Bezirksverband der IG Bau sieht schwarz

8700 Arbeitern im Kreis Kassel droht die Altersarmut - Kritik an Niedriglöhnen

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Dunkle Wolken über den Beschäftigten des Baugewerbes: Laut Angaben der IG Bau sind die Einkünfte von Arbeitnehmern in der Baubranche vielfach zu niedrig, als dass damit eine sichere Altersvorsorge aufgebaut werden kann. 

Kreis Kassel. Der Boom in der Baubranche hält an. Das hat allerdings auch seine Schattenseiten. Vielen Arbeitnehmern in der Branche droht die Altersarmut. 

Aktualisiert: 11. Januar, 17.44 Uhr - Der Boom in der Baubranche hält weiter an. Davon gehen zumindest der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie sowie der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes aus. Beide rechnen in 2019 mit einem Umsatzplus von 6 Prozent.

Doch hat der Boom auch seine Schattenseiten, „denn damit ufert auch der Niedriglohnsektor aus“, kritisiert Klaus Michalak, Vorsitzender des Bezirksverbandes Nordhessen der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) mit Sitz in Kassel. 

So drohe rund 8700 Vollzeit-Beschäftigten im Landkreis Kassel im Alter Hartz IV. „Diese 8700 Kräfte verdienen weniger als 2200 Euro brutto im Monat“, sagt Michalak. „Arbeitnehmer mit solch einem niedrigen Einkommen werden im Alter mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf staatliche Stütze angewiesen sein.“

Ein Arbeitnehmer muss mindestens 12,63 Euro pro Stunde verdienen

Das ergebe sich aus Berechnungen der Bundesregierung. Danach muss ein Vollzeit-Arbeitnehmer im Schnitt mindestens 12,63 Euro pro Stunde verdienen, um nach 45 Beitragsjahren bei der Rente oberhalb der staatlichen Grundsicherung zu landen. 

Stefan Michalak

„Einige werden zwar das Glück haben, dass der Ehepartner besser verdient und so die Renten-Haushaltskasse später aufbessert. Doch für viele ist die Rente selbst dann noch extrem knapp“, sagt Michalak.

Aktuell spricht der Gewerkschafter von einem Ausufern des Niedriglohnsektors und kritisiert dabei sowohl die Politik als auch die Bauwirtschaft. „Bei vielen Beschäftigten ist die Angst groß, in Hartz IV abzurutschen. Deshalb akzeptieren sie auch Niedriglöhne.“ 

Etliche Unternehmen nutzten das schamlos aus, „sie zahlen kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn“. Dabei hätten angesichts des Baubooms die meisten Betriebe durchaus Spielräume, mehr zu bezahlen.

Tarifverträge als Absicherung

Eine wichtige Absicherung gegen Armutsrenten sind Tarifverträge, sagt die IG Bau. So lag der durchschnittliche Tariflohn nach der letzten bundesweiten Berechnung bei 17,90 Euro pro Stunde – und damit deutlich über dem Armutsrisiko. Ein gelernter Bauarbeiter verdient nach Tarif sogar 20,63 Euro in der Stunde. Michalak: „Wer jedoch für die gleiche Arbeit nur den speziellen Bau-Mindestlohn bekommt, der hat Monat für Monat 980 Euro weniger auf dem Lohnzettel. Ihm gehen damit wichtige Rentenpunkte verloren.“ 

In Zeiten eines massiven Fachkräftemangels im Handwerk sollten Arbeitnehmer auf dem Tariflohn bestehen, rät die IG Bau, zumal in Tarifverträgen oft auch Betriebsrenten vereinbart seien – eine zusätzliche Absicherung gegen Altersarmut. Michalak verweist auf das Modell vom Bau. Dort werden Beiträge von der Sozialkasse der Bauwirtschaft (Soka-Bau) eingezogen und später als monatliche Tarifrente ausgezahlt. Je nach Höhe und Dauer der Beiträge kann die monatliche Extra-Rente mehr als 200 Euro ausmachen. 

Mit Niedriglohn keine Chance auf private Altersvorsorge

Zu der Warnung der IG Bau, dass 8700 Beschäftigten im Landkreis im Alter Hartz IV drohe, äußern sich auch die Verbände: 

Laut des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind mit Blick auf die Gesamtheit aller Armen in Deutschland (das sind 13,7 Mio. Menschen) aktuell 24,8 Prozent Rentner sowie 33,2 Prozent Erwerbstätige. 

Keineswegs handele es sich bei diesen 33,2 Prozent der Erwerbstätigen nur um sogenannte Minijobber. „Minijobber machen nur etwas mehr als ein Viertel der erwerbstätigen Armen aus“, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. „Die ganz überwiegende Mehrheit ist mehr als nur geringfügig tätig und 41 Prozent sind sogar voll erwerbstätig.“ 

Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht von Armut, wenn es Menschen an Teilhabemöglichkeiten fehlt, die für die Mehrheit der Bevölkerung selbstverständlich sind. Mit dieser Definition wird einer bereits über 30 Jahre alten EU-Konvention entsprochen.

