Interview mit Gilla Dölle vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung 

Die Geburtsstunde der Demokratie

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Gilla Dölle vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung

Kreis Kassel – Heute ist es genau 100 Jahre her, dass Frauen zum ersten Mal wählen durften. Bis zur Verkündung des Wahlrechts für alle am 12. November 1918 waren Frauen faktisch von demokratischer Partizipation ausgeschlossen.

Deshalb lautet auch das Thema des diesjährigen Frauenempfangs des Landkreises Kassel, der heute stattfindet, „100 Jahre Frauenwahlrecht – Geburtsstunde der Demokratie“. Festrednerin ist Dr. Gilla Dölle vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung, mit der wir über das Thema gesprochen haben.

Wann beginnt in Deutschland die Frauenbewegung?

Mit der deutschen Revolution im Jahr 1848/49. Da schließen sich die ersten Frauen zusammen, bilden demokratische Frauenvereine, geben Zeitschriften heraus und stellen Forderungen nach Verbesserung der Frauenbildung.

Wieso dauerte es dann noch 70 Jahre, bis Frauen das Wahlrecht bekamen?

Die Revolution in Deutschland ist gescheitert und damit auch die Anfänge der Frauenbewegung. Die Vereine wurden aufgelöst, die Bewegung war geschwächt.

Wann änderte sich das?

Eine Bewegung ist ja ganz schwer mit einem konkreten Zeitpunkt zu benennen. Es ist in der Regel ein langer Prozess. Aber es gibt natürlich neuralgische Punkte. 1865 sind Frauen aus dem ganzen Reich nach Leipzig gegangen und haben dort den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gegründet. In diesem Moment fängt mit einem großen Schwung die Frauenbewegung an.

Gab es für dieses Treffen irgendeinen Anlass?

Es ist nichts Konkretes passiert, aber den Frauen ist immer mehr bewusst geworden, wie ihre Lage gerade ist, vor allem in der Frage der Mädchenbildung. Man muss sich vorstellen, dass die Frauen überhaupt keine Möglichkeit hatten, eine bessere Bildung zu bekommen. Selbst bei den Frauen aus den bürgerlichen Kreisen hieß es, dass sie mit 14 von der Schule gehen mussten. Zu sehen, dass sie nicht an dieser Gesellschaft partizipieren, war eine ganz große Triebfeder.

1908 war für die Frauenbewegung ein sehr entscheidendes Jahr.

Ja, es war ein Jahr, in dem sich viel veränderte, zum Beispiel hatten Frauen ab 1908 die Möglichkeit, alle Schulen zu besuchen. In diesem Jahr wurde auch das reichseinheitliche Vereinsgesetz erlassen. In Preußen, zu dem auch unsere Region gehörte, galt ein Vereinsgesetz, das Frauen grundsätzlich verbot, sich politisch zu betätigen.

Welche Auswirkungen hatte das Vereinsgesetz?

Endlich konnten sich Frauen in allen Regionen des Reiches politisch betätigen. Sie gründeten Stimmrechtsverbände, es wurden Petitionen geschrieben, es gab eine Unzahl von Publikationen.

Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für alle über 20 Jahren. Haben viele Frauen von ihrem neu erworbenen Wahlrecht Gebrauch gemacht?

Ja, das kann man deutlich sagen. Die Wahlbeteiligung war damals eine ganz andere als heute. Für die erste reichsweite Wahl lag sie bei über 80 Prozent. Das macht deutlich, dass es eine gesellschaftliche Frage war, die auch die Menschen bewegte. Die Frauen sind zu großen Teilen zur Wahl gegangen.

Frauen durften auch zum ersten Mal kandidieren.

Es wurden für die erste reichsweite Wahl 300 Frauen aufgestellt, aber nur 37 sind in das Parlament eingezogen, weil sie nur die hinteren Listenplätze bekamen. Man kann sagen, dass in den Parlamenten auf allen Ebenen unter zehn Prozent Frauen saßen.

Hatten es Frauen in den ländlichen Kommunen schwerer, Teil des politischen Lebens zu werden?

Das kann man insgesamt für die Frauenbewegung sagen. Nicht umsonst ist es zu großen Teilen eine eher urbane Bewegung und die großen Verbände haben sich in den Städten gebildet.

Welche Frau aus dem Altkreis Kassel hat sich im Kampf um die Frauenemanzipation besonders hervorgetan?

Zum Beispiel Eleonore Lemp, die in Fuldatal die „Deutsche Frauenschule“ gründete. Im ländlichen Bereich ging es den Frauen zuallererst um den Zugang zu Bildung, denn der war dort für Frauen noch weniger vorhanden als im urbanen Bereich.

Es sind immer eine Handvoll Frauen, die als Vorreiterin der Frauenrechte gelten.

Es waren nicht ein paar Frauen, sondern es waren viele Organisation, konfessionelle Verbände, Bildungsvereine. Das war eine große Bewegung und es waren eher millionen als tausende Menschen daran beteiligt. Das ist eine Bewegung gewesen, die irgendwann eine gewisse öffentliche Macht bekam.

Vermutlich waren für die Frauen mit dem neu erworbenen Wahlrecht auch sehr viele Hoffnungen verbunden.

Mit dem Jahr 1919 gab es insgesamt eine große Aufbruchstimmung. Die Demokratie war jung, da waren Möglichkeiten und das hat auch die Frauen, die dabei viel gewonnen haben, sicherlich sehr begeistert. Die Monarchie hinter sich zu lassen mit allem, was das bedeutete, es war ein Aufbruch und für die Frauen ein sehr großer Schritt, von dem sie sich viel versprochen haben.

Welches Datum ist für Sie das entscheidende für die Frauenbewegung?

Sowohl der 12. November 1918, als auch der 19. Januar 1919, also der reale Wahltag, sowie der 19. Februar 1919, als mit der SPD-Politikerin Marie Juchacz die erste Frau in der Nationalversammlung sprechen konnte, das sind schon sehr entscheidende Momente. Aber, es ist nur ein Moment. Es gab einen langen Prozess vorher und einen langen nachher. Und der Prozess ist noch nicht beendet.

Zur Person

Dr. Gilla Dölle (63) wurde 1955 in Kassel geboren. Sie ist Teil des Geschäftsführungsteams des Archivs der deutschen Frauenbewegung, in dem sie seit dessen Gründung 1983 mitarbeitet. Neben der regionalen Frauengeschichte liegen ihre Arbeitsschwerpunkte beim Thema Frauenwahlrecht und dem Thema Frauen und Geld. Gilla Dölle lebt in Kassel.

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