"Cool, stylisch und smart"

Jeder Vierte fährt elektrisch: E-Bike-Boom hält in Stadt und Kreis Kassel an

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Hat den Trend in der Hand: Sandra Appel (44), die mit ihrem Mann Andreas Appel den Fahrradladen Pedalwerk in Baunatal führt, mit einem E-Lastendrad, das immer mehr Menschen für sich entdecken.

Kreis Kassel. Der E-Bike-Boom geht weiter: Mittlerweile hat rund jedes vierte Fahrrad in Stadt und Landkreis Kassel einen Elektromotor.

Das sind vor allem Pedelecs, die bis Tempo 25 das Treten erleichtern, teilte Klaus Gude vom ADFC Kassel Stadt und Land auf HNA-Anfrage mit. Bundesweit seien es sogar mittlerweile rund 3,5 Mio. Räder, sagt David Eisenberger, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbands.

Gründe für den andauernden Boom sind laut Gude zum Beispiel die vielen steilen Anstiege, die man in und um Kassel bewältigen muss. Außerdem hätten „Pedelecs der neueren Jahrgänge nichts mehr mit dem Reha-Image der Anfänge gemein: sie sind cool, stylish, smart“, erklärt er. Das würde nicht nur oft kaufkräftige Senioren begeistern. Auch junge Menschen griffen im Laden immer häufiger zu den Pedelecs, zumal auch das Umweltbewusstsein steige und nicht zuletzt die Kraftstoffpreise. Somit werde das Rad mit Elektro-Motor mehr und mehr zum Alltagsgerät.

Räder sind nicht mehr wegzudenken

Das bestätigt auch Sandra Appel, die mit ihrem Mann Andreas Appel das Fahrradgeschäft Pedalwerk in Baunatal führt. „Menschen wollen immer mehr ihre Alltagswege mit dem Pedelec bewältigen“, sagt die Verkäuferin. Deswegen sei die Nachfrage ungebrochen hoch: Über 50 Prozent der Räder, die in ihrem Laden den Besitzer wechseln, sind Pedelecs. 2008 hätten sie die ersten Modelle verkauft, seit rund vier Jahren seien die Räder nun nicht mehr wegzudenken. Zu einem Trend entwickelten sich E-Lastenräder. „Damit können die Menschen auch den Einkauf bewältigen“, sagt Appel.

Die höhere Zahl von E-Bikes, insbesondere von E-Lastenrädern, wirkt sich aber auch auf den Straßenverkehr aus, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. „Potenziell langsame Radfahrer sind schnell unterwegs und mehr ungeübte Radfahrer im Verkehrsraum“, sagt Kühlborn. Er plädiert „für mehr gegenseitige Rücksichtnahme von allen Verkehrsteilnehmern“. Außerdem reichten die Radwegebreiten nicht mehr aus für die wuchtigen Räder und E-Bikes mit Anhängern.

Das sei weniger ein Problem auf den touristischen Radwegen wie dem Fuldaradweg R1 oder dem Diemelradweg. Kritisch sei es „unter anderem im Radwegenetz innerorts oder den Radrouten, die Alltagsradlern und Pendlern dienen. Sie sind oftmals landwirtschaftlich genutzte Wege, die für den Radverkehr freigegeben sind“, sagt Kühlborn. Oft seien finanzielle Mittel oder fehlende personelle Ressourcen in den Kommunen ein Hemmnis bei der Planung und Umsetzung von Radverkehrsmaßnahmen.

Das sagt der ADFC: Neue Radwege entstehen langsam

„Die Stadt Kassel und der Zweckverband Raum Kassel (ZRK) haben Verkehrsentwicklungspläne mit Zieljahr 2030 beschlossen, die umfangreich Aussagen zum Radverkehr beinhalten“, sagt Jürgen Vöckel, stellvertretender Koordinator des ADFC Kassel-Stadt und Land. „Gegenwärtig erstellt der ZRK eine Machbarkeitsstudie für drei Raddirektverbindungen von Helsa/Kaufungen, Baunatal und Vellmar nach Kassel.“ Diese soll Ende des Jahres vorliegen. 

„Wenn die bereits vorliegenden und in Kürze noch entwickelten Konzepte umgesetzt werden, kann man von einer Fahrradlandschaft sprechen, die eine Steigerung des Radverkehrsanteils am Gesamtverkehr erwarten lassen würde.“ Dadurch könne die Umweltbelastung durch Abgase und Lärm in der Stadt und im Landkreis verringert werden. 

Nach allen Erfahrungen werde die Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur nur langsam vonstatten gehen und einen nur schwerlich akzeptierbaren Zeitraum weit übersteigen. „Deshalb hat sich die Initiative Radentscheid Kassel gebildet, die ein Bürgerbegehren anstrebt, das eine schnellere Realisierung der Projekte zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur zum Ziel hat.“

„E-Bikes werden zum Teil frisiert“

Immer mehr Menschen sind mit E-Bikes unterwegs. Polizeisprecher Torsten Werner spricht über Unfälle, getunte Räder und Sicherheit.

Gibt es durch die erhöhte Anzahl von E-Bikes auf den Straßen mehr Unfälle? 

Torsten Werner: Die Unfallzahlen haben eine leicht steigende Tendenz. Hintergrund sind die steigenden Verkaufszahlen und die damit einhergehende Anzahl der Pedelecs, S-Pedelecs und E-Bikes im Straßenverkehr. Waren es im Landkreis 2015 noch sieben Pedelec-Unfälle, waren es 2017 schon neun. In diesem Jahr sind bislang vier Pedelec-Unfälle passiert. In der Stadt Kassel verzeichneten wir 2015 neun Pedelec-Unfälle, im laufenden Jahr waren es bereits zwölf.

Fällt sonst noch etwas auf? 

Werner: Hinsichtlich der Nutzung und dem vermehrten Vorkommen im öffentlichen Straßenverkehr gibt es keine besonderen Auffälligkeiten. Gleichwohl stellen unsere Beamten fest, dass diese Zweiräder zum Teil auch frisiert werden. Das heißt, die Geschwindigkeit wird durch unterschiedliche Manipulationen erhöht. Dies hat Folgen für die Betriebserlaubnis. Auch das Führerschein- und Versicherungsrecht werden dabei tangiert.

Was empfehlen Sie Menschen, die sich E-Bikes anschaffen? 

Werner: Wichtig ist, sich nach dem Kauf zunächst mit der Bedienung und dem Fahrverhalten vertraut zu machen, bevor man im Straßenverkehr unterwegs ist oder sich auf große Reise begibt. Auch ein Fahrtraining, das beispielsweise vom ADFC angeboten wird, gibt Sicherheit. Dass ein Zweirad auch verkehrssicher ist, muss selbstverständlich sein. Ansonsten gelten dieselben Empfehlungen, wie für alle Verkehrsteilnehmer: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

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