MS-Betroffene erzählen

Ärztemangel: Patienten warten im Kreis Kassel lange auf Termin bei Neurologen

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Leben mit MS: Brigitte Krug läuft heute mit einem Stock, Jürgen Klahold braucht Hilfe, wenn er Treppen steigt.

Eine neurologische Krankheit ist ein Schicksalsschlag, der Betroffene oft ratlos zurücklässt. Wie geht man damit um? Zwei Betroffene sprechen darüber.

Bei Jürgen Klahold begann die Krankheit mit einem Gefühl, als hätte er Ameisen unter den Fußsohlen. Bei Brigitte Krug mit Ausfallerscheinungen im linken Bein. Multiple Sklerose (MS), bei der das zentrale Nervensystem angegriffen wird und Motorik, Sensibilität und andere Körperfunktionen beeinträchtigt. Keine Heilungschancen. 

Einige Menschen landen früher oder später im Rollstuhl. „Nicht mehr selbst gehen zu können, davor habe ich panische Angst“, sagt Krug, die in Baunatal lebt. Die 63-Jährige, die 2005 an MS erkrankte, hat sich immer gern bewegt: Wandern, Tanzen, Joggen. Heute ist alles anders: „Ich freue mich, wenn ich eine halbe Stunde spazieren gehen kann“, sagt Krug, die mit einem Stock unterwegs ist.

Sie ist schnell abgeschlagen, müde, erschöpft. Auch Schwindel ist ein ständiger Begleiter, aber ebenso ihr Humor: „Morgens ist mein Gleichgewicht teils so, als hätte ich schon eine Flasche Cognac getrunken.“ Oder: „Ich kann mich nicht mehr mit gesunden Menschen messen, ich jogge lieber mit einer Schnecke.“ 

Um den Verlauf der Krankheit einzudämmen (anfangs schubweise, später stetig schlechter werdend), hat sie ihr Leben umgestellt: viel Obst und Gemüse, kein Fleisch, regelmäßige Bewegung, Stress vermeiden. Zufrieden sein, trotz MS. Das helfe vermutlich, zumindest habe sie keine Schübe mehr gehabt.

Auch Jürgen Klahold, der 2007 die ersten Symptome hatte und 2008 die Diagnose bekam, setzt darauf, sein Leben möglichst weiter zu genießen: „Erst habe ich mir beim Essen vieles verboten, die erste Currywurst mit Pommes nach langer Zeit war dann ein Hochgenuss“, sagt der Mann aus Kassel. Bisher seien die Beeinträchtigungen durch MS bei ihm noch nicht so ausgeprägt: „Treppen laufen zum Beispiel geht noch ganz gut, wenn auch nur mit einer Hand am Geländer.“ Doch wer weiß, wie lange noch? „Natürlich ist Ungewissheit da, weil mir niemand genau sagen kann, wie die Krankheit verläuft.“

Körper spielte verrückt: Diagnose ließ lange auf sich Warten

Dieses zermürbende Nicht-Wissen hat Krug und Klahold anfangs schwer zu schaffen gemacht. Bis sie die Diagnose MS von einem Arzt erhielten und wussten, warum ihr Körper so verrückt spielte, ging bei Klahold rund ein Jahr ins Land, bei Krug dauerte es sogar zwei Jahre.

Sie brauchten Medikamente, hatten Symptome. „Und viele Fragen über Behandlung, Krankheitsverlauf und mehr. Leider haben Neurologen nicht ausreichend Zeit, Fragen zu beantworten“, sagt Klahold. Nicht, dass sie nicht wollten, sie hätten nur zu viel zu tun. 

Um Menschen mit MS dabei zu helfen, passende Medikamente zu finden, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen und für Arztgespräche informiert zu sein, engagieren sich Klahold (Leiter) und Krug in der Selbsthilfegruppe MS-Stammtisch Baunatal. Krug sagt: „Je mehr an MS-Erkrankte über die Krankheit wissen, desto gelassener sind sie.“

Aufnahmestopp für Patienten 

Wie knapp die Zeit bei den Neurologen wirklich ist, mache sich auch bei den Terminen bemerkbar: „Ich mache meine immer ein Quartal vorher, sonst wird’s knapp. Bei meinem Arzt gibt es sogar mittlerweile einen Aufnahmestopp für Patienten.“ Er wolle Neurologen keinen Vorwurf machen, „es gibt schlichtweg zu wenige.“ Zumal das Einzugsgebiet in Nordhessen riesig sei und Patienten von weit her kämen. 

„Wir haben den Vorteil, dass wir schon im System sind und kriegen so leichter Termine“, sagen Krug und Klahold. Aber Menschen, die kürzlich ihre MS-Diagnose bekommen haben, ginge das nicht so einfach, und gerade die bräuchten schnell Hilfe und Betreuung.

