Nabu warnt vor weiterem Artensterben

Feldvögel sterben aus - Schon 20 von 40 Arten in der Region verschwunden

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Vogel des Jahres: Die Feldlerche steht für viele auf freiem Feld vorkommende Vogelarten, die allmählich zu verschwinden drohen. Die Bestände von Braunkehlchen, Rebhuhn, Kiebitz und Uferschwalbe sind im Gebiet rund um Kassel schon erloschen. Hauptgrund dafür ist die von der EU geförderte intensive Landwirtschaft.

Schon 20 Feldvogelarten, darunter Braunkehlchen, Rebhuhn, Kiebitz oder Uferschnepf, sind rund um Kassel nicht mehr zu sehen, da diese Arten bereits ausgestorben sind. 

„Und um den Neuntöter ist es auch schon schlecht bestellt, ebenso um die Feldlerche, den Vogel des Jahres 2019“, sagen Manfred Henkel und Martin Lange vom Nabu Kaufungen-Lohfelden. Im Landkreis sei ihr Bestand dramatisch gesunken. Die beiden Naturschützer läuten Alarm. Nachdem vor rund einem Jahr das Insektensterben in den Medien ein großes Thema war, sind es nun die Feldvögel. Erst jüngst hatte der Europäische Vogelzählrat (European Bird Sensus Council), ein Zusammenschluss europäischer Vogelexperten mit Sitz in Nijmegen (Niederlande), ernüchternde Zahlen geliefert. So sei der Bestand an Feldvögeln von 1980 bis 2016 europaweit um rund 56 Prozent geschrumpft.

„Das deckt sich mit dem, was wir hier auch in der Region beobachten“, sagt Henkel. Rund 20 von rund 40 typischen Feldvogelarten seien im Raum Kassel schon komplett von der Bildfläche verschwunden. Die noch verbliebenen Arten würden in ihrer Individuenzahl stark sinken.

Hauptgründe für das große Sterben der Feldvögel ist das Fehlen von geeigneten Lebensräumen und akuter Nahrungsmangel durch das massenhafte Verschwinden von Insekten. „Die industrialisierte Landwirtschaft nimmt den Tieren alles weg“.

Dabei seien die Vögel noch die augenfälligsten Tiere, die in der freien Ackerflur beobachtbar seien. „Viele andere Tierarten gehen verloren, ohne dass wir das wirklich bemerken“, sagt Lange. Früher sei es normal gewesen, dass rechts und links Insekten wie Grashüpfer, Käfer oder Schmetterlinge davon surrten, wenn man über eine Wiese gelaufen sei. „Davon ist nichts mehr zu sehen“.

Manfred Henkel und Martin Lange vom Nabu Kaufungen-Lohfelden

Der Einsatz von Spritzmitteln störe nachhaltig das Ökosystem Ackerflur – mit allen negativen Folgen für die Nahrungskette und für ökologische Netzwerke. „Pestizide sind Massenvernichtungsmittel“, sagt Lange. Diese Substanzen zeigten nach Jahrzehnte langer Anwendung nun ihre Wirkung. „Es ist kaum noch etwas übrig“.

Und ein Umschwenken ist nicht in Sicht. „Die Glyphosat-Debatte ist keine zwei Jahre alt – und alles geht weiter wie bisher“.

Hauptursache sei die EU-Agrarpolitik. „Sie basiert auf subventionierter Massenproduktion. Die Landwirte müssen darauf reagieren, wenn sie im Geschäft bleiben wollen“, sagt Henkel. So zähle inzwischen jedes Kilogramm an produziertem Getreide, und jeder nutzbare Quadratmeter Boden. Die Folge davon ist, dass in den vergangenen Jahren viele Lebenräume wie Hecken, Ackerradstreifen oder Randstreifen von Feldwegen verschwunden seien. Auch Brachen und Kleingewässer gebe es nicht mehr oder inzwischen viel zu selten.

Mit dem Aufkommen von Energiepflanzen wie Raps und Mais für die Biogas- und Sprit-Produktion sei zudem ein massiver Verlust von Grünland festzustellen. „Jeder Quadratzentimeter ist inzwischen erschlossen“.

Das sei der Overkill für viele Tierarten, die wesentliche Teile ihres Lebens in Agrarlandschaften verbringen – egal ob Feldhamster, Feldhase, zahlreiche Insekten, Reptilien, Amphibien oder eben die Feldvogelarten wie das Rebhuhn oder der Fasan, die viel Deckung und Ruheräume benötigen, sagt Henkel.

Die breite Bekämpfung von Wildkräutern und Insekten trage das Übrige dazu bei. „Große Insekten wie Grillen oder Heupferde sind die Hauptnahrung des Neuntöters. Wer aber hat zuletzt ein Heupferd geschweige denn einen Neuntöter gesehen?“ Selbst Mäuse, die auch auf der Speisekarte des Neuntöters stünden, würden inzwischen systematisch bekämpft. „Wir haben es aktuell mit einer eklatanten Verarmung unserer Landschaft zu tun“, sagt Lange. Umdenken und rasches Handeln habe inzwischen höchste Priorität. 

Das muss laut Nabu passieren, um die Artenvielfalt zu bewahren

Nach Auffassung des Nabu Kaufungen-Lohfelden sind folgende Schritte unumgänglich, um die Artenvielfalt auf dem Land nicht weiter zu gefährden. 

  • Neuorganisation des EU-Agrar-Subventionssystems: Öko-Landbau muss Förderstandard werden. Anders gesagt: Subventionen gehen nur noch an Betriebe, die umwelt-, natur- und klimagerecht arbeiten.
  • Beschränkung des Anbaus von Energiepflanzen, die für die Energiewende eingesetzt werden. 
  • Pestizidverbot im Umfeld hochwertiger ökologischer Flächen. 
  • Verbot von Neonicotinoiden und Alternativsubstanzen sowie von Breitbandherbiziden wie Glyphosat. 
  • Neujustierung von Zulassungsverfahren mitsamt strengerer Prüfvorgaben bei der Genehmigung von Pestiziden. 
  • Großräumige Wiedervernetzung von Lebensräumen in der Agrarlandschaft. 
  • Verbot für die Beseitigung von Kleinbiotopen, stattdessen Belohnung für die Neuanlage von Hecken, Feldgehölzen und Kleingewässern. 
  • Bessere finanzielle Ausstattung von Naturschutzprogrammen und Forschungsvorhaben in Richtung einer nachhaltigen Agrarproduktion

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