Landwirte wünschen sich eine differenziertere Darstellung

EU-Geld für Bauern im Kreis Kassel: Wer was bekommt, steht im Netz

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EU-Förderung macht etwa die Hälfte des Einkommens der Landwirte aus: Sie können laut Bauernverband nicht auf das Geld verzichten. Unser Bild zeigt einen Landwirt auf einem Feld bei Rengershausen.

20 Millionen Euro fließen jährlich von der EU in die Landwirtschaft im Kreis Kassel. Welcher Bauer wie viel Geld bekommt, ist dabei öffentlich im Internet einsehbar.

Vollständiger Name, Ort des Betriebes und genaue Summe tauchen auf der Seite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung auf. Das schreibt ein Gesetz vor, das 2015 in Kraft trat.

Viele Landwirte in der Region sind darüber verärgert – äußern wollten sich dazu aber nur öffentliche Vertreter. „Die meisten Menschen können mit den Zahlen nichts anfangen und denken, das Geld bekommt der Landwirt einfach geschenkt“, sagt Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Kassel. „Dass er aber dafür zum Beispiel EU-Standards umsetzen muss, ist dort nicht ersichtlich.“ Schaumburg hat grundsätzlich nichts gegen Transparenz, „aber in dieser Art finde ich das nicht gut“.

Der Landkreis Kassel befürwortet laut Sprecher Harald Kühlborn die Offenlegung der Zahlen. „Es geht schließlich um Steuergeld, das Privatleute bekommen – da sollte größtmögliche Transparenz gegeben sein.“ Er bestätigt aber auch, dass Menschen, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, mit den reinen Zahlen wenig anfangen können. „Es müsste zum Beispiel verdeutlicht werden, dass die Bauern mithilfe des Fördergelds auch Leistungen erbringen, um europäische Ziele einzuhalten und zu erreichen.“ Sollte es dazu eine Initiative der Landwirte geben „schließen wir uns an“.

Die, die Geld erhalten wollen, kommen um eine Veröffentlichung ihrer Daten nicht herum. Denn wer seinen jährlichen Antrag auf EU-Agrarförderung beim Kreisbauernverband abgibt, muss sich gleichzeitig für eine Offenlegung der Summe bereit erklären. „Man hat also wirklich überhaupt keine Wahl“, sagt Schaumburg. Auf die Subventionen verzichten, sei auch keine Option. „Die Landwirte sind auf das Geld angewiesen.“

Das bestätigt auch Stefanie Wittich vom Kreisbauernverband. „Die Förderung macht die Hälfte des Einkommens der Bauern aus. Sie brauchen das Geld, sonst funktioniert das System nicht.“

Wittich findet Transparenz beim Thema EU-Förderung ebenfalls wichtig, aber: „Hier wird eine Berufsgruppe sozusagen in die Auslage gestellt – es bekommen aber auch andere Geld von der EU. Das bekommt dagegen kein Mensch mit.“ Gerade bei den Landwirten in der Region stünden immer auch Familien hinter den Betrieben. „Sonst ist Datenschutz immer ein großes Thema, doch hier werden die Bauern und ihre Familien ein Stück weit gläsern.“

Ein weiteres Problem aus der Sicht des Bauernverbandes: „Anhand der Daten kann sich jeder ausrechnen, wie viel Land jemand besitzt“, sagt Erich Schaumburg. „Wenn es darum geht, zum Beispiel Flächen hinzuzugewinnen, kann das hinderlich sein, nach dem Motto: ‘Der hat schon so viel Land, dem verpachte ich meine Fläche nicht auch noch’.“

Landwirte, die kein öffentliches Amt bekleiden, wollten sich indes nicht zu dem Thema äußern. „Ich habe eine ganz klare Meinung dazu, aber die werde ich in der Öffentlichkeit nicht sagen“, erklärte zum Beispiel ein Bauer aus der Region. 

Einzusehen sind die Zahlungen auf agrar-fischerei-zahlungen.de/Suche

Beispiel: Die jährliche Förderung für Landwirte setzt sich im Groben aus der Basisprämie, der Umverteilungsprämie und der Greening-Prämie zusammen. Ein landwirtschaftlicher Betrieb mit etwa 55 Hektar Land bekommt ungefähr 9400 Euro Basisprämie im Jahr, 2000 Euro Umverteilungsprämie und 5300 Euro Greening-Prämie. Insgesamt bekommt dieser Beispiel-Landwirt fast 17 000 Euro EU-Förderung. 

„Dass die Landwirte das Geld bekommen, ist absolut gerechtfertigt“, sagt Stefanie Wittich vom Kreisbauernverband Kassel. „Mit ihrer Arbeit stellen die Bauern die Versorgung der Gesellschaft mit hochwertigen Lebensmitteln sicher, sie erhalten und pflegen die Landschaft, erhalten die biologische Vielfalt und schaffen und sichern Arbeitsplätze.“ Die Landwirtschaft sei ein Wirtschaftszweig, an dem viele andere Bereiche mit dranhängen. „Gebe es diesen nicht mehr, wären nicht nur die Landwirte betroffen."

Im Maiinformierte Kreissprecher Kühlborn über die diesjährige Förderung von Bauern im Landkreis. 

Im Landkreis Kassel kommt nicht nur Fördergeld für die Landwirtschaft an. Etwa zweieinhalb bis drei Millionen Euro kommen jährlich aus dem Leader-Programm, das für die Stärkung der Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raumes gedacht ist. Beispiele, wo Geld aus diesem Programm hingeflossen ist, sind das Waltersche Häuschen in Dörnhagen und die Stiftskirche in Kaufungen. „Auch ein Optikerfachgeschäft hat zum Beispiel Geld aus dem Leader-Programm erhalten, weil dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden“, erklärt Harald Kühlborn vom Landkreis Kassel. 

Ein weiteres EU-Förderprogramm ist Efre, das bei Infrastrukturvorhaben greifen kann. Laut Kühlborn wurde mit Geld aus diesem Topf zum Beispiel der Eingangsbereich des Tierparks Sababurg neu gemacht. Wer sich über die zahlreichen EU-Förderprogramme informieren will, kann das beim Servicezentrum Regionalentwicklung des Landkreises Kassel unter der Tel. 0561/10 03 24 13 tun. 

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