Eltern halten Gesamtschulen nicht für gleichwertig

Schulstreit: Braucht der Kreis Kassel ein zweites Gymnasium?

+
Anders als noch vor ein paar Jahren erwartet, steigen die Schülerzahlen. Den Druck spüren vor allem die Gymnasien in der Stadt Kassel und die Lichtenberg-Schule, das einzige Voll-Gymnasium im Landkreis. 

Im Kreis Kassel gibt es nur ein Voll-Gymnasium. Weil immer mehr Kinder Abitur machen, fordert die CDU seit Jahren ein zweites Gymnasium. Die Schulleiter sind jedoch anderer Meinung.

Braucht der Landkreis Kassel, wie von der CDU-Kreistagsfraktion gefordert, ein zweites Voll-Gymnasium? Wenn man die Schulleiter der Herderschule und der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule fragt, ist die Antwort ein eindeutiges Nein.

„Im Raum steht, dass es nicht genügend Kapazitäten in der gymnasialen Bildung gebe“, sagt Stefan Alsenz, Leiter der Herderschule, dem Oberstufengymnasium des Landkreises. Das stimme so aber nicht. „Es gibt mehr als genug Plätze in allen gymnasialen Angeboten.“ Richtig sei zwar, dass schon seit Jahren einige Kinder ihren Erstwunsch für eine Schule nicht erfüllt bekämen. Das gelte für Landkreiskinder ebenso wie für Kinder aus der Stadt. Genau das ist der Grund, weshalb die CDU für ein zweites Gymnasium im Kreis plädiert. „Aber allen Eltern, die sich wünschen, dass ihr Kind eine gymnasiale Ausbildung bekommt, wird dieser Wunsch auch erfüllt“, sagt Alsenz.

An allen 14 Gesamtschulen des Landkreises Kassel gibt es ein gymnasiales Angebot. Zudem kann an der Gesamtschule in Wolfhagen, an der Lichtenberg-Schule sowie an den Oberstufengymnasien Herderschule und Albert-Schweitzer-Schule Hofgeismar Abitur gemacht werden.

Der Knackpunkt sei daher, dass einige Eltern das gymnasiale Angebot an Gesamtschulen nicht für gleichwertig hielten. Deshalb sei Aufklärung und Beratung eine Hauptaufgabe der Schulen, da sind sich die beiden Schulleiter einig. „Wir nehmen die Eltern mit ihren Wünschen und Ängsten ernst, aber es ist auch unsere Aufgabe, ihnen bestehende Ängste durch den Hinweis auf die Fakten zu nehmen“, sagt Stefan Hermes, Schulleiter der Lichtenberg-Schule, des einzigen Voll-Gymnasiums des Landkreises. Denn das gymnasiale Angebot sei nicht nur an den Gymnasien gut. „Man kann nicht unterstellen, dass der gymnasiale Zweig auf der Gesamtschule schlechter ist“, sagt Hermes. „Da müsste ich lügen, und das mache ich nicht.“

Er sei zwar ein überzeugter Gymnasialschulleiter, aber auch anderswo würde gute Arbeit gemacht. Die Eltern sollten sich nicht von Klischees täuschen lassen. „Letztlich kommt es auf die Schule an und ob es für das Kind passt“, sagt Hermes. Die jetzige Debatte gehe an der Realität vorbei.

Derzeit besuchen laut Schulamt 2442 Schüler die Gymnasien des Landkreises, davon sind 1530 Landkreiskinder, 761 Schüler kommen aus der Stadt. Auf die Stadt-Gymnasien gehen derzeit 4509 Schüler, davon wohnen 3173 in der Stadt, 1234 im Landkreis. In der Lichtenberg-Schule werden pro Jahrgang 150 Schüler angenommen. „Wir sind immer voll belegt“, sagt Hermes, und es müssten in jedem Jahr Schüler abgelehnt werden.

Doch trotz der großen Nachfrage wäre ein zweites Gymnasium kontraproduktiv und nicht im Sinne der Schüler. Denn die Größe der Jahrgänge sei wichtig, um den Schülern ein breites Angebot bieten zu können, erklären die Schulleiter. Ein weiteres Gymnasium würde die Schüler auf mehr Schulen verteilen und die jeweiligen Jahrgangsstufen somit verkleinern. „Je kleiner die Oberstufe ist, desto kleiner ist auch das Kurs- und damit Bildungsangebot für die Schüler“, erklärt Hermes. Konkret heißt das: Bei 99 Schülern in einem Jahrgang können elf Leistungskurse (LKs) angeboten werden. Sind es nur noch 72 Schüler, können diese nur noch aus acht LKs wählen. Wegfallen würden dann zum Beispiel Angebote wie Kunst, Musik, Sport, Latein, Politik.

