Stinker sind das Problem 

Ferkelkastration ohne Betäubung: Bauernverband fordert längere Übergangsfrist

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Werden oft nur unter Einsatz von Schmerzmitteln kastriert: Ferkel wie dieses.

Kreis Kassel. Ab 1. Januar 2019 dürfen Schweine nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Eigentlich. Denn Union und SPD haben sich auf eine Verlängerung der Übergangsfrist um zwei Jahre geeinigt.

Dieser Vorschlag soll demnächst im Bundestag diskutiert werden. Das sehen insbesondere Tierschützer kritisch. Als notwendig bezeichnet sie dagegen Reinhard Schulte-Ebbert, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes. Nicht für die Bauern, „sondern für die Politik, die sich entscheiden muss, was sie will“. Es gibt mehrere Alternativen zur gängigen Praxis.

Was ist bisher erlaubt? Und was soll sich ändern?

Das deutsche Tierschutzgesetz schreibt in Paragraf 5 vor, dass ein schmerzhafter Eingriff bei einem Wirbeltier nicht ohne Betäubung durchgeführt werden darf. Es lässt allerdings bis zum 31. Dezember die Ausnahme zu, dass Ferkel vor ihrem achten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Welches Verfahren dann stattdessen verwendet werden sollen, ist nicht festgelegt.

Warum werden männliche Ferkel kastriert?

Das Fleisch unkastrierter Eber kann unangenehm riechen und schmecken. Verursacht wird der Geruch und Geschmack durch das Sexualhormon Androteston im Zusammenspiel mit dem Stoff Skatol. Der Geruch von Fäkalien ist vor allem auf Skatol zurückzuführen. Etwa fünf bis sieben Prozent der Tiere sind sogenannte „Stinker“, sagt Dr. Hans-Joachim Herrmann, Leiter des Beratungsteam Tierhaltung beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Allerdings nehme längst nicht jeder Mensch diesen Geruch gleich stark wahr.

Warum werden nicht unkastrierte Tiere gemästet und die Stinker aussortiert?

Die Ebermast ist zum Beispiel in Großbritannien verbreitet. Allerdings stellt sie den Halter vor Herausforderungen. „Jugendliche Schweine haben einen großen Sexualtrieb. Wenn die nur über die Lüftung mitkriegen, dass eine Sau rauschig ist, werden sie unruhig und suchen ein Ventil, das ist dann im Zweifel der Buchtengenosse“, sagt Hermann. Außerdem verletzten sich die Eber oft gegenseitig durch einen Biss in den Penis. Die Verarbeitung ist ein Problem: „Stinker können sie nur identifizieren, wenn sie das Fleisch erhitzen“, erklärt Hermann. Großschlachtereien hätten extra ausgebildete Geruchstester und die Möglichkeit, stinkendes Fleisch anderweitig zu verarbeiten, beziehungsweise zu exportieren. Das sei für kleinere Hausschlachter eher schwierig.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Was versteht man unter Immuno-Kastration?

Durch eine Immunisierung mit Improvac kann die Produktion des Sexualhormons Androteston unterdrückt werden. Allerdings könnte der Verbraucher das Fleisch nicht akzeptieren, weil sie die Immunokastration mit einer Hormonbehandlung – die es nicht ist – gleichsetzen, merkt Schulte-Ebbert an. Dr. Hans-Joachim Herrmann weist allerdings darauf hin, dass solches Fleisch bereits im Handel und eine derartige Reaktion nicht belegt ist. Außerdem sei mit Aufklärung des Verbrauchers sicherlich eine größere Akzeptanz zu erreichen.

Warum wird nicht wie bei Hund und Katze unter Vollnarkose kastriert?

Gesetzlich erlaubt ist die Kastration der Ferkel unter Vollnarkose durch Tierärzte. Allerdings versterben etwa 15 Prozent der Ferkel nach der Injektionsnarkose, sagt Schulte-Ebbert. In der Schlafphase nach der Betäubung komme es auch zu Unterkühlung und Fressunlust. Eine Alternative ist das Gas Isofluran. Das ist aber in Deutschland nicht als Narkosemittel für Schweine zugelassen. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen führt momentan in Kooperation mit der Uni Gießen eine Studie durch, bei der die Injektions- und die Gasmethode verglichen werden. Vorteil der Gasmethode ist laut Hermann, dass das Ferkel nach wenigen Minuten wieder wach ist.

Lesen Sie dazu auch: Narkose oder Lokalanästhesie - Streit um Betäubung bei Ferkelkastration

Reicht auch eine lokale Betäubung?

In Deutschland ist die Kastration der männlichen Ferkel unter örtlicher Betäubung durch den Landwirt nicht erlaubt. In einigen skandinavischen Ländern allerdings schon. Laut Schulte-Ebbert favorisieren auch viele Halter unter den derzeitigen Voraussetzungen diese Möglichkeit, die eine deutlich geringere Belastung für die Ferkel darstelle. Ein Problem ist allerdings, dass viele schnellwirkende Betäubungsmittel nicht für das Schwein oder die Kastration zugelassen sind. Auch ist die Verabreichung der Betäubung bei Ferkeln schwierig. „Bei falscher Anwendung ist der Schmerz dabei größer als bei der Kastration selbst“, erklärt Hermann. Auch die Bundesärztekammer lehnt diesen „vierten Weg“ ab.

Was sind die Ängste der Sauenhalter?

Bislang bieten die Schlachthöfe und der Handel keine Abnahmegarantie für Fleisch aus den alternativen Verfahren zu gleichen Preisen wie für Sauen oder kastrierte Eber. Auch wird noch immer diskutiert, welche Alternative in Zukunft angewandt werden soll.„Die Landwirte brauchen aber verlässliche Aussagen“, erklärt Schulte-Ebert.

Schon jetzt gebe es immer weniger Schweinehalter. Mit diesen politischen Diskussionen würde dieser Trend beschleunigt.

Immer weniger Schweinezüchter

In Hessen gibt es immer weniger Schweinezüchter: „Die Zahl der Zuchtsauenhalter ist von 1450 Betrieben im Jahr 2010 auf 772 Betriebe 2016 gesunken – und damit um 47 Prozent“, sagt der Hessische Bauernpräsident Karsten Schmal. Es hat also fast jeder Zweite die Schweinezucht aufgegeben. Die Zahl der Mastschweinehalter ist nach Auskunft Schmals im gleichen Zeitraum von 5300 Betrieben auf 3200 gesunken. Ein Minus von 40 Prozent. Im Landkreis Kassel, mit Schwerpunkten in den Altkreisen Hofgeismar und Wolfhagen, gibt es noch 410 Schweinehalter, erklärt Kreissprecher Harald Kühlborn. Es würden insgesamt knapp 64 000 Schweine gehalten.

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