Hütt-Chef und Bauernverband sehen Klimawandel-Effekt

Gerste wird teurer - Bier bald zum Sektpreis? So geht Baunataler Brauerei damit um

+
Ernte: Unser Bild zeigt ein Braugerstenfeld in der Nähe von Eschwege im Werra-Meißner-Kreis.

Der Preis für Gerste ist gestiegen, das merken auch die Bierbrauer in der Region. Hütt-Chef Frank Bettenhäuser sieht einen direkten Zusammenhang zum Klimawandel. 

Müssen wir bald tief in die Tasche greifen für unser Feierabendbier? Eine amerikanische Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature Plants“, schlug im vergangenen Herbst hohe Wellen. Die Verfasser prognostizierten einen deutlichen Rückgang der Gerstenernte, bedingt durch Hitzeperioden und Trockenheit. Fazit: Das Bier wird teurer. 

Die Wissenschaftler gehen über kurz oder lang von einer Verdopplung des Bierpreises im weltweiten Durchschnitt aus. Wir haben mit Hütt-Chef Frank Bettenhäuser und dem Kreisbauernverband über die Auswirkungen des trockenen Sommers 2018 in der Region gesprochen und sie gefragt, ob in Nordhessen bald Bier zu Sektpreisen verkauft wird.

„Diese Rechnung halte ich für sehr theoretisch.“

Um 15 bis 20 Prozent sei der Preis für Braumalz, das aus Gerste erzeugt wird, allein in den vergangenen drei Jahren gestiegen, sagt Bettenhäuser. Begründet sieht der Hütt-Chef dies im Klimawandel. „Mit mehr Versteppung werden die Preise für Agrarprodukte insgesamt nach oben gehen.“

Hütt-Geschäftsführer Frank Bettenhäuser

Dass eine Kiste Hütt bald 30 statt rund 15 Euro kosten könnte, schließt Bettenhäuser jedoch aus. „Diese Rechnung halte ich für sehr theoretisch.“ Allein aufgrund des Marktdrucks könnten sich kleine Brauereien keine signifikanten Preiserhöhungen leisten.

Doch was tun, wenn das Brauen teurer wird, der Bierpreis aber stabil bleibt? Ausweichoptionen seien etwa Spezialbiere, für die höhere Preise genommen werden könnten, sagt Bettenhäuser. Diese seien aufgrund des geringen Absatzes jedoch nur bedingt rentabel. Doch der Markt verändert sich: Machte Hütt nach eigenen Angaben vor 20 Jahren noch circa 95 Prozent ihres Absatzes mit Pils, sind es heute nur noch 60 Prozent. Andere Sorten – Naturtrübes oder Helles –würden inzwischen verstärkt nachgefragt. 

Gerste von Feldern aus der Region

Doch auch für diese Biere wird Gerste benötigt. Ein Teil der Braugerste für die Hütt-Biere kommt von Feldern bei Wolfhagen und Hofgeismar. Diese wird in einer Mälzerei in Erfurt verarbeitet. Weitere Bezugsquellen sind eine Großmälzerei mit Standorten in Bremen und im Ruhrgebiet sowie eine weitere in der Rhön. Die Hütt-Brauerei ist also nicht allein von lokalen Ernteerträgen abhängig.

Diese könnten aber trotz des trockenen Sommers 2018 noch weitaus höher sein, sagt Stefanie Wittich, Sprecherin des Kreisbauernverbands. Zwar ist der Braugersteertrag in Hessen nach Angaben der deutschen Braugersten-Gemeinschaft in 2018 im Vergleich zum Vorjahr um rund elf Prozent auf 49,6 Dezitonnen pro Hektar zurückgegangen, doch stiegen die Zahlen für das aktuelle Jahr wieder an und es gebe gerade in der Region gute Bedingungen für den Anbau von Braugerste, sagt Wittich.

Stefanie Wittich ist Sprecherin des Kreisbauernverbands

„Bei der Gerste beobachten wir stabile Kulturen, um die man sich aktuell keine Sorgen machen muss, sondern eher darüber Gedanken machen kann, den Anbau in der Region noch auszubauen.“ Trotz einer stetigen Steigerung der Anbaufläche für Gerste von 454 (2017) und 526 (2018) auf 616 Hektar in 2019 sei Gerste im Landkreis Kassel im Vergleich etwa zum Werra-Meißner-Kreis noch immer ein kleinflächig angebautes Getreide. Auch aus Marketinggründen könnte ein verstärkter Anbau Sinn ergeben, sagt Wittich. „Man hätte mit dem Bauern, der die Gerste anbaut, ein lokales Gesicht zum Bier.“

Kein Anlass zur Sorge

Die aktuellen Zahlen geben also keinen Anlass zur Sorge, dass deutsches Bier bald auf das Preisniveau von Sekt steigen könnte. Trotzdem werden Stimmen laut, die das Reinheitsgebot zur Debatte stellen, sagt Frank Bettenhäuser. 

Kleine Craft-Beer-Hersteller würden eine Öffnung des Gebots für lokale, natürliche Stoffe – etwa Bier auf Zapfenbasis – befürworten, während große Hersteller zwar auch auf eine Lockerung drängten, aber eher um gegebenenfalls auch mit Mais oder Reis zu brauen. Bettenhäusers Devise lautet: „Den Markt beobachten, weitere Spezialitäten anbieten und je nach Gebotslage in eine Nische ausweichen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.