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Bordsteine und Treppen: Wie rollifreundlich sind die Kommunen im Kreis Kassel?

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Ihre Barrieren fallen Menschen ohne Gehbehinderung mitunter kaum auf: Unser Symbolbild zeigt einen Menschen im Rollstuhl beim Behindertentag in Bad Hersfeld.

Wem das Gehen immer schwerer fällt oder gar nicht mehr möglich ist, der muss viele Hindernisse überwinden. Wo trifft das im Landkreis Kassel besonders zu?

Wer Treppenstufen locker nimmt, weiß mitunter nicht, wie unüberwindbar sie für gehbehinderte Menschen sind. In einer Rubrik testen wir, wie gut man im Landkreis mit Rollstuhl und Rollator vorankommt. 

„Wir leben hier in einer sehr hügeligen Gegend mit vielen alten Dörfern“, sagt Doris Brandstetter, Behindertenbeauftragte des Landkreises Kassel. „Alles behindertengerecht zu gestalten, ist eine Herausforderung.“ Oftmals fehle es an Platz, oder es müssten Steigungen überwunden werden. Das gelte für öffentliche Räume, die von Kommunen oder dem Landkreis betreut werden, aber ebenso für Privatleute, die Geschäfte betreiben.

Landkreis

„Wenn man auf die Gebäude des Landkreises schaut, sind wir in den meisten Fällen gut aufgestellt“, sagt Brandstetter. So sei zum Beispiel das Kreishaus in Kassel barrierefrei, ebenso wie die meisten Schulen und Sporthallen, deren Träger der Kreis ist. Diese seien zumeist recht neu, und dementsprechend habe man auf Barrierefreiheit oder zumindest -armut achten können.

Behindertenbeauftragte Doris Brandstetter

Anders sei das bei älteren Gebäuden. „Die Burg Wolfhagen, in der unsere Arbeitsförderungsgesellschaft angesiedelt ist, ist zwar sehr hübsch, aber alles andere als behindertengerecht“, sagt Brandstetter. Da gebe es Treppen und keinen Fahrstuhl – das zu ändern, sei wegen des Denkmalschutzes und der Gegebenheiten vor Ort kaum möglich. „Hier beißen sich auch Barrierefreiheit und Brandschutz. Letzterer verlangt Treppen“, sagt Harald Kühlborn, Gesundheitsreferent des Landkreises.

Kommunen

„Wie es in den Orten im Landkreis Kassel aussieht, ist unterschiedlich“, sagt Brandstetter. In manchen komme man beispielsweise kaum in einen Bus, weil die Haltestellen es nicht hergeben oder sie nur schwer erreichbar sind. Andere seien in dieser Sache vorbildlich. „Mittlerweile wird aber eigentlich bei kommunalen Bauprojekten darauf geachtet, dass sie zumindest barrierearm sind.“

Da habe ein Umdenkprozess stattgefunden. „Vor 30 Jahren hat man kaum Menschen mit Behinderung in den Orten gesehen. Das ist jetzt anders.“ Der Prozess zeige sich zum Beispiel beim Eingangsbereich des Tierparks Sababurg in Hofgeismar, der kürzlich erneuert wurde. Der sei barrierefrei gestaltet. Nachholbedarf sieht Brandstetter vielerorts bei barrierefreien, öffentlichen Toiletten.

Die 55-Jährige betont aber, dass solche Mankos selten am Willen der Bürgermeister krankten, sondern eher am fehlenden Geld. „Trotzdem muss auch in den Köpfen noch manche Barriere verschwinden.“ Dann könne ein stärkeres Bewusstsein für die Belange von beeinträchtigten Menschen entstehen. „Es gibt noch Sensibilisierungsbedarf“, sagt auch Kühlborn.

Privatleute

Gastronomie und Geschäfte seien ein eigenes Feld, auf das politische Entscheider wenig bis keinen Einfluss hätten, weil sie Privatleuten gehören. „In einigen Gaststätten sind die Toiletten im Keller und nur über Treppen erreichbar“, sagt Brandstetter. Stufen seien auch ein Problem bei manchen Geschäften. „Man kommt mit Rollstuhl oder Rollator gar nicht rein. Da muss sich was ändern.“

„Niemand darf ausgeschlossen werden“

„Manchmal ist es zäh“: Damit meint Katja Zöller Prozesse, in denen die Interessen von Menschen mit Behinderung umgesetzt werden sollen. Konkret: „Zum Beispiel wenn es darum geht, Stufen zur Bäckerei oder zum Kulturzentrum im Ort abzubauen“, sagt die Frau aus Ahnatal. 

Katja Zöller

Sie sitzt seit einem Motorradunfall im Jahr 1993 selbst im Rollstuhl – und wollte die Hindernisse, die sich für sie in „ihrem“ Ort ergaben, nicht einfach so hinnehmen. Zehn Jahre lang hat Zöller in der Gemeinde als Behindertenbeauftragte konkretes angepackt und tut es heute außerhalb des Amtes. „Auch wenn sich schon einiges getan hat, interessiert Barrierefreiheit immer noch nicht so viele Menschen“, sagt sie. 

Da müsse man dranbleiben. „Mitunter passiert auch nichts, oder erst nach langer Zeit“, sagt Zöller. Das sei frustrierend, eine Erfahrung die auch andere gemacht hätten, die sich für behinderte Menschen einsetzen. Zöller wird wütend, wenn sie darüber spricht: „Niemand darf ausgeschlossen werden, aber genau das passiert, wenn Barrieren bleiben.“ 

Ebenso wie die Behindertenbeauftragte des Landkreises Kassel, Doris Brandstetter, hätte auch Katja Zöller oft das Argument gehört: „Das lässt sich nicht lösen, darauf haben wir keinen Einfluss.“ Vor allem dann, wenn Privatleute beispielsweise ein Geschäft betreiben und ihr Eingang für Rollstuhlfahrer eine Hürde ist. „Da werden behördliche Probleme vorgeschoben, und dann bleibt das eigentliche Problem bestehen“, kritisiert Zöller. 

So auch bei der Postfiliale im Ortsteil Weimar, für die erst nach anderthalb Jahren des Engagements ein barrierefreier Eingang gebaut werden konnte. „Da konnte uns die Gemeinde leider nicht helfen.“ Dort einen zehn Zentimeter hohen Absatz zu beseitigen, sei nicht schwer gewesen. „Aber die Bürokratie hat es kompliziert gemacht.“

Neue Rubrik: „Barrierefreiheit im Landkreis“

In unserer Rubrik „Barrierefreiheit im Landkreis“ wollen wir uns Orte im Landkreis Kassel anschauen, die für gehbehinderte Menschen nicht oder nur schwer erreichbar sind. Damit das Ganze auch realistisch ist, machen wir den Praxistest gemeinsam mit Katja Zöller. Kennen Sie einen solchen Ort, wie eine Freizeitanlage oder ein Geschäft? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an kreiskassel@hna.de.

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