Entscheidung im April

Entscheidung steht bevor: Wird der Urwald im Reinhardswald noch größer?

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Naturbelassener Wald: Alter Baumbestand, hoher Totholzanteil und hohe Strukturvielfalt sind Merkmale eines Naturwaldes. Wichtig ist, dass jegliche wirtschaftliche Nutzung eingestellt wird, um eine natürliche Entwicklung zu ermöglichen.

Kreis Kassel. Wird der Urwald im Reinhardswald noch größer? Eine wichtige Entscheidung darüber soll noch im April 2019 fallen.

Voraussichtlich im April wird das hessische Umweltministerium darüber entscheiden, ob das schon vor zwei Jahren eingerichtete, rund 450 Hektar große Naturwaldreservat westlich von Veckerhagen nach Norden hin entlang der Weserberghänge um weitere 600 Hektar auf dann über 1000 Hektar Fläche vergrößert wird.

„Die Chancen dafür stehen gut“, sagt Mark Harthun vom Nabu-Landesverband. Allerdings würden derzeit noch zwei verschiedene Varianten geprüft. Während die Naturschutzverbände vor allem den Einbezug alter Buchenbestände weiter westlich in Betracht zieht, favorisiert Hessen Forst die Ausweisung weiterer Teile der Weserberghänge als Naturwald.

Schon vor einem Jahr hatten in Hessen die Naturschutzverbände Nabu, Bund, WWF, Greenpeace, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und die Hessische Gesellschaft für Ornitologie und Naturschutz 25 für die Einrichtung von Naturwald-Schutzzonen geeignete Waldgebiete vorgeschlagen. „Von diesen 25 Vorschlägen sind jetzt von Hessen Forst acht in die nähere Auswahl genommen worden, vier davon in Nordhessen“, sagt Harthun – darunter auch der Reinhardswald.

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Wird Urwald im Rheinhardswald größer?

Hintergrund für diese Vorschläge ist erstens die Verpflichtung des Landes, zehn Prozent des Hessischen Staatswaldes (insgesamt 320.000 Hektar) nach dem FSC-Standard für nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Bislang fehlen dafür 6800 Hektar Naturwald, die nun im April nachgeschoben werden sollen.

Zweitens gibt die Hessische Biodiversitätsstrategie vor, bis 2020 fünf Prozent der gesamten Waldfläche Hessens (894.000 Hektar) als Naturwälder auszuzeichnen. Bislang wurden nur drei Prozent ausgewiesen. Mit der nun anstehenden FSC-Zertifizierung werden aber gerade einmal 3,8 Prozent erreicht, „fehlen immer noch 1,2 Prozent“, sagt Harthun.

Und drittens verlangt die Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) die Ausweisung von Wildnisflächen auf mindestens zwei Prozent der gesamten Landfläche. „Von Wildnis wird gesprochen, wenn mindestens 1000 Hektar große, zusammenhängende Flächen wirtschaftlich nicht mehr genutzt werden“, sagt Harthun. Gerade aus diesem Grund sei der Reinhardswald so interessant. In ganz Hessen gebe es sonst nur noch zwei weitere Stellen, die sich für Naturwälder dieser Größenordnung eigneten – die Edersee-Steilhänge im Landkreis Waldeck-Frankenberg, sowie der Hinterlandswald im Taunus.

So könnten mit dem Reinhardwald gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. „Naturwälder leisten einen großen Beitrag für den Artenschutz“, sagt Harthun. „Und diese Chance sollte genutzt werden“.

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Naturwälder sind die Urwälder von morgen

Ein Naturwald ist ein Wald, der sich selbst überlassen bleibt. Das heißt: Er wird forstwirtschaftlich nicht mehr genutzt, sodass er wieder Urwaldcharakter bekommt. Naturwälder sind also die Urwälder von morgen. Wälder, die als Naturwälder geeignet sind, weisen schon jetzt wichtige Merkmale auf – alter Baumbestand, hoher Totholzanteil, hohe Strukturvielfalt. 

Sie sind großflächig und können daher verschiedene Lebensräume miteinander verbinden – von Talauen über trockene Bergkuppen bis hin zu wechselfeuchten Hängen. Mehr als 7500 Arten können in ihnen leben. Ein Wald wird dann Naturwald, wenn er komplett in Ruhe gelassen wird und entsprechend als Naturwald umgewidmet wird. Wälder mit entsprechenden Eigenschaften liegen meist schon in Gebieten, die bereits ganz oder in Teilen in irgendeiner Form unter Schutz stehen (FFH-Gebiete, NSG). 

Im Idealfall sind Naturwälder mindestens 1000 Hektar groß. Je größer die Fläche ist, desto stabiler und störungsfreier können sich Tiere und Pflanzen entwickeln. Tatsächlich sind solche großen, zusammenhängenden Waldgebiete auch in Hessen sehr selten geworden. Naturwälder dürfen grundsätzlich von Wanderern und Spaziergängern betreten werden – auch jenseits der Wege. Sie sind keine Naturschutzgebiete; dort wäre ein Verlassen der Wege untersagt. Dennoch sollten natürlich in Naturwäldern adäquate Verhaltensweisen an den Tag gelegt und Störungen aller Art vermieden werden.

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Naturwälder in Nordhessen

Folgende Wälder in Nordhessen sind als mögliche Naturwälder im Rennen:

  • Reinhardswald Weserberghänge (Kreis Kassel): Ausweitung des bestehenden Naturwalds von 449 auf 1057 Hektar. Besonderheiten: über 140 Jahre alte Buchenbestände, Hirschkäfer, Grau- und Schwarzspecht Fledermäuse, Schwarzstorch, Wildkatze. 
  • Grünes Band bei Wanfried (Werra-Meißner-Kreis): Ausweitung des bestehenden Naturwas von 44 auf 888 Hektar. Besonderheiten: verschiedene Orchideenarten. 
  • Edersee-Steilhänge (Landkreis Waldeck-Frankenberg): Ausweitung des bereits bestehenden Naturwalds von 439 auf 1067 Hektar. Besondere Arten: Totholzkäfer, Pilze, 500-jährige Eichen. 
  • Graburg bei Weißenborn (Werra-Meißner-Kreis): Ausweitung des bestehenden Naturwalds von 34 auf 209 Hektar. Besonderheiten: Orchideen, Türkenbund-Lilie.

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