"Hessen sichert Artenvielfalt"

Interview: Hessen-Forst-Chef Gerst weist Kritik an Naturwald-Konzept zurück

+
Artenreicher Naturwald am Edersee: Die jüngste Erweiterung von Naturwaldflächen im Hessischen Staatswald um 6800 Hektar stößt nicht überall auf Gegenliebe. Hessen Fort erkennt darin einen Beitrag zum Erhalt von Artenvielfalt, einzelne Interessenverbände dagegen eher nicht.

Hessen Forst wirbt damit, Artenreichtum im Staatswald zu erhalten. Doch werden auch kritische Stimmen laut – wie vom Hessischen Waldbesitzerverband.

Aber auch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sieht das differenziert. Jüngster Anlass: Die Umwidmung weiterer Flächen im Reinhardswald und am Edersee in stillgelegten Naturwald, die Hessen Forst als Beitrag zum Erhalt von Artenvielfalt sieht. Stimmt die Kritik? Ein Gespräch mit Michael Gerst, Landesbetriebsleiter von Hessen Forst.

Herr Gerst, Ihre Behörde teilte jüngst mit, Hessen sichere Biodiversität im Wald. Ist das Imagepflege, oder meinen Sie das ernst?

Ja, natürlich ist uns das ernst. Seit jeher ist für die Forstleute von Hessen Forst Biodiversität ein Thema bei der Bewirtschaftung des Staatswaldes, weil Vielfalt die Stabilität im Wald fördert und ihn zugleich abwechslungsreicher macht. Unsere Naturschutzleitlinie wird deshalb von den Praktikern im Wald in der täglichen Arbeit umgesetzt.

Lässt sich mit aktuellen Strategien – wie die Einrichtung von Naturwäldern – wirklich etwas für den Naturschutz leisten?

Unsere Strategien sind wissenschaftlich fundiert. Wir leisten damit wichtige Beiträge zum Arten-, Biotop- und Naturschutz – davon sind wir überzeugt. Arten, die auf Strukturen der Alters- und Zerfallsphase angewiesen sind, profitieren von der Stilllegung, andere Arten, die wärmeliebend oder auf besondere Vegetationsgesellschaften auf Lichtungen angewiesen sind, profitieren von einer Bewirtschaftung. Insofern stehen wir für integrierten Naturschutz. Schützen und Nutzen sind für uns keine Gegensätze.

Bitte sagen Sie etwas zu folgenden kritischen Bemerkungen: Die Einrichtung von Naturwäldern reduziert Biodiversität, weil durch Nutzung und Kultivierung entstehende Kleinhabitate wegfallen!

Zehn Prozent des hessischen Staatswalds sind heute einer natürlichen Waldentwicklung und Dynamik vorbehalten, auf den verbleibenden 90 Prozent der Fläche können weiterhin Kleinhabitate durch die Bewirtschaftung entstehen. Zusammen ergibt das reichlich Vielfalt.

Wälder, in denen das Holz ungenutzt liegen bleibt, setzen wieder Kohlendioxid frei! Gleichzeitig kommt das Holz von woanders her – oft aus zweifelhaften Quellen, die nicht nachhaltig sind!

Kurzfristig steigt im nicht bewirtschafteten Wald der Holzvorrat an, wodurch mittelfristig mehr Kohlendioxid gebunden wird. Langfristig erhöht bei konstanten Holzvorräten eine Holzverwendung die Kohlendioxid-Senkleistung, da Kohlendioxid langfristig in Holzprodukten gespeichert wird. Ich rate Verbrauchern, zertifiziertes Holz oderdas aus der Region zu bevorzugen.

Die Stilllegung von Waldflächen wirkt sich negativ auf die Holzverfügbarkeit aus! Dabei ist Holz - was die Energie- und Klimabilanz angeht - der effizienteste Baustoff!

Holz ist ein wunderbarer Rohstoff und für den Klimaschutz wichtig. In Deutschland wird mehr Holz verbraucht, als nachhaltig geerntet werden kann. Trotzdem folgen Waldbesitzer und Förster seit über 300 Jahren dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Der Erfolg: die Waldflächen haben stetig zugenommen, die Holzvorräte sind gestiegen, die Artenvielfalt im Wald ist hoch. An diesem Prinzip werden nicht rütteln. Wenn jetzt auf zehn Prozent der Staatswaldfäche kein Holz mehr eingeschlagen wird, bedeutet das nicht, dass wir dies an anderer Stelle künftig kompensieren.

Die genannten kritischen Thesen stammen von verschiedenen Interessenverbänden. Wie wollen Sie einen Interessenausgleich hinbekommen?

Wir sind mit Vertretern aller Interessengruppen im Gespräch und gehen transparent mit den Grundsätzen unserer Waldbewirtschaftung um. Im Rahmen des ersten Staatswaldforums waren 2017 die Interessenvertreter an der Novellierung der „Richtlinie für die Bewirtschaftung des hessischen Staatswaldes“ beteiligt. Sie haben Ihre Standpunkte zu verschiedensten Zielen dargelegt. Daraus ist im Umweltministerium die neue Richtlinie entstanden, die einen Kompromiss unterschiedlicher Zielsetzungen und Interessen abbildet und für Hessen Forst nun maßgebend ist.

Wie sieht Ihrer Auffassung nach ein zukunftsfähiger Wald aus?

Gemischt und strukturreich. Unser Ziel ist ein klimastabiler Mischwald, auf den Hessen Forst schon seit Jahrzehnten hinarbeitet. Die Kahlflächen, die jetzt durch Sturm, Käfer- oder Pilzbefall entstanden sind, stellen uns vor eine besondere Herausforderung bei der klimastabilen Wiederbewaldung, weil herkunftsgesichertes Saat- und Pflanzgut ebenso wie Arbeitskräfte knapp sind. Wir arbeiten deshalb mit Naturverjüngung und reichern sie dort, wo erforderlich, mit klimarobusten Baumarten an. Hierfür ziehen wir wissenschaftliche Grundlagen heran und arbeiten eng mit der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt zusammen.

Wie weit ist Hessen Forst davon noch entfernt?

Auf großen Flächen sind wir durch jahrzehntelange Arbeit und Pflege dort, wo wir hinwollten. Die Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur bestätigen dem hessischen Staatswald eine hohe Baumartenvielfalt und Strukturreichtum. Doch Waldumbau dauert und bleibt mit Risiken verbunden. Die Forstwirtschaft ist nun mal naturgebunden und sehr langfristig ausgerichtet. Jede Förstergeneration arbeitet nach den aktuellen und neuesten Erkenntnissen für die Zukunft des Waldes.

Zur Person

Hessenforst 13. Oktober 2015

Michael Gerst (60) ist seit 2001 Leiter des Landesbetriebs Hessen Forst und damit verantwortlich für einen der größten mitteleuropäischen Staatswaldbetriebe überhaupt. Gerst stammt aus Breitenbach. Nach Studium und Referendarzeit in der Hessischen Landesforstverwaltung erfolgte 1986 seine Anstellung im Forstministerium in Wiesbaden. 1992 übernahm er die Leitung des Forstamts Wiesbaden-Chausseehaus, bevor er 2001 die Leitung des Landesbetriebs übernahm.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.