Polizei kontrolliert häufiger

Cannabis spielt immer größere Rolle: Im Landkreis Kassel wird mehr gekifft

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Erlebt einen Aufschwung in Landkreis Kassel: die illegale Droge Cannabis. Das Bild zeigt die aufblühende Knospe einer weiblichen Hanfpflanze, aus deren Blüten und blütennahen Blättern die Cannabis-Form Marihuana gewonnen wird.

Cannabis, Alkohol und Amphetamine: Drogen-Konsumenten im Landkreis Kassel haben ihre Vorlieben geändert. Kiffen wird vor allem bei jungen Menschen immer beliebter. 

Fast 100 Millionen EU-Bürger im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Drogen genommen. Das ist das Ergebnis des Europäischen Drogenberichts 2019, der kürzlich erschienen ist. Demnach griffen aber vor allem junge Menschen zu den illegalen, berauschenden Substanzen – vor allem zu Cannabis.

Auch im Landkreis Kassel kämen vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von zwölf bis 21 Jahren mit Drogen in Berührung, teilt Angela Waldschmidt mit, Geschäftsführerin der Drogenhilfe Nordhessen. „56 Prozent aller betreuten Klienten aus dem Landkreis sind nicht älter als 21 Jahre“, sagt sie. Wie viele Menschen in der Region tatsächlich illegale Drogen konsumieren oder abhängig sind, könne sie hingegen nicht sagen. „Da ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Wir wagen es daher nicht, eine Aussage für den Landkreis Kassel zu treffen.“

Allerdings ist laut Waldschmidt die Zahl derjenigen leicht gestiegen, die wegen ihres Drogenkonsums Beratung in Anspruch nehmen. Auch fällt auf: Konsumenten haben ihre Vorlieben verändert. „Im Jahr 2018 hat Cannabis dem Alkohol den Rang abgelaufen, wenn man die Klienten zugrunde legt, die unsere Hilfe in Anspruch genommen haben“, erläutert die Geschäftsführerin der Drogenhilfe. 

Das zeige sich insbesondere bei den Personen, die erstmalig Kontakt mit den Beratungsstellen hatten. „Bei 46 Prozent waren Probleme im Zusammenhang mit Cannabiskonsum der Betreuungsanlass.“ Weit dahinter rangierten mit 15 Prozent Probleme mit Alkohol. Bei unter 21-Jährigen seien 52 Prozent mit einer Cannabis-Problematik in die Beratung gekommen, rund 19 Prozent seien wegen Alkohol auffällig geworden.

Mehr Cannabis-Delikte bekannt

Die gesteigerte Beliebtheit von Hanf als Rauschmittel im Landkreis Kassel nimmt auch die Polizei wahr. 2014 lag die Zahl der Kontrolldelikte im Zusammenhang mit Cannabis noch bei 154 (bei 278 Rauschgiftdelikten insgesamt). Im vergangenen Jahr stieg die Hanf-Fälle auf 200 von insgesamt 351 Drogenverstößen. Den drastischen Anstieg erklärt Polizeisprecher Torsten Werner damit, dass das Polizeipräsidium Nordhessen in den vergangenen Jahren seine Kontrollen im Bereich der Drogenverstöße intensiviert habe. Polizisten seien durch Schulungen rund um das Thema Drogen stärker sensibilisiert. „Dadurch wurden mehr Delikte bekannt.“ Cannabis spiele dabei, wie die Zahlen zeigten, eine immer größere Rolle.

Neben der pflanzlichen Droge griffen Konsumenten aber auch zunehmend zu sogenannten „Legal Highs“ (NPS = Neue psychoaktive Substanzen) und chemischen Substanzen wie MDMA sowie Amphetaminen, teilt Waldschmidt mit. „Jugendliche experimentieren oft leichtsinnig und äußerst risikobereit“, betont die Pädagogin und Sozialtherapeutin.

Jedoch stiegen die jungen Menschen zumeist nicht direkt mit den illegalen Betäubungsmitteln ein: „Nach wie vor werden mit Nikotin und Alkohol die ersten Konsum- und Rauscherfahrungen gemacht.“ Junge Menschen setzten fort, was ihnen von Erwachsenen vorgelebt wird.

In den Ferien steigt der Drogenkonsum

Laue Nächte, Ferien, gepaart mit Langeweile haben Suchtpotenzial: In den Sommermonaten steige der Drogenkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, sagt Sascha Wattenbach von der Mobilen Drogenberatung im Landkreis Kassel im HNA-Gespräch. „Jugendliche haben jetzt einfach mehr Zeit und nehmen auch unter der Woche mal Drogen, anstatt nur am Wochenende“, erläutert der Sozialarbeiter, der mit Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 21 Jahren arbeitet, die mit Drogen in Berührung gekommen sind. 

Partydrogen wie Ecstasy würden auch konsumiert werden, Cannabis sei aber bei 80 bis 90 Prozent von Wattenbachs Klienten das Mittel der Wahl. Alkohol sei immer noch stark vertreten, jedoch habe Cannabis die berauschenden Getränke überholt, „anders, als noch vor zehn Jahren, als Alkohol ganz vorn stand“, sagt der 36-Jährige. Der Grund: „Über neue Medien kommt man sehr leicht an ein paar Gramm Gras heran.“ 

Manche Jugendlichen hätten wohl auch die Erfahrung gemacht, dass Alkohol zu verstärkten Aggressionen führen könne, wohingegen ein Joint eher beruhige. „Ich will Cannabis aber nicht verharmlosen, denn die Droge birgt viele Risiken“, betont der Sozialarbeiter. Die Droge kann psychotische Störungen hervorrufen. Obendrein beeinträchtigt sie Aufmerksamkeit, Gedächtnisfunktionen und psychomotorische Funktionen. „Und sie ist illegal“, sagt Wattenbach. 

Langweile spielt eine riesige Rolle

Auch die Polizei spüre eine Trendwende: „Der Alkoholkonsum geht zurück, Cannabis wird mehr geraucht“, sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Dass Jugendliche und junge Erwachsene in den Sommerferien vermehrt zu legalen oder illegalen Drogen griffen, kann Werner aber nicht bestätigen: „Es hat nichts mit Jahreszeiten oder Ferien zu tun, dass wir mehr Menschen dabei erwischen.“ Das beschränke sich eher auf die Wochenenden. 

Um über die Risiken der Drogen aufzuklären, ist Wattenbach im Landkreis Kassel unterwegs und spricht mit jungen Erwachsenen. „Vom Gelegenheitskonsumenten bis zum Dauerkiffer ist alles dabei.“ Wattenbach sieht seinen Job so: „Ich will dafür sorgen, dass sich die Menschen nicht die Zukunft verbauen.“ Und er zeige, was sie machen können statt sich zuzudröhnen. „Langeweile spielt nämlich eine riesige Rolle.“ Wenn den 12- bis 21-Jährigen klar werde, dass es anderes gibt, was ihnen Spaß macht, habe er viel gewonnen.

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