„Wir wollen ein breites Angebot für die Schüler“, sagt Hermes, deshalb würde ein weiteres Gymnasium niemandem helfen. Würde eine neue Schule entstehen, blieben Plätze an anderen Schulen unbesetzt. „Die sind dann zwar da, aber ungenutzt“, erklärt Alsenz. Zum Nachteil der Schüler. 

Lesen Sie auch: Kasseler Pädagogen schlagen Alarm: Inklusion an Schulen funktioniert nicht

Kritiker fordern zweites Gymnasium

Die Debatte um die Notwendigkeit für ein zweites Voll-Gymnasium im Landkreis gibt es schon seit Jahren. In den vergangenen Wochen war sie nun wieder aufgeflammt, weil die CDU-Kreistagsfraktion den Schulentwicklungsplan des Landkreises ablehnte. Ein Grund dafür: Der Plan berücksichtige nicht den Wunsch vieler Eltern im Landkreis, die ihr Kind auf ein Gymnasium schicken wollten. 

Die CDU 

Aus rein ideologischen Gründen werde seit Jahren die Schaffung eines weiteren Gymnasiums für Landkreiskinder verweigert, argumentiert die CDU. Im Herbst 2018 war die CDU mit einem Antrag im Kreistag gescheitert, der ein weiteres Gymnasium forderte. „Das Fehlen von grundständigen Gymnasien wird jedes Jahr bei den Einwahlwünschen für die Bildungsgänge nach der vierten Klasse deutlich“, begründete der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Andreas Mock den Vorstoß damals. 

Der Philologenverband 

Unterstützung bekommt die die CDU vom Kreisverband Kassel der Hessischen Philologen. Es gehe nicht darum, die Arbeit der Gesamtschulen abzuwerten, sagt der Sprecher des Kreisverbands, Boris Krüger. „Die Kollegen machen gute Arbeit. Das gymnasiale Angebot an den Gesamtschulen ist nicht schlechter.“ Aber der Elternwunsch sei ein anderer als die Schulpolitik des Landkreises. Denn einige Eltern hätten Vorbehalte gegen Gesamtschulen. Als ungerecht empfindet Krüger es, dass Gymnasien in der Stadt zuerst Stadtkinder aufnehmen müssten, auch wenn es Kinder aus dem Landkreis mit besseren Zeugnissen gäbe. „Ich finde es schade, dass die fitten Landkreiskinder keine Chance haben, auf ein städtisches Gymnasium zu kommen.“ 

Die Gesamtschulen 

Die Frage, ob der Landkreis Kassel ein zusätzliches Voll-Gymnasium benötigt, wird von den Direktoren der hessischen Gesamtschulen der Region Kassel eindeutig verneint. „Ein weiteres Voll-Gymnasium würde auf Kosten der gymnasialen Zweige der Gesamtschulen gehen“, sagt Regionalsprecher Driton Mazrekaj. Die CDU-Fraktion ignoriere, dass der gymnasiale Bildungsgang in jeder Gesamtschule im Landkreis vorhanden sei. Zudem seien die Aufnahmekapazitäten an allen 14 Gesamtschulen des Landkreises noch längst nicht erschöpft. Die Forderung nach einem zweiten Voll-Gymnasium könne auch nicht aufgrund von fehlender Qualität im gymnasialen Bildungsgang an den Gesamtschulen geführt werden. Seit Jahrzehnten geben die Gesamtschulen des Landkreises Schüler an Oberstufengymnasien ab. „Keiner der Schulleiter hat je gesagt, eure Schüler machen ein schlechteres Abitur. Das ist Quatsch“, sagt Mazrekaj. 

Der Stadtschulleiter 

In den letzten Jahren habe die Albert-Schweitzer-Schule in Kassel kaum noch Landkreiskinder aufnehmen können, sagt deren Schulleiter Markus Crede. Der Grund: Die steigenden Schülerzahlen. Maximal 150 Schüler kann die Schule in einem Jahrgang aufnehmen. Für das kommende Schuljahr gibt es bereits 155 Anmeldungen aus der Stadt und nur 9 Anmeldungen aus dem Landkreis. „Die Eltern haben mitbekommen, dass die Chancen, angenommen zu werden, gering sind.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.