der der Auferstehung Jesu Christi gedacht wird. Doch wird das heutzutage überhaupt noch so wahrgenommen?

Frau Jelinek, welche Bedeutung hat das Osterfest noch in unserer heutigen Zeit?

Ostern ist das wichtigste Fest der Christen. Es geht um die Überwindung von Dunkelheit und Tod, um Auferstehung, es geht um das Vertrauen darin, dass selbst in ausweglosen Situationen nicht alles vorbei ist. Das ist wie mit Jesus, der für seine Ideale, seine Gerechtigkeit und Liebe sogar am Kreuz gestorben ist. Weil er auferstanden ist, leben sein Glaube, seine Haltung gegenüber den Menschen und seine Ideen bis heute weiter.

Aber die Welt ist doch voll von Krieg, Terror, Hunger, Armut und Naturzerstörung: Da kann man doch schon mal die Hoffnung verlieren.

Gerade deshalb ist Ostern ja auch immer noch aktuell. Tatsächlich ist die Welt voller Probleme. Aber wenn das jemand erkannt hat, dann sollte er den Mut dazu haben, dagegen etwas zu unternehmen. Am besten in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Die Kirche kann dabei Hilfen und Orientierung geben, Vergewisserung, Werte. Auferstehung hat auch etwas mit Aufbruch zu tun, mit dem Einschlagen neuer Pfade, wenn sich eingetretene Wege als falsch erwiesen haben.

Ist es aber nicht zynisch, die Osterbotschaft zu predigen, wo doch gerade der christlich geprägte, industrialisierte Westen maßgeblich für die Krisen dieser Welt wie Ausbeutung, Armut und Naturzerstörung verantwortlich ist?

Die Ursachen für die Krisen dieser Welt sind in der Natur des Menschen zu suchen. Er will Bequemlichkeit, er will Wohlstand, er will Erfolg und Macht. Mitunter hat das, was dabei herauskommt, nicht mehr viel mit christlicher Ethik zu tun. Das, was der Ostergedanke möchte, ist das Gegenteil von dem, was gerade an vielen schlimmen Dingen auf unserer Erde passiert.

Was können die Menschen von Ostern lernen?

Viel. Ostern hat ganz viele Facetten - allein schon die Passionszeit, also die sieben Fasten-Wochen vor Ostern. Sie gelten als Leidenszeit Jesu. Menschen reagieren darauf mit Verzicht und zeigen, dass man für etwas einstehen und auch mal etwas abschneiden und sterben lassen kann, um sich dann wieder auf neue Möglichkeiten freuen zu können.

Es gibt inzwischen Menschen, die glauben, Ostern sei eine Erfindung der Industrie, um den Verkauf zuckerhaltiger Produkte anzukurbeln. Verkommt das Osterfest zu einer reinen Konsumveranstaltung?

Ja, Wenn sich das Osterfest nur auf Ostereier und Schokoladenhasen beschränkt, geht das definitiv am Kern der Sache vorbei.

Stichwort Tanz- und Feierverbot? Wie ernst muss Ostern sein?

An einem Todestag eines geliebten Menschen steht auch heute kaum jemand der Sinn nach Tanzen. Karfreitag ist der Todestag Jesu, den Christen eher stiller verleben möchten. Aber natürlich kann auch getanzt und gelacht werden. Ostern soll nicht als Spaßbremse verstanden werden. Im Gegenteil! Ostern ist ein Freudentag. Ich kann mir gerade an Ostern fröhliches Lachen und Tänze vorstellen. Dennoch: Die Passions- und Osterzeit lädt dazu ein, einmal die Perspektive zu wechseln, um vielleicht auch mal Dinge zu sehen, die vom Alltag verdeckt werden. Ein paar stille Stunden können da nicht schaden. Wer immer nur feiert, verdrängt die andere Seite. Sie ist aber immer da. Glück und Trauer sind zwei Seiten einer Medaille. Leben heißt, beide Seiten zu kennen.

Wie werden Sie Ostern verbringen?

Am Sonntag werde ich um 5 Uhr den Osternachtsgottesdienst in der St. Georgskapelle in Oberkaufungen halten und dabei mit den Gottesdienstbesuchern erleben, wie die Nacht langsam der Helligkeit der Kerzen und der aufgehenden Sonne weicht – ein sehr schönes Oster-Symbol. Um 10 Uhr geht es weiter mit dem Kantatengottesdienst in der Stiftskirche, danach leg’ ich kurz die Beine hoch. Anschließend gibt es ein Festessen und dann geht’s hinaus in den erwachenden Frühling zum Ostereiersuchen.

Wie sieht Ihre ganz persönliche Botschaft an die Menschen zu Ostern aus?

Nicht verkriechen. Stattdessen aufbrechen, auch wenn der Weg steinig ist. Das macht immer Sinn.

Zur Person

Carmen Jelinek (59) wurde im nordhessischen Fritzlar geboren. In Göttingen, Basel und Heidelberg studierte sie evangelische Theologie. Später arbeitete Jelinek zwei Jahre in der Erlöserkirchengemeinde in Jerusalem, im Vikariat in Petersberg bei Fulda und anschließend zwölf Jahre lang als Pfarrerin in Hessisch Lichtenau. Seit gut 20 Jahren ist sie Dekanin im Kirchenkreis Kaufungen. Carmen Jelinek ist verheiratet. Mit ihrem Ehemann lebt sie in Kaufungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.