Kontakt: Der MS-Stammtisch Baunatal trifft sich jeden zweiten Montag eines Monats, 16.45 bis 19.15 Uhr, Café „Atempause“ KSV Sportwelt (neben dem Aqua Park), Altenritter Straße 37, Baunatal. Das Café ist barrierefrei.

"Wir brauchen dringend Neurologen"

Neurologische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch, auch in Nordhessen. Das bestätigt auch Yogesh Shah, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Kassel. „Wir sehen einen Trend, dass Parkinson, Demenzen und Schlaganfälle häufiger werden, auch künftig. Damit wird die Neurologie immer größer.“ Konkrete Zahlen, wie sich die Krankheiten entwickelt haben und werden, gibt es nicht, sagt Shah. „Deutschland ist ein Flickenteppich, was solche Daten angeht.“ 

Lediglich beim Thema Schlaganfall gibt es Prognosen, sagt er und verweist auf das Deutsche Ärzteblatt. Dort wird geschätzt, dass die Zahl der Schlaganfälle in Hessen bis zum Jahr 2030 auf 29.600 Neuerkrankungen pro Jahr steigt. 

Den Anstieg bei den neurologischen Leiden bekommt man auch in der Klinik für Neurologie an den DRK-Kliniken Nordhessen zu spüren. Im vergangenen Jahr kamen statt der erwarteten 900 insgesamt rund 1400 Patienten. Das liege nicht nur am demografischen Wandel, sondern auch an der ärztlichen Unterversorgung in der Region, sagt Dr. Christian Roth, der am Standort Wehlheiden Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie ist. 

Engpässe in zentralen Notaufnahmen 

Neurologen seien Mangelware, vor allem ambulante, sagt Roth. „Patienten müssen bis zu einem halben Jahr auf einen Termin bei niedergelassenen Neurologen warten.“ 

Immer mehr Menschen kämen deswegen in die zentrale Notaufnahme, erläutert Roth, was hier auch zu Engpässen führe. „Zum Glück sind wir neurologisch im stationären Bereich in der Region besser aufgestellt als bei ambulanten Ärzten“, sagt er. Zum einen durch das Klinikum Kassel, zum anderen durch die Neurologie in der DRK-Klinik. Beim Blick auf die Region warnt Roth dennoch: „Vor allem im ambulanten Bereich brauchen wir unbedingt mehr Neurologen, ansonsten steuern wir auf ein Riesenproblem zu.“ 

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Kassenärztliche Vereinigung sieht keine Unterversorgung 

Es müsse sich politisch dringend etwas ändern, damit Nordhessen für Nervenärzte attraktiver wird: „Ein Neurologe bekommt beispielsweise in Niedersachsen oder Baden-Württemberg für die gleiche Leistung mehr Geld pro Patient als in Hessen.“ Da könne man die Ärzte verstehen, wenn sie sich nicht hier niederließen. 

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) sieht übrigens keine Unterversorgung für Stadt und Landkreis Kassel: Der Versorgungsgrad für Nervenärzte liege im Landkreis Kassel bei rund 126 Prozent und in der Stadt Kassel bei 138 Prozent (Stand: 1. Oktober 2018), teilt KVH-Sprecher Karl Roth auf HNA-Anfrage mit. 

Allerdings weist er auf einen Fehler im System hin: „Es ist vom Gesetzgeber so festgelegt, dass sowohl Psychiater als auch Neurologen in den Topf der Nervenärzte geworfen und gemeinsam gezählt werden, wenn es um die prozentuale Abdeckung geht.“ Jedoch behandeln nur Neurologen die Nervenkrankheiten wie Parkinson und Multiple Sklerose und nicht Psychiater. „Es fehlt also eine Feindifferenzierung“, sagt Roth. Die Statistik zeige also ein Überangebot an, wo eigentlich Mangel besteht.

Gesundheitsministerium: Neues Gesetz soll ab 1. Mai Versorgung verbessern

"Durch die aktuelle Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) werden Neurologen und Psychiater in einen Topf geworfen“, sagt Doris Berve-Schucht, Sprecherin des Bundesministeriums für Gesundheit. Der G-BA ist durch den Gesetzgeber beauftragt zu entscheiden, welche medizinischen Leistungen Versicherte in Deutschland beanspruchen können und wie die ärztliche Versorgung aussieht. Von diesem Gremium werden bislang Neurologen und Psychiater unter dem Oberbegriff der Nervenärzte geführt, eine Einteilung die die Kassenärztliche Vereinigung (KVH) übernimmt. 

Das könne dazu führen, dass man in manchen Regionen trotz Mangels davon ausgeht, dass genug Ärzte da sind. „Das soll sich mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz ändern, das im Mai in Kraft treten soll“, sagt Berve-Schucht. Das Gesetz sehe vor, die flächendeckende, ambulante Versorgung zielgenauer und flexibler zu machen. Dazu solle der G-BA, der den Arztbedarf im Blick hat, seine Bedarfsplanungsrichtlinie anpassen.

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