Dass Vollbeschäftigung, egal in welcher Branche, längst nicht mehr vor Altersarmut schützt, ist auch die Beobachtung des Sozialverbands VdK Hessen-Thüringen. 

„Menschen, die Vollzeit im Niedriglohnsektor arbeiten, haben auch nach jahrzehntelanger regelmäßiger Arbeit keine Chance, eine private Altersvorsorge aufzubauen“, sagt VdK-Sprecher Gerd Fischer. 

Entsprechend nehme der Anteil der Bevölkerung, der von Armut betroffen ist, stetig zu. Habe die Armutsgefährdungsquote in Hessen 2007 noch bei 12 Prozent gelegen, lag sie zehn Jahre später schon bei 15,4 Prozent.

„Das Problem der Altersarmut wird sich massiv verschärfen, wenn Arbeitnehmer, die heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, in Rente gehen“, sagt Fischer. 

Die Forderungen des VdK

  • Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde. 
  • Neuberechnung des Regelsatzes bei der Grundsicherung im Alter. 
  • Einführung eines Freibetrags für Grundsicherungsbezieher. 
  • Anhebung des Rentenniveaus auf 50 Prozent. 
  • Einführung einer Mindestrente, „die den Namen auch verdient hat“, so Fischer.

Das sagen die Bauverbände: "Keine Gefahr für Altersarmut"

Kritik an Aussagen der IG Bau

Auf heftige Kritik stoßen die jüngsten Äußerungen des Bezirksverbandsvorsitzenden der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) für Nordhessen (wir berichteten), Stefan Michalak, zum Thema drohende Altersarmut bei 8700 Vollzeitbeschäftigten im Landkreis Kassel.

Es sei schlicht nicht nachvollziehbar, wie Bezirksverbandsvorsitzender Michalak auf diese viel zu hoch angesetzte Zahl komme, erklären Anne Fenge, Bezirksgruppenvorsitzende des Bauindustrieverbandes Hessen-Thüringen für Nordhessen, und Andreas Lieberknecht, Geschäftsführer des Verbands Baugewerblicher Unternehmer in Hessen. So seien zumindest im Bauhauptgewerbe im Landkreis Kassel gerade einmal rund 2000 Arbeitnehmer in Vollzeit beschäftigt. „Und selbst bei diesen 2000 Beschäftigten ist keineswegs davon auszugehen, dass diese weniger als 2200 Euro pro Monat brutto verdienen, sodass im Alter eine Armutssituation befürchtet werden müsste“.

Zudem sei die Rechnung Michalaks mit lediglich 12,63 Euro pro Stunde nicht nachvollziehbar. So liege allein schon der gesetzliche Mindestlohn für Facharbeiter im Baugewerbe bei 14,95 Euro pro Stunde (15,20 Euro ab 1. März 2019).

„Richtig ist, dass Kräfte der Lohngruppe I, also Ungelernte, ein Mindestlohn von 11,75 zusteht“, sagt Fenge. Jedoch sei der Anteil von Beschäftigten der Lohngruppe I im Bauhauptgewerbe im Landkreis Kassel sehr klein. „Hier werden hauptsächlich nur Facharbeiter beschäftigt, die zudem noch in aller Regel deutlich mehr verdienen als nur den gesetzlichen Mindestlohn.“

Der Grund: Der Organisationsgrad der Baufirmen im Landkreis Kassel ist sehr hoch. Soll heißen: „Von rund 170 Firmen im Bauhauptgewerbe im Kreisgebiet sind gut 120 arbeitgeberverbandlich organisiert – und somit tarifgebunden“, sagt Lieberknecht. So seien also eher Tariflöhne die Regel (20,63 für einen gelernten Bauarbeiter, Lohngruppe IV) – und eben nicht die Mindestlöhne. „Das gilt auch für den Ausbildungsbereich. Das Baugewerbe weist gleich hinter den Banken das zweitbeste Vergütungsgefüge auf“, erklärt Lieberknecht.

Nicht zuletzt führe der Fachkräftemangel dazu, dass es sich „kein Baubetrieb mehr leisten kann, seine Mitarbeiter schlecht zu bezahlen“, sagt Fenge. „Arbeitnehmer mit schlechter Bezahlung würden stiften gehen.“ Auch könne von Preisdruck bei den Unternehmen keine Rede sein. „Derzeit sind die Auftragsbücher der Baufirmen voll.“

So halten Fenge und Lieberknecht den jüngsten Vorstoß der IG Bau für nicht zutreffend. „Die Gefahr von Altersarmut ist kein Problem des Baugewerbes, sondern ein gesamtgesellschaftliches.“

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